Einfach machen – aber wer macht's?

Im Vorfeld des 130. Deutschen Ärztetages stand beim Dialogforum der Bundesärztekammer eine unbequeme Frage im Raum: Wie kann die ärztliche Selbstverwaltung Nachwuchs gewinnen, wenn die nachfolgende Generation zwischen Schichtdienst und Weiterbildungslogbuch kaum Zeit für ein Ehrenamt hat?

Dialogforum mit jungen Ärztinnen und Ärzten 2026

Am 11. Mai 2026 traf sich im Hannover Congress Centrum eine Gruppe von Ärzt:innen in Weiterbildung, um über die Zukunft der Ärzt:innenschaft zu sprechen. Unter dem Motto „Einfach machen. Selbstverwaltung der Zukunft“ diskutierten Nachwuchsmediziner:innen, Kammerfunktionär:innen und ein emeritierter Bundesrichter darüber, wie eine Selbstverwaltung aussehen könnte, die für die Generationen Y und Z – also Ärzt:innen, die ab 1981 geboren wurden – tatsächlich attraktiv ist. Die von der Bundesärztekammer (BÄK) organisierte Veranstaltung flankierte den 130. Deutschen Ärztetag und wurde von Dr. med. Ellen Lundershausen, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, als Schirmherrin eröffnet. „Heute ist der Tag der jungen Ärztinnen und Ärzte“, sagte sie und benannte umgehend zwei Strukturprobleme der Gremien: zu wenige Frauen und zu wenige Kolleg:innen mit Migrationsgeschichte. Zudem thematisierte Lundershausen die staatliche Alternative: „Ich kann Sie nur davor warnen, dass die Ärzt:innenschaft staatlich verwaltet wird. Ich habe das selbst erlebt.“

„Jünger, weiblicher und lebensechter“

Eine Echtzeit-Umfrage zu Beginn der Veranstaltung legte jedoch das eigentliche Grundproblem offen: 73 Prozent der rund einhundert Teilnehmenden gaben an, bereits in einer standespolitischen Organisation aktiv zu sein. Das Forum, das gerade die noch nicht Engagierten erreichen sollte, war zu drei Vierteln mit jenen besetzt, die längst dabei sind. Auch die Wortmeldungen aus dem Saal kamen überwiegend von den bereits Aktiven. Das diskutierte Problem zeigte sich somit im Auditorium selbst.

Die stärkste Stimme kam von Theresa Buuck, der Vorsitzenden des Ausschusses Junge Ärzt:innen der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern. „Die ärztliche Selbstverwaltung muss jünger, weiblicher und lebensechter werden“, forderte sie und erhielt dafür langen Applaus. Das strukturelle Problem sei nicht fehlendes Interesse, sondern Intransparenz, fehlende Zeit und das Gefühl: „Da passe ich nicht hinein“. Zum Thema Aufwandsentschädigung wurde sie deutlich: „Was nicht bezahlt ist, ist keine richtige Arbeit. Ehrenamt ja, aber Urlaub ist Urlaub.“ Ihr Appell an die eigene Generation lautete: „Warten Sie nicht darauf, irgendwann dran zu sein.“

Andrej Weissenberger, Arzt in Weiterbildung am Städtischen Klinikum Solingen, lieferte den klarsten Formatvorschlag: „Selbstverwaltung muss hybrid sein, digital, asynchron – sonst verlieren wir eine Generation.“ An die eigene Altersgruppe gerichtet, sagte er: „Wir dürfen nicht auf den roten Teppich warten. Man muss sich den Platz am Tisch selbst nehmen.“ Prof. Dr. iur. Ulrich Wenner, Vorsitzender Richter am Bundessozialgericht a. D., grundierte die Debatte rechtlich und schloss seinen Vortrag mit einem Imperativ: „Machen Sie sich mit dem Einklang der Rechtsordnung ans Werk! Sie haben einen so großen Spielraum wie keine andere Berufsgruppe!“

Eine zweite Umfrage zeigte dann die zentralen Hürden für die noch nicht Aktiven: fehlende Kenntnisse über Ämter und Strukturen, ein zu hoher Zeitaufwand und ein zu geringer Einfluss – in dieser Reihenfolge. Eine Ärztin aus dem Publikum brachte auf den Punkt: „Einfach machen“ sei super, aber „machen dürfen“ sei ein anderer Aspekt. Wer keine Freistellung durch den Chefarzt bekomme, könne nicht mitgestalten – egal, wie groß das Interesse sei. Ein Pädiater verwies auf das Machtgefälle in der Weiterbildung: Logbücher würden oft einfach unterschrieben und kritische Rückmeldungen oder Beteiligung in der Kammer lösen Angst vor Konsequenzen aus.

Überalterung und stille Reserve

Der thematisierte Nachwuchsmangel ist strukturell bedingt und vor allem gut dokumentiert. In vielen Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung liegt der Altersdurchschnitt aktuell deutlich über dem der aktiven Ärzt:innenschaft. Wer heute in einem Ausschuss einer Landesärztekammer sitzt, ist häufig seit Jahrzehnten dabei. Der Nachwuchs fehlt also nicht, weil er kein Interesse hätte, sondern weil der Weg ins Ehrenamt für viele junge Ärzt:innen unsichtbar, unattraktiv oder schlicht unvereinbar mit dem Alltag ist. Die Generationen Y (Geburtsjahre 1981 bis 1996) und Z (1997 bis 2012) prägen heute den ärztlichen Arbeitsalltag. Sie unterscheiden sich in ihrer Arbeitsweise grundlegend von früheren Generationen. Work-Life-Balance ist für sie keine Forderung, sondern eine Voraussetzung. Digitale Kommunikation und projektbasiertes Engagement sind für sie selbstverständlich; mehrstündige Präsenzsitzungen nach einem Zwölf-Stunden-Dienst hingegen nicht.

„Ich weiß eigentlich gar nicht, wie das funktioniert“

In einem Gespräch zur Vorbereitung auf das Dialogforum beschreibt ein 37-jähriger Facharzt für Allgemeinmedizin, der in einem überregionalen Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) angestellt ist, die ärztliche Selbstverwaltung zunächst als „administratives Monstrum“. Damit meint er alles, was zwischen ihm als Arzt und den Patient:innen liegt: Abrechnung, KV-Beschlüsse, Praxisorganisation, Lohnstrukturen. Es sind Dinge, von denen er sich „immer ferngehalten“ habe, weil sie ihn nicht interessierten. Er wolle Kontakt zu seinen Patient:innen, keine Verwaltung. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen.

Diese Haltung sei kein Einzelfall, sondern Programm. „Viele Ärzte sind schlechte Geschäftsleute“, sagt er und meint das ohne Vorwurf, eher als Selbstbeobachtung. Die Konzentration auf das Klinische, auf die Begegnung mit den Patient:innen, hat einen Preis: Das Bewusstsein dafür, wer die Rahmenbedingungen der eigenen Arbeit gestaltet, fehlt. Wer dafür verantwortlich ist und wie man sich daran beteiligen könnte, bleibt diffus. Und doch: Etwas verändert sich. Die Anstellung im MVZ lehrt ihn gerade auf die harte Tour, was fehlende Mitgestaltung bedeutet. „Im MVZ angestellt kriegst du einfach viel weniger von dem Gewinn, den du eigentlich durch deine Arbeit erwirtschaftest.“ Wer nicht mitverwaltet, lässt andere über Gehalt, Praxisausrichtung und die eigenen Arbeitsbedingungen entscheiden.

Das Desinteresse an Selbstverwaltung, sagt er, „ändert sich langsam“. Was ihn zum Engagement bewegen würde? Er antwortet ehrlich: „Ganz zynisch wäre das wahrscheinlich finanzieller Gewinn – oder dass es so schlecht läuft, dass ich quasi mitmachen muss.“ Seine Vorstellung klingt anders als die aktuelle klassische Gremienarbeit: eine Praxis als Gemeinschaft, flache Hierarchien, Kolleg:innen auf Augenhöhe und Gewinnbeteiligung für alle. „Es muss nicht immer alles um Geld gehen“, sagt er, „aber Geld ist auch eine gute Art, Leute zu involvieren und zu belohnen.“

Weitere Gespräche mit jungen Klinikärzt:innen zeigen: Die Selbstverwaltung erscheint vielen als Blackbox. Sie setzt Regeln – etwa zu Weiterbildungsordnungen, Logbüchern und Fortbildungspunkten – und bleibt dabei auf Distanz zu ihrem klinischen Alltag. „Eine ferne Instanz, die mir Vorgaben macht“, beschreibt es eine Fachärztin für Anästhesie an einem Haus der Maximalversorgung. Mit dem Ringen um den Dienstplan oder fehlenden Kapazitäten im Aufwachraum habe das wenig zu tun.

Hinzu komme die schiere Erschöpfung. Wer gerade die Facharztprüfung hinter sich hat, 24-Stunden-Dienste schiebt und nach zehnstündiger Arbeit im OP den sterilen Bereich verlässt, hat keine kognitive Reserve für Gremiensitzungen übrig. „Überlebensmodus“ nennen das mehrere der Befragten – eine Phase, in der das Engagement für das große Ganze konsequent nach hinten rückt. Nicht aus Desinteresse, sondern aus schlichtem Kapazitätsmangel. Der Schlüssel liegt nach Ansicht vieler Gesprächspartner:innen im Begriff der Wirksamkeit. Engagement, das sich wie noch mehr Verwaltung anfühlt, findet keine Abnehmer:innen. Engagement, das direkt etwas verändert – familienfreundlichere Arbeitszeiten, digitale Dokumentation, weniger Bürokratie – hingegen schon. Gefordert wird das, was manche „Micro-Engagement“ nennen: zeitlich begrenzte Projektgruppen, digitale Formate und punktuelle Expertise statt dauerhafter Mandatspflicht. Und vor allem Freistellung.

Was jetzt zu tun ist

Das Dialogforum in Hannover hat eines deutlich gemacht: Die Bereitschaft zur Selbstreflexion in den Institutionen der Selbstverwaltung ist gewachsen. Aus der Debatte sind mehrere Handlungsimpulse hervorgegangen. So wurde beispielsweise diskutiert, dass die digitale Teilnahme an Sitzungen zum Standard werden sollte und nicht die Ausnahme darstellen darf. Neben der klassischen Delegiertenarbeit sollten neue Beteiligungsformate wie Projektgruppen, zeitlich begrenzte Mandate und transparente Einladungsprozesse bestehen. Ein solches Engagement sollte von Arbeitgebern ermöglicht werden. Eine Freistellungsregelung für die ehrenamtliche Kammertätigkeit – analog zu Betriebsratsmandaten – wäre ein konkretes Signal, das bislang fehlt.

Das Dialogforum war mehr als eine symbolische Geste. Es markierte einen institutionellen Bewusstseinswandel: Ohne aktiven Generationenwechsel verliert die Selbstverwaltung mittelfristig ihre Legitimationsbasis. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie.

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