Abenteuer Niederlassung

Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland steigt zwar, doch die Trends der Vorjahre bleiben bestehen: Es gibt weniger niedergelassene und mehr angestellte sowie stationär tätige Ärztinnen und Ärzte. Dabei bietet die Niederlassung viele Chancen. So lässt sich ein anspruchsvoller Beruf mit dem Familienleben optimal verbinden, ohne in die fremdbestimmten Arbeitsabläufe einer Klinik eingebunden zu sein. „Berliner Ärzt:innen“ hat mit Dr. med. Andrea Riedl und Dr. med. Alexander Kugelstadt gesprochen. Sie sind Fachärzt:innen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und seit Dezember 2024 in einer Praxisgemeinschaft niedergelassen.

Interview mit
Dr. med. Andrea Riedl

Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Interview mit
Dr. med. Alexander Kugelstadt

Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Redaktion: Frau Dr. Riedl, Herr Dr. Kugelstadt wie sind Sie zur Niederlassung gekommen?

Dr. med. Andrea Riedl (AR): Ich habe viele Jahre in der Klinik, bzw. in einem großen Weiterbildungsinstitut gearbeitet. So vielfältig und inspirierend die Arbeit mit vielen Kolleg:innen auch war, mit der Zeit hat sich in mir das Bedürfnis danach eingestellt, meinen Arbeitsalltag sowohl inhaltlich als auch von der zeitlichen Einteilung selbst bestimmen zu können. Im therapeutischen Arbeiten das zu leben und zu sein, wozu ich mich in all den Jahren entwickelt habe. Es war ein langer Prozess zur Niederlassung, da mir die Möglichkeit, die Sicherheit des Angestelltenverhältnis zu verlassen, lange zu unsicher war.

Dr. med. Alexander Kugelstadt (AK): Bei mir war es ähnlich. Schon während meiner Zeit als angestellter Facharzt und Supervisor und später als Chefarzt war mir klar, dass ich mich an einem bestimmten Zeitpunkt niederlassen würde. Die Frage war, wann der Moment kommen würde, an dem ich bereit bin, die Vorteile eines Teams, vieler Kollegen und die Sicherheit einer Institution endgültig zu verlassen. Der Auslöser im Jahr 2024 war dann recht spontan: Es wurden neue Sitze für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ausgeschrieben und mir wurde einer zugesprochen.

Vermutlich haben Sie „Pro und Contra“ bei Ihrer Entscheidung abgewogen. Was hat für Sie für und was gegen die Niederlassung in einer eigenen Praxis gesprochen und was war letztlich ausschlaggebend für Ihre Entscheidung?

AK: Für mich ist ein interessanter Aspekt, die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und hoher Behandlungsqualität selbst austarieren zu können. In den Kliniken ist dies oft ein interpersonaler Konflikt, von dem ich nie viel gehalten habe. Für mich ist es eine gute Erfahrung, für die Qualität, aber auch die Wirtschaftlichkeit Verantwortung zu haben. 

Gegen die Niederlassung sprach hingegen, dann nicht mehr Teil eines größeren Teams zu sein und auch die Leitungserfahrung nicht mehr auf direkte Weise nutzen zu können. In der Psychosomatik fand ich es immer hilfreich, vielfältige Blicke und Beziehungsfäden in den Behandlungsprozessen vereinen zu können. Außerdem arbeitet man nicht mehr unmittelbar multimodal mit anderen Berufsgruppen, wie Ergo-, Physio- oder Kunsttherapeuten zusammen, was ich für einen Nachteil halte.

AR: Das stimmt, wobei mein erstes Pro ist, dass ich selbstbestimmt sein und arbeiten kann, wann und wie viel ich will bzw. mir finanziell leisten kann. Inhaltlich kann ich meinen therapeutischen Stil in der eigenen Praxis verwirklichen. Ich habe einen selbst gewählten Arbeitsstandort, weniger Zeitaufwand in Teamsitzungen und Besprechungen. Zudem habe ich wegen des halben Kassensitzes noch Zeit für die Arbeit als Dozentin, Supervisorin, Selbsterfahrungsleiterin und nicht zuletzt für die Familie. 

Gegen die Selbstständigkeit sprach: weniger Gehalt, mehr Risiko im Krankheitsfall und die Schwierigkeit, bei den enormen Preisen im Berliner Gewerbeimmobiliensektor eine geeignete Immobilie zu finden.

Letzten Endes hat mir eine mehrmonatige berufliche Unterbrechung geholfen, zu spüren, dass ich wirklich etwas in meinem beruflichen Leben verändern will. Ich habe diese Phase genutzt, um ehrlich zu reflektieren, wohin meine berufliche Weiterentwicklung gehen soll und welche Werte mir wichtig sind. Zeitgleich ergab sich die Möglichkeit, eine zusätzliche Niederlassungsmöglichkeit (freie Arztsitze) in Berlin zu erwerben – damit war die Entscheidung gefallen.

Welche Erwartungen hatten Sie an die Selbstständigkeit?

AR: Ich hatte die Erwartung bzw. Befürchtung, dass es eintöniger als eine Arbeit im Team sein könnte und ich mich ohne Kolleg:innen einsam fühlen könnte. Beides hat sich nicht bestätigt. Die Erwartungen an Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit haben sich hingegen über alle Maßen bestätigt.

AK: Ich hatte den Wunsch, dass sich der Arbeitstag nicht mehr wie eine Mühle anfühlt. Dass ich nicht mehr wie automatisch morgens das tue, was man tun muss, sondern noch mehr, was ich fachlich für das Richtige halte. Ich würde sagen, dass sich dieser Wunsch zu großen Teilen erfüllt hat, auch wenn der Umstellungsprozess, plötzlich ausschließlich selbst verantwortlich zu sein, Zeit braucht.

Wie ging es dann weiter? Was waren für Sie die größten Herausforderungen bei der Gründung Ihrer eigenen Praxis?

AR: Ich hatte das Glück, dass Alexander sich zu diesem Zeitpunkt in einer ähnlichen Situation befand. Wir beschlossen, eine Praxisgemeinschaft zu gründen. Das machte alles leichter und ist bis heute eine große Bereicherung. Die größte Herausforderung war das Finden einer geeigneten Immobilie, die wir anschließend noch umfassend renovieren mussten. Die zeitliche Planung vom Erwerben des Kassensitzes, dem Finden und Renovieren der Immobilie und dem Beginn der Praxis fand ich herausfordernd. Auch die finanzielle Situation ist herausfordernd, da man erst etwa sechs Monate nach Beginn der Praxistätigkeit mit einer größeren Zahlung der KV rechnen kann.

AK: Wir hatten viele interessante Herausforderungen, die sich zum Teil gut lösen ließen. Aber sie haben uns immer wieder ins Schwitzen gebracht! Zum Beispiel, wenn der Termin für die Installation der Software schon feststeht und der Lieferant für die IT-Hardware ein unverschämt teures Angebot auf den Tisch legt. Dann muss man improvisieren oder natürlich zahlen (lacht).

Innerhalb eines Jahres haben wir den gesamten Prozess von der Bewerbung auf den Kassensitz bis zur Behandlung des ersten Patienten durchlaufen und dabei wertvolle Erfahrungen mit den verschiedenen Fallstricken sowie Lösungs- und Empfehlungsansätzen gesammelt. Diese Erfahrungen haben wir in einem Videokurs zusammengefasst, der jetzt erschienen ist. Gerade im Bereich der Ärztlichen Psychotherapie erscheint uns eine Ermutigung zur Niederlassung bei der aktuellen gesundheitspolitischen Wetterlage wichtig – Stichwort: 4,5-prozentige Honorarabsenkung und Budgetierung …

Wie haben Sie diese Herausforderungen gemeistert?

AR: Ich habe mir zwischen meiner letzten angestellten Tätigkeit und der Praxiseröffnung ausreichend freie Zeit genommen und etwas Geld angespart, um die ersten Monate sowie die Renovierung und Investition in die Praxiseröffnung zu finanzieren.

AK: Bei mir war es genau umgekehrt: Ich hatte bis kurz vor der Eröffnung Leitungsverantwortung. Meine Familie hat mir Rückhalt gegeben und mich bei den Vorbereitungen in der Praxis unterstützt.

Dr. med. Alexander Kugelstadt und Dr. med. Andrea Riedl im Gespärch

Seit Dezember 2024 selbstständig: Dr. med. Andrea Riedl und Dr. med. Alexander Kugelstadt haben ihre Erfahrungen bei der Niederlassung in einem Niederlassungskurs zusammengestellt.

Gab es spezielle Angebote, Beratungen oder Workshops, die Sie zur Vorbereitung auf den Schritt in die Selbstständigkeit genutzt haben?

AR: Ich habe an einem Online-Treffen namens „Stammtisch niedergelassener Psychosomatiker“, das von einer niedergelassenen Kollegin geleitet wird, teilgenommen, um mich auszutauschen. Außerdem war der persönliche Kontakt zur KV Berlin hilfreich, vor allem aber der Austausch mit Freundinnen und Kolleginnen, die sich zuvor niedergelassen hatten.

AK: Ich bin schon seit Langem Mitglied im Bundesverband Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (BDPM) e. V. sowie in der Akademie für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (APM) e. V. Über diese Verbände kann man sich sowohl auf den Fachveranstaltungen als auch informell gut mit Kolleginnen und Kollegen austauschen. Das ist empfehlenswert, wenn man sich heutzutage auf ein Abenteuer wie die Niederlassung einlässt.

Und heute: Gibt es Dinge oder Angebote in Ihrer Praxis, die Sie bewusst anders handhaben als Ihre Kolleg:innen bzw. als Sie es in Ihrer Studien- und Weiterbildungszeit erlebt haben?

AK: Absolut! Mir ist es wichtig, eine niederschwellige psychosomatische Krankenversorgung anbieten zu können – wohnort- und lebensnah. Ich biete viele Sprechstundenzeiten an und sehe neue Patienten, oft aus den umliegenden Facharztpraxen mit somatischer Komorbidität. Diese können bei entsprechender Indikation dann schnell in eine meiner psychosomatischen Basisgruppen aufgenommen werden. Dort wird zunächst ein biopsychosoziales Krankheitsmodell mit den Patienten erarbeitet. Dabei werden viele Informationen zur psychosomatischen Symptom- und Krankheitsentstehung vermittelt, sodass die Patienten besser verstehen können, warum ich ihnen beispielsweise eine psychodynamisch orientierte Psychotherapie in meiner Praxis oder eine ganz andere Behandlung empfehle.

AR: Ja, ich habe auch ein Praxismodell entwickelt und arbeite recht vielfältig. Ich biete niederschwellige Sprechstunden an, in denen auch somatische Diagnostik, Medikation und Überweisungen oder sonstige fachärztliche Weichenstellungen möglich sind. Daneben arbeite ich tiefenpsychologisch: von Akutbehandlung, Kurzzeitinterventionen und gelegentlichen Treffen bis hin zu intensiven Langzeitprozessen. In meine Arbeit integriere ich körperpsychotherapeutische Elemente und habe dafür meinen Praxisraum entsprechend ausgestattet. Ein gruppenpsychotherapeutisches Angebot ist in Planung.

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrer Praxis aus?

AR: Ich beginne jeden Tag damit, Kaffee und Tee zu kochen, und quatsche gerne ein paar Worte mit meinen Praxiskollegen. Danach sehe ich am Stück vier bis fünf Patienten. Anschließend gibt es Zeit für die Dokumentation, das Schreiben von Anträgen, die Beantwortung von E-Mails oder die Telefonsprechstunde.

AK: Ich beginne morgens um 8 oder 9 Uhr, habe entweder ein paar Einzelsitzungen oder eine Gruppensitzung und zur Mittagszeit Sprechstunden sowie kurze Termine in der Facharztschiene. Mittags genieße ich teilweise den Kiez bei einem Spaziergang, bevor es weitergeht mit Gruppenpsychotherapien oder diagnostischen Einzelsitzungen.

Laut einer Studie sind niedergelassene Ärzt:innen sehr unzufrieden mit der ausufernden Bürokratie. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

 AR: Im Großen und Ganzen erlebe ich die Bürokratie als durchaus handhabbar. Mit meinem halben Kassensitz wende ich etwa zwei bis drei Stunden pro Woche mit für administrative Tätigkeiten auf. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Praxissoftware, die diese Arbeiten erleichtert.

AK: Ich finde die Administration einer Arztpraxis als Einzelunternehmung mit Kommunikation, Anträgen, Berichten, Rechnungen, Steuern, Telefonaten usw. nicht ohne. Wo es sinnvoll möglich ist, nutze ich digitale Tools, um Kapazitäten für die Patientenbehandlung zu schonen.

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Haben sich Ihre Erwartungen an die Selbstständigkeit bisher erfüllt?

AK & AR: Ja, mehr als gedacht (lachen).

AK: Manchmal kommt es uns so vor, als wären wir ein Werbepartner für die Niederlassung als Psychosomatiker oder Ärztlicher Psychotherapeut. Wir finden es sehr wichtig, dass der Bereich Ärztliche Psychotherapie als Säule der psychotherapeutischen Versorgung in Berlin und Deutschland weiter gestärkt wird – politisch deutet sich leider gerade das Gegenteil an.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Praxis in den kommenden Jahren?

AR: Ich habe vor, auf einen Dreiviertel-Sitz aufzustocken und mehr gruppenpsychotherapeutische Angebote zu implementieren. Ansonsten bin ich mit dem aktuellen Ablauf sehr zufrieden und habe gar nicht das Bedürfnis, viel zu ändern.

AK: Da meine ärztlichen Kollegen in Berlin die Relevanz der Psychosomatik in ihrem Alltag berücksichtigen und unseren Arbeitsbereich sehr schätzen, sehe ich die Herausforderung darin, dies auch der Politik zu vermitteln – insbesondere mit Blick auf das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz und die Abwertung der „Sprechenden Medizin“ durch den GKV-Spitzenverband.

Ist die Arbeit als niedergelassene Ärztin für Sie persönlich erfüllend? Wenn ja, warum?

AR: Ja, es ist enorm erfüllend. Unsere Arbeit in der psychosomatischen Medizin und PT ist zutiefst sinnvoll. Es gibt mir Sinn, weil ich jeden Tag erlebe, wie Menschen sich entwickeln, Hindernisse überwinden, sich schmerzlichen Gefühlen stellen und dadurch in tieferes, bewussteres, authentischeres Erleben und Handeln kommen. Was gibt es Schöneres?

Erfüllend ist auch, dass wir in unserem Fachgebiet – zumindest noch – die Möglichkeit haben, mit ausreichend Zeit zuzuhören und den Patienten die Zeit und den Raum geben zu können, der nötig ist, um wirklich zu schauen, was sie gesund macht. Ich bin auch Fachärztin für Innere Medizin, aber diese Sinnhaftigkeit habe ich in keiner anderen Sparte der Medizin, die ich kennenlernen durfte, erlebt.

AK: Ja, unbedingt. Ich bin jeden Morgen gespannt auf die Verläufe und erlebe die Arbeit mit den Patienten als sehr erfüllend. Und genau deshalb macht mir die politische Entwicklung Sorgen: Was Andrea beschreibt, braucht Zeit und Raum – beides steht unter Druck.

Angenommen, Sie sitzen mit Freund:innen oder ehemaligen Kommiliton:innen zusammen. Welches Fazit würden Sie über Ihren Weg in die Niederlassung ziehen?

AR: Es war absolut der richtige Schritt. Wenn es für euch passt, dann habt den Mut und das Vertrauen, euren beruflichen Alltag so zu gestalten, wie ihr es möchtet!

AK: Soweit ich das heute beurteilen kann, bereue ich den Schritt nicht. Es gibt jedoch immer wieder Herausforderungen – in der Gründungsphase ebenso wie im weiteren Verlauf. Denn die Säulen des Gesundheitssystems können, wie wir derzeit erleben, neu verhandelt werden, und man muss flexibel bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch.

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