Medizinische Tätigkeit und unternehmerische Verantwortung

Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland steigt zwar, doch die Trends der Vorjahre bleiben bestehen: Es gibt weniger niedergelassene und mehr angestellte sowie stationär tätige Ärztinnen und Ärzte. Dabei bietet die Niederlassung viele Chancen. So lässt sich ein anspruchsvoller Beruf mit dem Familienleben optimal verbinden, ohne in die fremdbestimmten Arbeitsabläufe einer Klinik eingebunden zu sein. „Berliner Ärzt:innen“ hat mit Dr. med. Nicole Mattern gesprochen. Sie ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und bereits seit acht Jahren mit einer eigenen Praxis niedergelassen.

Interview mit
Dr. med. Nicole Mattern

Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe

Redaktion: Frau Dr. Mattern, wie sind Sie zur Niederlassung gekommen?

Dr. med. Nicole Mattern: Die Entscheidung zur Niederlassung war bei mir ein bewusster Prozess. Ich wollte Frauen langfristig begleiten, Prävention stärker gewichten und medizinische Konzepte umsetzen, die im Klinikalltag oft zu kurz kommen. Gleichzeitig hat mich der Gestaltungsspielraum gereizt – sowohl medizinisch als auch organisatorisch.

Heute bin ich seit acht Jahren in Berlin-Tegel niedergelassen. Gemeinsam mit einer angestellten Fachärztin betreue ich rund 1.400 Patientinnen in der kassenärztlichen Versorgung. Hinzu kommen Privatpatientinnen sowie ein zweites Standbein im Bereich der ästhetischen Medizin. Diese Kombination ist für mich ein wichtiger und inzwischen unverzichtbarer Bestandteil einer wirtschaftlich stabilen gynäkologischen Niederlassung. Eine Praxis ist immer auch ein wirtschaftliches Unternehmen, das effizient geführt werden muss, um eine hochwertige Versorgung dauerhaft gewährleisten zu können.

Vermutlich haben Sie „Pro und Contra“ bei Ihrer Entscheidung abgewogen. Was hat für Sie für und was gegen die Niederlassung in einer eigenen Praxis gesprochen und was war letztlich ausschlaggebend für Ihre Entscheidung?

Für die Niederlassung sprach vor allem die Möglichkeit, Medizin langfristig und eigenverantwortlich zu gestalten. Frauenmedizin lebt von Kontinuität, Vertrauen und Prävention – das lässt sich in der eigenen Praxis besonders gut umsetzen. Zudem bietet die Niederlassung die Chance, innovative Versorgungsangebote aufzubauen und wirtschaftliche Strukturen selbst zu steuern.

Demgegenüber standen wirtschaftliche Verantwortung, Personalführung, Bürokratie und unternehmerische Risiken. Letztlich war für mich entscheidend, dass die Niederlassung die einzige Möglichkeit ist, die gynäkologische Versorgung aktiv zu sichern und weiterzuentwickeln – gerade in einer Zeit, in der immer weniger Kolleginnen und Kollegen diesen Schritt gehen.

Welche Erwartungen hatten Sie an die Selbstständigkeit?

Ich habe mir vor allem Gestaltungsfreiheit und eine langfristige Bindung zu meinen Patientinnen erhofft. Gleichzeitig war mir bewusst, dass eine Praxis auch ein wirtschaftliches Unternehmen ist, das effizient geführt werden muss. Ich wollte Strukturen schaffen, die sowohl eine gute medizinische Versorgung als auch wirtschaftliche Stabilität ermöglichen. Dazu gehört auch, zusätzliche Standbeine zu entwickeln – wie in meinem Fall die ästhetische Medizin als Ergänzung zur klassischen gynäkologischen Versorgung.

Mit dem Schritt in die Selbstständigkeit wollte ich zudem Verantwortung über die eigene Praxis hinaus übernehmen und mich für die Rahmenbedingungen der Niederlassung einsetzen. Diese Erwartung bzw. dieser Anspruch hat sich im Laufe der Zeit durch mein berufspolitisches Engagement weiter verstärkt.

Wie ging es dann weiter? Was waren für Sie die größten Herausforderungen bei der Übernahme Ihrer eigenen Praxis?

Die größten Herausforderungen lagen in der Kombination aus medizinischer Tätigkeit und unternehmerischer Verantwortung. Personalführung, Abrechnung, wirtschaftliche Planung, Organisation und Qualitätsmanagement sind Themen, auf die man in der Weiterbildung nur begrenzt vorbereitet wird. Gleichzeitig galt es, eine tragfähige Patientenstruktur aufzubauen und die Praxis langfristig stabil zu entwickeln.

Ich habe die Praxis zunächst mit einem halben Versorgungsauftrag übernommen. Durch die Unterversorgung im Bezirk Reinickendorf erhielt ich im weiteren Verlauf einen vollen Versorgungsauftrag. Im Oktober 2025 kam schließlich ein zusätzlicher Sitz für eine angestellte Fachärztin hinzu. Damit hat sich die Praxis dynamisch weiterentwickelt und ist strukturell gewachsen.

Ein wichtiger Faktor war auch die Vereinbarkeit von Familie und Niederlassung. Ich bin Mutter von zwei Kindern und habe das große Glück, von meinem Mann sehr unterstützt zu werden. Ohne diese Unterstützung sowie ein gut strukturiertes Team wäre die Niederlassung in dieser Form nicht möglich gewesen. Enge Abstimmungen im Alltag, verlässliche Teamstrukturen und gemeinsame Entscheidungen sind zentrale Erfolgsfaktoren für die Entwicklung der Praxis. Genau dieses gemeinsame Wachstum und dieser Teamzusammenhalt sind für mich der Kern der Niederlassung – nicht nur als wirtschaftliches Unternehmen, sondern als gemeinsam entwickelte, langfristige Versorgung für unsere Patientinnen.

Wie haben Sie diese Herausforderungen gemeistert?

Von Anfang an war es wichtig, unternehmerisch zu denken und effiziente Strukturen aufzubauen. Dazu gehören klare Abläufe, ein gutes Team und die Bereitschaft, die Praxis kontinuierlich weiterzuentwickeln. Mit der Zeit wächst die Erfahrung und viele Prozesse werden routinierter. Auch die Erweiterung durch eine angestellte Fachärztin war ein wichtiger Schritt, um die Versorgung zu sichern und die Praxis strukturell weiterzuentwickeln.

Zusätzlich hat mir der Aufbau eines starken Netzwerks sehr geholfen – sowohl fachlich als auch organisatorisch und berufspolitisch.

Genau diese Individualität ist aus meiner Sicht eine große Stärke der Niederlassung: Wir können unsere Praxis persönlich gestalten und Patientinnen sehr individuell begegnen.

Dr. med. Nicole Mattern

Gab es spezielle Angebote, Beratungen oder Workshops, die Sie zur Vorbereitung auf den Schritt in die Selbstständigkeit genutzt haben?

Für mich war es von großem Vorteil, dass ich bereits vor meiner Niederlassung als angestellte Fachärztin in einer Praxis gearbeitet habe. So konnte ich früh Einblicke in die organisatorischen Abläufe, die Personalstruktur und insbesondere in die Abrechnung gewinnen. Ergänzend habe ich Seminare der Kassenärztlichen Vereinigung genutzt, um mich gezielt mit Abrechnungssystemen und den wirtschaftlichen Grundlagen einer Niederlassung vertraut zu machen. Gerade die Abrechnung ist ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden Praxis. Ohne den kollegialen Zusammenhalt und den Austausch mit erfahrenen Kolleginnen hätte ich den Schritt in die eigene Praxis sicher nicht so gut vorbereitet umsetzen können.

Viele dieser Strukturen habe ich mir auch aktiv selbst aufgebaut. So habe ich den Qualitätszirkel in meinem Bezirk, in dem ich niedergelassen bin, weiter ausgebaut und teilweise übernommen. Der regelmäßige Austausch mit niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen bietet eine sehr praxisnahe Unterstützung im Alltag und hilft dabei, Herausforderungen gemeinsam zu lösen. Darüber hinaus spielt die enge Kooperation mit Hebammen in unserem Bezirk eine wichtige Rolle. Dieses Netzwerk ermöglicht kurze Wege, eine abgestimmte Versorgung und einen intensiven fachlichen Austausch. Auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen stärkt die tägliche Arbeit und erleichtert viele Entscheidungen.

Zusätzlich hat mein berufspolitisches Engagement mein Netzwerk deutlich erweitert. Als Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärztinnen und Frauenärzte in Berlin setze ich mich aktiv für die gynäkologische Niederlassung ein. Seit diesem Jahr unterstütze ich zudem den Vorstand des Berufsverbandes, um berufspolitische Themen stärker voranzubringen und insbesondere auch feministische Aspekte in unser Fachgebiet zu integrieren. Diese Netzwerke sind nicht nur bei der Vorbereitung auf die Selbstständigkeit hilfreich, sondern tragen auch langfristig zur Stabilität und Weiterentwicklung der eigenen Praxis bei.

Und heute: Gibt es Dinge oder Angebote in Ihrer Praxis, die Sie bewusst anders handhaben als Ihre Kolleg:innen bzw. als Sie es in Ihrer Studien- und Weiterbildungszeit erlebt haben?

Ich führe die Praxis sehr strukturiert und gleichzeitig patientinnenzentriert. Dazu gehören eine klare Organisation, effiziente Abläufe und ausreichend Zeit für Beratungen. Gleichzeitig ist es mir wichtig, die Praxis als wirtschaftlich tragfähiges Unternehmen zu führen, um eine langfristige Versorgung sicherzustellen. Deshalb kombiniere ich die klassische gynäkologische Versorgung bewusst mit ergänzenden Angeboten wie Prävention, Lebensphasenmedizin und ästhetischer Medizin. Diese Kombination ermöglicht es, medizinisch ganzheitlich zu arbeiten und die wirtschaftliche Stabilität der Praxis gleichzeitig zu sichern. Gerade in der heutigen Zeit ist diese Balance aus medizinischem Anspruch und unternehmerischer Verantwortung entscheidend für eine erfolgreiche Niederlassung.

Ein direkter Einblick in die Abläufe anderer Praxen ist im niedergelassenen Bereich naturgemäß nur begrenzt möglich. Der Austausch erfolgt daher meist indirekt, beispielsweise in Qualitätszirkeln oder kollegialen Netzwerken. Diese Gespräche sind sehr wertvoll, da sie unterschiedliche Herangehensweisen sichtbar machen und zur eigenen Weiterentwicklung beitragen. Dabei zeigt sich, dass viele niedergelassene Kolleginnen und Kollegen auf ihre jeweils individuelle Art patientinnenzentriert arbeiten. Genau diese Individualität ist aus meiner Sicht eine große Stärke der Niederlassung: Wir können unsere Praxis persönlich gestalten und den Patientinnen sehr individuell begegnen. 

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrer Praxis aus?

Der Tag beginnt mit der Teamabstimmung. Anschließend folgen Sprechstunden mit Vorsorgeuntersuchungen, Schwangerschaftsbetreuung, Beratungen und individuellen Fragestellungen. Parallel laufen organisatorische Aufgaben, Personalführung und Praxisentwicklung. Durch die Betreuung von rund 1.400 Kassenpatientinnen, zusätzlichen Privatpatientinnen sowie dem zweiten Standbein der ästhetischen Medizin ist eine klare Struktur entscheidend, um eine hochwertige Versorgung zu gewährleisten. 

Laut einer Studie sind niedergelassene Ärzt:innen sehr unzufrieden mit der ausufernden Bürokratie. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Die Bürokratie ist ein wesentlicher Belastungsfaktor. Dokumentation, Abrechnung und regulatorische Anforderungen nehmen viel Zeit in Anspruch. Gleichzeitig wird deutlich, wie wichtig effiziente Praxisstrukturen sind.

Dennoch besteht aus meiner Sicht dringend politischer Handlungsbedarf, da die aktuelle Entwicklung die Niederlassung zunehmend unattraktiver macht. Deshalb halte ich berufspolitisches Engagement für wichtig. Die ambulante gynäkologische Versorgung gerät unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen zunehmend unter Druck. Wenn wir die Niederlassung erhalten wollen, müssen wir uns aktiv einbringen.

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Haben sich Ihre Erwartungen an die Selbstständigkeit bisher erfüllt?

Ja, die Möglichkeit, Medizin eigenständig zu gestalten, ein Team aufzubauen und Patientinnen langfristig zu begleiten, erfüllt meine Erwartungen. Gleichzeitig ist der organisatorische und wirtschaftliche Aufwand jedoch auch hoch. Insgesamt überwiegt aber die Zufriedenheit mit meiner Entscheidung zur Niederlassung.

Ehrlicherweise muss ich aber auch sagen, dass ich mir heute durchaus noch einmal überlegen würde, das Wagnis einer kassenärztlichen Versorgung in dieser Form einzugehen. Einerseits war es genau die Motivation meines Studiums und meiner beruflichen Entwicklung, eine flächendeckende Versorgung von Frauen in der Frauengesundheit zu etablieren, zu stärken und langfristig zu sichern. Andererseits sehen wir aktuell strukturelle und politische Veränderungen im Gesundheitssystem, die zwingend erforderlich sind, um diese Versorgung überhaupt aufrechterhalten zu können.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Verantwortung, die wir als niedergelassene Ärztinnen und Ärzte für unsere Mitarbeitenden und uns selbst tragen. Damit bewegen wir uns in einem Spannungsfeld zwischen Versorgungsauftrag, politischen Rahmenbedingungen und unternehmerischer Verantwortung. Ich kann daher sehr gut nachvollziehen, dass viele Kolleginnen und Kollegen den Schritt in die Niederlassung intensiv abwägen.

Gleichzeitig möchte ich interessierte Kolleg:innen aber ausdrücklich dazu motivieren. Jeder Tag in meiner Praxis, gemeinsam mit meinem Team und in der Betreuung unserer Patientinnen, ist wertvoll. Trotz aller Herausforderungen bereitet mir die Arbeit weiterhin große Freude und bestätigt mich darin, dass die Niederlassung ein erfüllender und sinnvoller beruflicher Weg sein kann.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Praxis in den kommenden Jahren?

Mir ist die Weiterentwicklung moderner Versorgungskonzepte wichtig – sowohl in meiner eigenen Praxis als auch darüber hinaus. Mein Anliegen ist es, die gynäkologische Fachgruppe insgesamt in ein moderneres Versorgungskonzept zu führen, um die ambulante Betreuung von Frauen nachhaltig aufrechterhalten zu können. Dazu gehört, neue Versorgungsstrukturen mitzudenken, die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu stärken, wirtschaftlich tragfähige Praxisformen zu entwickeln und gleichzeitig die patientinnenzentrierte Medizin weiter auszubauen. Die zuvor beschriebenen Aspekte – Teamstruktur, wirtschaftliche Stabilität, ergänzende Leistungsangebote, Vernetzung und berufspolitisches Engagement – geben bereits die Richtung vor, in die sich meine Praxis und mein Engagement weiterentwickeln sollen.

Ist die Arbeit als niedergelassene Ärztin für Sie persönlich erfüllend? Wenn ja, warum?

Ja, sehr. Die langfristige Begleitung der Patientinnen und die Möglichkeit, die Versorgung aktiv zu gestalten, sind besonders erfüllend. Gleichzeitig bietet die Niederlassung die Chance, Verantwortung zu übernehmen – medizinisch, organisatorisch sowie berufspolitisch.

Angenommen, Sie sitzen mit Freund:innen oder ehemaligen Kommiliton:innen zusammen. Welches Fazit würden Sie über Ihren Weg in die Niederlassung ziehen?

Die Niederlassung ist anspruchsvoll, aber auch sehr erfüllend. Sie erfordert unternehmerisches Denken, Engagement und Mut. Gleichzeitig bietet sie große Gestaltungsmöglichkeiten und die Chance, die medizinische Versorgung aktiv zu sichern.

Gerade in der Gynäkologie brauchen wir mehr Kolleginnen und Kollegen, die diesen Schritt gehen. Nur so können wir die in Deutschland einzigartige ambulante Versorgungsstruktur erhalten und eine flächendeckende Betreuung aller Patientinnen gewährleisten.

Ich bin überzeugt: Die Niederlassung ist nicht nur ein persönlicher, beruflicher Weg, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der Frauenmedizin in Deutschland. Ich führe meine Praxis mit Herz und Seele – im Sinne der Patientinnen, gemeinsam mit meinem Team und mit dem Anspruch, die Versorgung aktiv zu gestalten.

Dieser Weg ist nicht immer leicht, und die Herausforderungen sind vielfältig: organisatorisch, wirtschaftlich und gesundheitspolitisch. Aber genau diese Verantwortung, die Gestaltungsmöglichkeiten und der tägliche Kontakt mit unseren Patientinnen machen die Niederlassung für mich zu einer besonderen Aufgabe. Am Ende ist dieser Weg für mich jeden Tag aufs Neue eine Bereicherung: fachlich, menschlich und persönlich.

Vielen Dank für das Gespräch.

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