Durch Selbstständigkeit Familie und Beruf besser vereinbaren

Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland steigt zwar, doch die Trends der Vorjahre bleiben bestehen: Es gibt weniger niedergelassene und mehr angestellte sowie stationär tätige Ärztinnen und Ärzte. Dabei bietet die Niederlassung viele Chancen. So lässt sich ein anspruchsvoller Beruf mit dem Familienleben optimal verbinden, ohne in die fremdbestimmten Arbeitsabläufe einer Klinik eingebunden zu sein. „Berliner Ärzt:innen“ hat mit Dr. med. Juliane Ehret gesprochen. Sie ist Fachärztin für Urologie und seit zwei Jahren in einer Berufsausübungsgemeinschaft niedergelassen.

Dr. med. Juliane Ehret
Interview mit
Dr. med. Juliane Ehret

Fachärztin für Urologie

Foto: privat

Redaktion: Frau Dr. Ehret, wie sind Sie zur Niederlassung gekommen?

Dr. med. Juliane Ehret: Schon während meines Medizinstudiums habe ich davon geträumt, eine eigene Praxis zu führen. Ich habe Medizin bei der Bundeswehr studiert und war dort insgesamt 21 Jahre tätig. Dadurch hat es vergleichsweise lange gedauert, bis ich meine Facharztausbildung abgeschlossen hatte und schließlich nach der Zeit bei der Bundeswehr unabhängig war. In der letzten Phase meiner Arbeit im Bundeswehrkrankenhaus habe ich alle zwei Wochen einen Tag als Entlastungsassistentin in einer Praxis gearbeitet. Diese Erfahrung hat meinen Wunsch weiter bestärkt, eine eigene Praxis zu führen und meine eigene Chefin zu sein. 

Vermutlich haben Sie „Pro und Contra“ bei Ihrer Entscheidung abgewogen. Was hat für Sie für und was gegen die Niederlassung in einer eigenen Praxis gesprochen und was war letztlich ausschlaggebend für Ihre Entscheidung?

Anfangs war ich sehr unsicher, da es in der Politik ständig Änderungen gibt und es schwer ist, sich darauf einzustellen. In den Medien hört man vieles. Das hat zumindest bei mir Zweifel aufkommen lassen und ich habe mich gefragt, ob ich diesen Schritt wirklich wagen sollte. Zudem ist ein Arztsitz kostspielig, denn es werden durchaus hohe Summen verlangt. Das war auch ein Punkt, der mich zögern ließ. 

Dann lernte ich jedoch meine Kollegin, Louisa Mowius, kennen, mit der ich die Praxis schließlich gemeinsam übernommen habe. Die Zusammenarbeit funktionierte von Anfang an sehr gut, sodass wir uns entschieden haben, diesen Schritt gemeinsam zu gehen. Zwar sind wir dann zwei Chefinnen, können dafür jedoch viele Aufgaben untereinander aufteilen, gegenseitig voneinander lernen und profitieren. Das war das Zünglein an der Waage. 

Ausschlaggebend war für mich allerdings die Aussicht auf mehr Flexibilität im Vergleich zu meiner Tätigkeit in der Klinik. 

Welche Erwartungen hatten Sie an die Selbstständigkeit?

Meine größte Erwartung war, dass ich deutlich flexibler im Alltag sein würde. Ich kann meine Sprechstunden so organisieren, dass ich gezielt freie Zeiten einplanen kann, wenn an einem Tag etwas anderes ansteht. Das wäre im klinischen Umfeld in dieser Form nicht realisierbar gewesen. 

Durch die Selbstständigkeit kann ich Familie und Beruf besser vereinbaren. Als Mutter eines siebenjährigen Sohnes, der die erste Klasse besucht, fällt mir in dieser Hinsicht einiges leichter. Nachts muss ich nicht mehr aufstehen und in die Klinik fahren, wenn es einen Notfall gibt. Gleichzeitig war mir jedoch bewusst, dass ich Gas geben muss und dass insbesondere die Anfangsphase kein Zuckerschlecken wird. 

Wie ging es dann weiter? Was waren für Sie die größten Herausforderungen bei der Übernahme Ihrer eigenen Praxis?

Die größten Herausforderungen bei der Praxisübernahme waren das Umdenken vom klinischen in den ambulanten Bereich und der Umgang mit den Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Viele Abläufe, die im Klinikalltag selbstverständlich waren, lassen sich nicht ohne Weiteres auf die Praxis übertragen. Die Tätigkeit im niedergelassenen Bereich erfordert genaue Kenntnisse der geltenden Regelungen, insbesondere im Hinblick auf Abrechnungsvorschriften und rechtliche Rahmenbedingungen, die sich zudem regelmäßig ändern.

Herausfordernd war auch die Übernahme bestehender Praxisstrukturen, insbesondere in Bezug auf Personal und Material. Ich habe mich immer wieder gefragt, wo ich gerade stehe und was ich brauche, um gut arbeiten zu können. Zum Beispiel brachten die übernommenen Medizinischen Fachangestellten (MFA) unterschiedliche Qualifikationen und Erwartungen mit. Wir haben uns darauf eingelassen und es funktioniert gut. 

Wie haben Sie diese Herausforderungen gemeistert?

Man muss sich selbst immer wieder bewusst bremsen, denn alles gelingt nur Schritt für Schritt. Wir sind nun seit genau zwei Jahren in der Niederlassung tätig und haben bei Weitem noch nicht alles umgesetzt, was wir uns ursprünglich vorgenommen haben. 

Entscheidend ist dabei die Zusammenarbeit im Team. Nur so funktioniert es wirklich gut: Wir beziehen unsere MFA aktiv mit ein, fragen gezielt nach, was gut läuft, was nicht so gut läuft, was sie sich wünschen und was sie im Alltag brauchen. Wir legen großen Wert darauf, uns regelmäßig auszutauschen.

Immer auf dem Laufenden bleiben. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.

Gab es spezielle Angebote, Beratungen oder Workshops, die Sie zur Vorbereitung auf den Schritt in die Selbstständigkeit genutzt haben?

Sowohl die KV als auch der Virchowbund bieten sehr gute Fortbildungen an. Darüber hinaus findet einmal im Jahr die DMEA-Messe in Berlin statt, die sich auf das Thema „Digitale Gesundheitsversorgung“ spezialisiert hat. Ein Besuch dieser Messe lohnt sich. Allein schon, um sich über Innovationen zu informieren und um sich auszutauschen.

Und heute: Gibt es Dinge oder Angebote in Ihrer Praxis, die Sie bewusst anders handhaben als Ihre Kolleg:innen bzw. als Sie es in Ihrer Studien- und Weiterbildungszeit erlebt haben?

Diese Frage kann ich nicht genau beantworten. Uns ist jedoch wichtig, dass das Wartezimmer nicht überfüllt ist. So können wir möglichst kurze Wartezeiten gewährleisten und sowohl wir Ärzt:innen als auch die MFA können entspannter arbeiten. Um das zu erreichen, haben wir mehr Zeit für Sprechstunden eingeplant und unsere Arbeitszeiten entsprechend verlängert. So können wir auch Akutpatient:innen ohne Termin behandeln, ohne dass es für Patient:innen mit Termin zu längeren Wartezeiten kommt.

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrer Praxis aus?

Meine Sprechstunde beginnt um 8 Uhr. In der Regel komme ich kurz vorher in die Praxis, da ich meinen Sohn vorher zur Schule bringe. Bis 12 Uhr findet unsere Akut- und Terminsprechstunde statt. Von 12 bis 13 Uhr ist Mittagspause, die wir auch zum Austausch im Team nutzen. Zudem bearbeite ich in dieser Zeit Befunde. Anschließend führen wir bis 15 Uhr eine weitere Sprechstunde durch. Bevor ich nach Hause gehe, nehme ich mir noch etwa 15 Minuten Zeit, um Patient:innen anzurufen und Befunde zu besprechen. Am Abend, meist zwischen 20 und 21 Uhr, sehe ich mir erneut Befunde an. 

Laut einer Studie sind niedergelassene Ärzt:innen sehr unzufrieden mit der ausufernden Bürokratie. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff „Bürokratie“ hier tatsächlich zutreffend ist. Meiner Ansicht nach bleiben viele vorhandene Möglichkeiten ungenutzt. Ein Beispiel dafür sind die Anträge auf Schwerbehinderung, die wir Ärzt:innen für das Landesamt für Gesundheit und Soziales handschriftlich ausfüllen müssen. Für mich ist es schwer nachvollziehbar, warum dieser Prozess nicht digitalisiert ist. Darüber hinaus wird Künstliche Intelligenz viel zu wenig genutzt. 

Auch die bestehenden Praxisverwaltungssysteme funktionieren häufig nicht zufriedenstellend. Ein zentrales Problem besteht darin, dass viele der genutzten Systeme nicht miteinander kompatibel sind. Daher glaube ich nicht, dass die Bürokratie an sich das Problem ist. Vielmehr sehe ich im Gesundheitssystem zahlreiche Möglichkeiten, die entweder gar nicht oder nicht effizient genutzt werden.

Eine Einzelpraxis käme für mich jedoch nicht infrage. Ich würde mich immer für einen Verbund oder für ein Konstrukt entscheiden, bei dem man nicht allein ist.

Dr. med. Juliane Ehret,
Fachärztin für Urologie, seit zwei Jahren in einer Berufsausübungsgemeinschaft niedergelassen
Dr. med. Juliane Ehret

Haben sich Ihre Erwartungen an die Selbstständigkeit bisher erfüllt?

Ich hätte tatsächlich nicht erwartet, dass neben der eigentlichen Sprechstunde so viele zusätzliche Aufgaben anfallen. Insbesondere die unternehmerischen Tätigkeiten nehmen deutlich mehr Zeit in Anspruch, als ich zunächst angenommen hatte. Gleichzeitig hat sich mein Wunsch nach mehr Flexibilität erfüllt. Im Gegensatz zu früher muss ich keine 24-Stunden-, Not- oder Nachtdienste mehr leisten.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Praxis in den kommenden Jahren?

Wir möchten insgesamt noch flexibler werden. Derzeit arbeiten wir zu dritt als Ärztinnen an zwei Standorten. Ab dem kommenden Jahr wird ein vierter Kollege hinzukommen, sodass wir personell besser aufgestellt sind und die Versorgung der Patient:innen auch bei Krankheit oder Urlaub gut sicherstellen können. Unser Ziel ist es, ein insgesamt flexibles Arbeitsmodell zu etablieren. Darüber hinaus würde ich mir persönlich die Unterstützung durch eine Praxismanagerin oder einen Praxismanager wünschen, um organisatorische Aufgaben effizienter zu bewältigen.

Ist die Arbeit als niedergelassene Ärztin für Sie persönlich erfüllend? Wenn ja, warum?

Ja, das entspricht dem, was ich immer machen wollte, und ich kann mir auch nicht vorstellen, etwas anderes zu tun. Wenn meine Patient:innen mir sagen, dass sie sich wohlgefühlt haben, ist das für mich bereits erfüllend.

Angenommen, Sie sitzen mit Freund:innen oder ehemaligen Kommiliton:innen zusammen. Welches Fazit würden Sie über Ihren Weg in die Niederlassung ziehen?

Ich würde meinen Weg nicht anders gehen wollen. Zwar erfordert der Einstieg Mut und eine gewisse Belastbarkeit, um die anfänglichen Herausforderungen zu bewältigen, doch es lohnt sich! Eine Einzelpraxis käme für mich jedoch nicht infrage. Ich würde mich immer für einen Verbund oder für ein Konstrukt entscheiden, bei dem man nicht allein ist. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Wir freuen uns über Ihr Feedback!

Ja
Nein

Vielen Dank!

Zur Ärztekammer Berlin