Kernaufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes
Machen die vielen Behörden des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) ihre Arbeit gut, bleiben ihre Erfolge meist unsichtbar. Allein in den rund 380 Gesundheitsämtern untersuchen Ärztinnen und Ärzte jedes Jahr knapp über eine Dreiviertel Million Kinder vor der Einschulung – und das auffällig geräuschlos. Fehlt beispielsweise die Masernimpfung, werden die Eltern daran erinnert. So steigt die Impfquote und massenhafte Ausbrüche werden verhindert.
Genauso erhält das Robert Koch-Institut täglich Meldungen zu Infektionskrankheiten. Je nach Saison sind es mehrere Tausend. Fachleute analysieren diese Daten, erkennen die Gefahrenlage und geben Empfehlungen, damit sich Krankheiten gar nicht erst weiter ausbreiten. Auch das passiert meist, ohne dass die Öffentlichkeit groß damit behelligt wird. All das sind klassische Fälle von Präventionsarbeit und somit die Kernaufgabe des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Sie beschränkt sich nicht nur auf Infektionen, sondern reicht von Gesundheitsberatung und Vorsorge, beispielsweise in Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten, bis hin zum Bevölkerungsschutz bei Hitze, Kälte und anderen Umweltkatastrophen.
Das Präventionsparadox
Da sich die Tätigkeiten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes selten in den Schlagzeilen finden, wirkt es bisweilen so, als brauche es ihn gar nicht. Ein klassischer Fall des Präventionsparadoxons. Dieser Eindruck der Überflüssigkeit hielt sich hartnäckig. Bis jenes neuartige Virus Anfang 2020 Deutschland erreichte und die stille Infrastruktur der Gesundheitsämter, ihr Frühwarnsystem und das Sicherheitsnetz versagten.
Labore und Kliniken faxten positive Befunde an die Gesundheitsämter. Dort tippten Mitarbeitende das Ergebnis manuell in eine Software-Maske ein. Ein langsames und fehleranfälliges Vorgehen. Schnell kamen die Mitarbeitenden den Massen an Meldungen nicht hinterher, die Auswertung verzögerte sich um Tage. Neben der eigentlichen Katastrophe einer sich rasend schnell ausbreitenden und lebensbedrohlichen Infektionskrankheit kam somit eine weitere hinzu: Deutschland war nicht in der Lage, das Infektionsgeschehen zu erfassen und somit auch nicht, überlebensnotwendige Hilfe zu koordinieren. Das Fax-Gerät wurde zum Symbol für die digitale Rückständigkeit einer ganzen Nation.
ÖGD 2020: Update nötig
Die Corona-Pandemie offenbarte, in welch verheerendem Zustand sich der ÖGD in Deutschland befand – eine Folge jahrzehntelanger politischer Vernachlässigung, Personalabbaus und fehlender Investitionen. In der Pandemie entdeckte die Politik den ÖGD neu. Der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn versprach ein „personelles und digitales Update“ der Gesundheitsämter und erklärte, der Staat müsse den ÖGD so aufstellen, dass er „für künftige Pandemien gerüstet“ sei.
Die Bundesregierung verabschiedete ein vier Milliarden Euro schweres Programm zur Modernisierung, den „Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst“. Die Gelder des Pakts wurden in jährlichen Tranchen zusätzlich zur regulären Finanzierung des ÖGD durch Länder und Kommunen bereitgestellt. Oberstes Ziel war es, mehr Personal zu gewinnen und die Digitalisierung voranzutreiben. Der überwiegende Anteil von 3,1 Milliarden Euro war für den Personalaufbau vorgesehen, weitere 800 Millionen für die Digitalisierung der Gesundheitsämter.
Vier Milliarden Euro klingen nach sehr viel Geld. Umgerechnet auf die Bevölkerung sind das jedoch gerade einmal acht Euro pro Einwohner und Jahr. Deutschland gibt jedes Jahr über 500 Milliarden Euro – eine halbe Billion – für Gesundheit aus. Der überwiegende Teil fließt in die Behandlung, nicht in die Prävention. Auf die sechs Jahre seiner Laufzeit gerechnet macht der ÖGD-Pakt pro Jahr gerade einmal rund 0,12 Prozent der Gesundheitsausgaben aus. Können Finanzspritzen im Promillebereich wirklich mehr sein als ein Tropfen auf den heißen Stein?
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„Der öffentliche Gesundheitsdienst spielt in Deutschland eine sehr geringe Rolle“, bedauert Thomas Gerlinger. „Er bleibt daher oft hinter den Möglichkeiten, Krankheiten vorzubeugen, zurück.“ Gerlinger ist Professor an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld und leitet die Arbeitsgruppe „Gesundheitssysteme, Gesundheitspolitik und Gesundheitssoziologie“.
Ein zentrales Problem unseres Gesundheitssystems sei die soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen, erklärt der Gesundheitssystemforscher. In Deutschland leben wohlhabendere Menschen deutlich länger. Je nach Studie beträgt der Unterschied zwischen der höchsten und niedrigsten Einkommensgruppe etwa vier bis neun Jahre, in Extremvergleichen sogar bis zu 15 Jahre. Eine aktuelle Untersuchung des Robert Koch-Instituts zeigt, dass diese Tendenz sogar zunimmt.
Medizinalaufsicht
„Es wäre Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes, sich derlei Entwicklungen stärker vorzuknöpfen und sich beispielsweise mehr den chronischen Krankheiten zu widmen, die aus gesellschaftlichen Lebensverhältnissen heraus entstehen“, führt Gerlinger aus. „Typischerweise sind Menschen mit niedrigem Einkommen, Kinder in belasteten Verhältnissen, alte Menschen und Geflüchtete betroffen. Manche Gesundheitsämter verharren jedoch in Aufgaben der Medizinalaufsicht“, beobachtet der Public-Health-Forscher. Auch weil ihnen oft schlicht das Personal fehle.
Immerhin: Über den Pakt wurden bis Ende 2024 schon mehr als 5.000 ärztliche Stellen geschaffen. Auch in Berlin wurde das zusätzliche Geld vor allem in mehr Personal, beispielsweise Zahnmediziner:innen und Ärzt:innen der Kinder- und Jugendgesundheit, investiert. Public-Health-Professor Gerlinger begrüßt den ärztlichen Personalaufbau. Dieser löse jedoch nur einen Teil des Problems. Es brauche mehr interdisziplinäres Personal, erklärt Gerlinger: „Zum Beispiel Expert:innen aus dem Bereich Public Health, um die Gesundheit in der Region zu planen und wichtige Akteure zu vernetzen. Dazu gehören beispielsweise Sportvereine, Schuldnerberatungsstellen und Beratungsstellen zu ungewollten Schwangerschaften.“ Es brauche eine stärkere Verzahnung der verschiedenen Bereiche des Gesundheitswesens. Daher seien auch Soziolog:innen, Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen gefragt. „Diese Berufe sind an gesellschaftlichen Schnittstellen tätig und dadurch besonders geeignet, die Planungs- und Koordinationsfunktion des ÖGD voranzubringen“, so der Gesundheitswissenschaftler weiter.
Die Ökonomie stagniert und wir wissen ja, wie schlecht es um die öffentlichen Finanzen bestellt ist, gerade in den Kommunen. Wenn jetzt diese Bundesfinanzierung ausläuft, besteht natürlich die Gefahr, dass die Fortschritte der vergangenen Jahre zunichtegemacht werden.
Zukunft ungewiss
Gerlinger erläutert: „Es braucht mehr interdisziplinäres Personal, zum Beispiel Experten und Expertinnen aus dem Bereich Public Health, um die Gesundheit in der Region zu planen und wichtige Akteure zu vernetzen. Dazu zählen beispielsweise Sportvereine, aber auch Beratungsstellen für soziale Notlagen.“ Es brauche eine stärkere Verzahnung der verschiedenen Bereiche des Gesundheitswesens. Daher seien auch Soziologen, Psychologen und Sozialarbeiter gefragt. „Diese Berufe sind an gesellschaftlichen Schnittstellen tätig und dadurch besonders geeignet, die Planungs- und Koordinationsfunktion des ÖGD voranzubringen“, erläutert der Gesundheitswissenschaftler.
Ende dieses Jahres soll der Pakt für den ÖGD planmäßig auslaufen. Da eine Anschlussfinanzierung für das Jahr 2027 bislang fehlt, ist unklar, wie es dann für den ÖGD weitergeht. Eine Verlängerung des Pakts scheint unwahrscheinlich. Bund und Länder diskutieren derzeit, ob die Finanzierung von den Ländern und Kommunen übernommen werden muss und inwiefern sich der Bund dauerhaft am Öffentlichen Gesundheitsdienst beteiligen könnte. Gerlinger macht die ungewisse Zukunft des ÖGD Sorgen: „Die Ökonomie stagniert und wir wissen ja, wie schlecht es um die öffentlichen Finanzen bestellt ist, gerade in den Kommunen. Wenn jetzt diese Bundesfinanzierung ausläuft, besteht natürlich die Gefahr, dass die Fortschritte der vergangenen Jahre zunichte gemacht werden.“
Der Großteil der neu geschaffenen Stellen ist zwar unbefristet, andere Stellen laufen jedoch aus, beispielsweise weil Personal in Rente geht. Gleichzeitig wächst der Bedarf eher, als dass er schrumpft. Zu den Herausforderungen des demografischen Wandels kommen gänzlich neue Probleme wie klimabedingte Extremwetterereignisse und Hitzewellen hinzu.
Die vier Milliarden der Bundesregierung waren ein wichtiger Impuls für die Zukunft des öffentlichen Gesundheitsdienstes – darin sind sich die Fachleute einig. Auch im Hinblick auf die Digitalisierung. So läuft die Erfassung meldepflichtiger Erreger inzwischen überwiegend über das elektronische System DEMIS, das seit 2022 für Labore verpflichtend ist. Das Faxgerät ist jedoch noch nicht vollständig verschwunden. Und der ÖGD ist noch nicht dort angekommen, wo man ihn im viertreichsten Land der Welt erwarten würde. Ob er der nächsten Pandemie wirklich standhält? Hoffen wir, dass wir das nicht so bald herausfinden müssen.