Kiezmedizin mit ganzem Herzen

Eine Handwerksausbildung, ein Lehramtsstudium, ein Jahr im nordirischen Bürgerkrieg und schließlich die eigene Hausarztpraxis am Hermannplatz: Der Weg von Dr. med. Damian Zydra in die Niederlassung war alles andere als geradlinig. Vor der Übergabe seiner Praxis in Kreuzkölln hat er mit „Berliner Ärzt:innen“ über Wandel gesprochen und erzählt, was er in den vergangenen vier Jahrzehnten über Patient:innen, Institutionen und die Zukunft der Einzelpraxis gelernt hat – und warum er trotz allem gern Arzt ist.

Interview mit
Dr. med. Damian Zydra

Facharzt für Allgemeinmedizin und für Arbeitsmedizin

Foto: privat
Dr. med. Damian Zydra am Schreibtisch in seinem Behandlungszimmer

Dr. med. Damian Zydra am Schreibtisch in seinem Behandlungszimmer.

Dr. med. Damian Zydra ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Arbeitsmedizin. Seit 2006 führt er seine eigene Hausarztpraxis am Hermannplatz, an der Grenze von Kreuzberg und Neukölln, also mitten im Kiez. Zydra ist seit den Achtzigerjahren mit dem Bezirk verbunden. Bereits während seiner Weiterbildung behandelte er Patient:innen in der Praxis seines Vaters Johannes Zydra, der hier als praktischer Arzt niedergelassen war und den Bezirk Kreuzberg SO 36 schon 1984 in einem wissenschaftlichen Beitrag im Kontext von Migration und Stadtentwicklung thematisiert hatte.

Zwei Generationen Zydra, ein Kiez, derselbe Beruf – und doch eine andere Medizin. Welche Veränderungen Damian Zydra im Laufe der Jahre erlebt hat, erzählt er vor der geplanten Übergabe seiner Praxis.

Mario Urbanek: Dr. Zydra, Sie haben in diesem Kiez gelebt und gearbeitet. Wie haben Sie das Viertel und Ihre Patient:innen über die Jahre wahrgenommen?

Dr. med. Damian Zydra: Das war ein sehr lebendiges Viertel, die Stimmung war ganz anders als heute. Es gab sicherlich Drogen- und Alkoholprobleme, aber insgesamt war alles gemäßigter und ruhiger. Es waren viele hart arbeitende Menschen, Industriearbeiter:innen, die jahrzehntelang an den Maschinen standen – Menschen, die viel geleistet haben.

Die Sprachbarriere war ein Problem, denn damals gab es deutlich weniger bis keine türkisch sprechenden Ärzt:innen. Aber die Leute waren, verglichen mit heute, nicht so fordernd. Sie waren eher dankbar. 

Im Kiez ist alles ein bisschen dreckiger, brutaler und härter geworden. Es gibt jetzt Luxusbehausungen und das genaue Gegenteil. Diese soziale Trennschärfe war früher nicht so ausgeprägt. Und doch ist es immer noch ein sehr lebendiger Bezirk. Ich bin gerne hier. Denn gerade diese Vielfalt war für mich schon immer ein Grund, hier zu arbeiten. Die gesellschaftliche und kulturelle Mischung des Viertels sowie die vielen verschiedenen Herkünfte meiner Patientinnen und Patienten machen die Arbeit gerade abwechslungsreich. Die Wahl des Standorts war für mich also nie nebensächlich: sie hält den Beruf lebendig.

Sie kennen die Arbeit in einer Praxis bereits seit vielen Jahrzehnten, denn Sie haben in der Praxis Ihres Vaters gearbeitet und sind heute selbst niedergelassen. Was sind die größten Unterschiede zwischen damals und heute?

Die Bedingungen haben sich sehr verändert. Eine Budgetierung gab es damals nicht, jeder Arzt-Patienten-Kontakt wurde honoriert. Die Abrechnung erfolgte handschriftlich, und die Scheine wurden persönlich bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) abgegeben. Ich erinnere mich noch an die langen Schlangen bei der KV-Abgabestelle. Ein fleißiger Arzt kam auch damals gut über die Runden. Wer eine Praxis hatte, hatte ein Haus und ein Grundstück – das war ein gemachter Mann.

Die Siebzigerjahre waren eine goldene Zeit und wirtschaftlich ganz anders als heute. Im Zuge der vielen Gesundheitsreformen wurde unser Spielraum jedoch immer weiter eingegrenzt, reglementiert, überwacht und budgetiert. Aus diesem Erleben heraus hat sich auch die Haltung meines Vaters entwickelt. Er hat mir von der Niederlassung abgeraten, da sie zunehmend kompliziert und wirtschaftlich riskant sei.

Ihr Vater hat Sie ganz konkret vor der Niederlassung gewarnt. Trotzdem haben Sie sich entschieden, Allgemeinmediziner zu werden und sich niederzulassen. Wie kam es dazu?

Mein ursprünglicher Plan war, die Praxis meines Vaters zu übernehmen, was aber aus persönlichen Gründen nicht funktioniert hat.

Sie betreuen seit Jahren Patient:innen. Hatten Sie früher mehr Zeit für sie? Und woran liegt es, dass sich das verändert hat?

Ich lasse mir bis heute kein Zeitmaß zuordnen. Natürlich stehen wir unter ökonomischem Druck, denn am Ende muss die Praxis einen Gewinn erwirtschaften. Aber ich habe immer versucht, den Patient:innen die Zeit zuzubilligen, die die Sache benötigt.

Heute benötigt die Dokumentation und Administration unglaublich viel Zeit, die früher am Patienten verbracht wurde. Außerdem konnte ich die Gesprächsleistung teilweise nach Minuten abrechnen. Das wurde gewürdigt. Heute ist das anders. Wenn ich meine Abrechnungen durchsehe und sehe, wie zigtausende Punkte für Gesprächsleistungen ersatzlos gestrichen werden, dann ist das aus meiner Sicht der falsche Weg.

Sie rechnen Ihre Leistungen seit Jahrzehnten mit der Kassenärztlichen Vereinigung ab und sind zudem langjähriges Kammermitglied. Wie haben Sie die ärztliche Selbstverwaltung über die Jahre erlebt?

Die KV war früher ein offenes Haus. Man hatte Telefonverzeichnisse, kontaktierte die zuständige Person, vereinbarte einen Termin und löste das Problem. Dann wurden die Nummern in einer Zentrale zusammengefasst und irgendwann saß dort niemand mehr. Aus dem offenen wurde ein geschlossenes Haus.

Im Hinblick auf die Ärztekammer ist mir ein bürokratischer Vorgang besonders in Erinnerung geblieben: Durch den Wechsel von der Gemeinschafts- in die Einzelpraxis ist meine über Jahre erteilte Weiterbildungsermächtigung erloschen – obwohl die Patientenzahl und die Diagnostik unverändert geblieben sind. Die Neubeantragung hat so lange gedauert, dass interessierte Kolleg:innen woanders angefangen haben. 

Solche Erfahrungen sollten einer Selbstverwaltung zu denken geben, da sie auf das Vertrauen ihrer Mitglieder angewiesen ist. Dass Regeln nötig sind, bestreite ich nicht. Aber hinsichtlich der zunehmenden Vorgaben und Punktesysteme habe ich manchmal den Eindruck, dass wir Ärzte wie Schüler behandelt werden, denen man sagen muss, was sie zu tun und zu lassen haben.

Vierzig Jahre in diesem Kiez. Wie hat sich Ihr lokales Netzwerk mit anderen Ärzt:innen und Krankenhäusern entwickelt?

Mit dem Krankenhaus Am Urban verbindet mich eine lange Geschichte. Ich habe dort in der Pflege und später in der Rettungsstelle sowie im Zentrum für Schwerbrandverletzte gearbeitet. Außerdem habe ich Teile meines Praktischen Jahres in den Fächern Chirurgie und Neurologie absolviert – bei meinem Doktorvater, dem Neurologen Prof. Dr. med. Roland Schiffter. Dementsprechend hatte ich immer eine enge Bindung zu diesem Haus. Früher waren es kürzere und einfachere Wege. Ein Telefongespräch war nicht lästig, sondern wurde als sinnvolles Mittel akzeptiert.

Unter meiner Schreibtischunterlage liegt noch eine inzwischen „antik anmutende” Telefonliste von Vivantes. Sie wurde vor rund 20 Jahren an niedergelassene Ärzt:innen verteilt – damals warb man aktiv für den Dialog zwischen Klinik und Praxis. Aber die Nummern stimmen längst nicht mehr. Eine aktuelle Liste habe ich nicht mehr bekommen. Sekretariate sind unbesetzt, Kolleg:innen oft nicht erreichbar. Bei einem Anruf in der Klinik muss ich mitunter mit einer künstlichen Intelligenz sprechen, die mich nach meinem Geburtsdatum fragt. Deshalb führe ich mein eigenes, ständig aktualisiertes Verzeichnis von Ansprechpartner:innen, denn unser System ist ein bisschen herzlos geworden – gerade für Menschen ohne Angehörige, die niemanden haben, der ihnen den Weg ebnet.

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Immer weniger Ärzt:innen wollen sich in der Allgemeinmedizin niederlassen. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Würden Sie sich heute noch einmal niederlassen?

Mit 25 und der heutigen Erfahrung: ja. Aber das ist utopisch, denn ein 25-Jähriger hat nicht die Erfahrung eines 65-Jährigen.

Wie geht es für Sie persönlich weiter? Wie lange bleiben Sie dem Kiez noch als Arzt erhalten?

Meine Frau ist Polin. Mittelfristig zieht es mich ins ruhigere ländliche Polen, mit regelmäßigen Besuchen in Berlin. Bis dahin möchte ich weiterarbeiten und vor allem eine passende Nachfolgerin oder einen passenden Nachfolger finden. Die Praxis möchte ich schrittweise übergeben und bei Bedarf noch einige Jahre lang begleiten. Leicht wird das nicht. Schließen werde ich aber auf keinen Fall. Das ist ganz klar mein Plan: nicht schließen, sondern übergeben. Solange mache ich weiter.

Vielen Dank für das Gespräch.

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