Das Bedrohungsbild: breiter als gedacht
Prof. Dr. Claudia Major, Senior Vice President für Transatlantische Sicherheitsinitiativen im German Marshall Fund of the United States, Berlin, umriss das aktuelle Bedrohungsspektrum, das sich nicht mehr auf einen einzigen Typ reduzieren lässt. Naturkatastrophen und Extremwetterereignisse infolge des Klimawandels, tägliche Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen sowie konventionelle Kriegsführung in Europa sind gleichermaßen Realität.
Zeitdruck beherrschte den Tenor der Tagung. In spätestens 33 Monaten, also etwa im Jahr 2029, könnte Russland seiner Kriegsfähigkeit nach in der Lage sein, einen Konflikt gegen die NATO zu führen. Deutschland als zentrale Drehscheibe der Allianz wäre davon unmittelbar betroffen. Die sicherheitspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Sara Nanni, formulierte es direkt: „Krankenhäuser werden im Krieg nicht verschont – die Ukraine belegt das täglich.“ Dr. Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege des Landes Berlin, betonte die Schlüsselrolle von Krankenhäusern als primäre Anlaufstelle für Menschen in Krisensituationen.
Was Deutschland in diesem Zusammenhang fehlt, benannte Major präzise: mentale Agilität. Die Fähigkeit, in Bedrohungs- und Handlungskategorien zu denken, ist im zivilen Gesundheitswesen kaum verankert. Man habe zu lange geglaubt, wirtschaftliche Interdependenz sei ein Garant für außenpolitische Stabilität.
Israel als Spiegel: Krisenresilienz unter Dauerdruck
Den eindrücklichsten Kontrast zur deutschen Krisenführung lieferte Prof. Dr. Ran Balicer, stellvertretender Generaldirektor und Leiter der Innovationsabteilung bei Clalit Health Services, der virtuell aus Israel zugeschaltet war. Clalit versorgt rund die Hälfte der israelischen Bevölkerung und hat unter Dauerdruck konkrete Lösungen entwickelt, die in Deutschland noch Theorie sind.
Balicer berichtete den Anwesenden von ganzheitlichen Krankenhaus-Evakuierungsplänen und der Nutzung von Tiefgaragen als Ausweichstandorte für Intensivbetten sowie von skalierbarer Heimhospitalisierung und einem 24/7-Telemedizinsystem für Allgemeinmedizin, Kinderheilkunde und Psychiatrie. Dabei stellte er keine Konzepte vor, sondern präsentierte gelebte Praxis. In Israel fungiert Künstliche Intelligenz nicht als Zukunftsvision, so Balicer, sondern als operatives Werkzeug: als Entscheidungsunterstützung für überlastete Kliniker, als Kapazitätsverstärker in Spitzenzeiten und als Rückgrat einer skalierbaren Krisenversorgung. Zudem berichtete er, dass Clalit bereits eng mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin kooperiert. Die Frage, warum diese Ansätze in Deutschland noch nicht breiter angewendet werden, blieb jedoch im Raum stehen.
Fachtagung KRITIS 2026
Fragmentierung, fehlende Daten, vergessene Sektoren
Eine wiederkehrende Diagnose zog sich durch nahezu alle Beiträge: Deutschland ist nicht deshalb schlecht vorbereitet, weil es an Ressourcen mangelt – im europäischen Vergleich verfügt das Land über verhältnismäßig viele Krankenhausbetten, Geräte und Personal. Das Problem ist die Koordination. Und Koordination beginnt mit Wissen.
Eine verlässliche medizinische Versorgung ist unverzichtbar für staatliche Handlungsfähigkeit und Teil der gesamtstaatlichen Verteidigung. Dafür brauchen wir klare Zuständigkeiten, eine verlässliche Finanzierung und eine verbindliche Vernetzung zwischen ziviler Versorgung und militärischem Sanitätsdienst.
Prof. Dr. Martin Voss von der Krisen- und Katastrophenforschungsstelle Berlin (KFS) der Freien Universität Berlin machte deutlich, wie fatal der Wissensmangel konkret ist: Deutschland kennt seinen eigenen Zivilschutzstatus nicht. Zahlen über verfügbare Medikamente, einsatzfähige Fahrzeuge, Technik und Personal sind nicht verlässlich erfasst. Ein Instrument zur Datenerhebung existiert, wird aber nicht genutzt.
Dass wir nicht fragen, wie die aktuelle Ressourcensituation ist, zeigt, wo wir im Krisenmanagement stehen.
Ein weiteres Problem ist die Mehrfachverpflichtung: Viele Klinikärzt:innen sind gleichzeitig in verschiedenen Kriseninstitutionen eingeplant, ohne dass dies koordiniert wird. Der ambulante Sektor – Hausarztpraxen, Pflegedienste und Apotheken – ist dagegen gesetzlich kaum einbezogen. Dabei leistet er in Krisen oft mehr als stationäre Einrichtungen, so die übereinstimmende Einschätzung vieler Referent:innen.
Apotheken, Arzneimittel und asiatische Abhängigkeiten
Auch die Apotheken rückten als systemrelevanter Akteur in den Fokus. Dr. Ina Lucas, Präsidentin der Apothekerkammer Berlin, betonte: „Apotheken sind Vertrauensorte.” Sie verfügen über Register, wissen, wer welche Medikamente hat und wer über welche Kompetenzen verfügt. Aktuell können sie die Berliner Bevölkerung rund 14 Tage mit Standardmedikamenten versorgen. Bei spezialisierten Bedarfen gibt es jedoch Lücken. Außerdem berichtete Lucas, dass die Apothekerkammer Krisenszenarien regelmäßig an ihre Mitglieder kommuniziert – und diese Kommunikation komme an.
Dann weitete Nora Schmidt-Kesseler vom Verband der Chemischen Industrie Nordost den Blick auf die Lieferketten. Aktuell werden zwei Drittel der chemischen Vorprodukte für Medikamente in Asien hergestellt. Der Nahostkonflikt und die globale Ölabhängigkeit zeigen, wie verwundbar diese Ketten sind. Deshalb forderte sie, statt neue Register aufzubauen, eine bessere Vernetzung bestehender Kammern und Verbände. Diese verfügen bereits heute über die erforderlichen Kompetenzen und Ressourcen und müssen in Krisenszenarien nur systematisch angefragt werden.
Rechtliche Grauzone und bauliche Versäumnisse
Werner Frenz vom Medizintechnikhersteller Dräger TGM benannte in seinem Vortrag ein Problem, das in der Öffentlichkeit bislang kaum Beachtung findet: Im Krisenfall kann das Medizinprodukterecht schnell zum Hindernis werden. Wer in einer Notlage fest installierte Geräte mobilisiert oder umrüstet, bewegt sich rasch außerhalb des regulatorischen Rahmens. Dieser Rahmen muss vor dem Notfall definiert werden – nicht währenddessen. Hinzu kommen bauliche Versäumnisse. Normalbetten könnten so konstruiert werden, dass eine schnelle Umrüstung zu Intensivbetten möglich ist. Dies geschieht jedoch selten, da es mit Mehrkosten verbunden ist. Laut Frenz fehlen dabei weniger die finanziellen Ressourcen als die Bereitschaft, in langfristige Krisenplanung zu investieren. Ebenso kritisch sieht er die zentrale Gasversorgung. Ohne funktionierenden Sauerstoff ist eine Intensivtherapie nicht möglich.
Prof. Dr. Tim Pohlemann, Mitglied des Wehrmedizinischen Beirats beim Bundesministerium der Verteidigung, forderte deshalb bundeseinheitliche Mindeststandards für die kritische Gesundheitsinfrastruktur bei Krankenhausneubauten. Es brauche keine regionalen Regelungen, sondern verbindliche nationale Vorgaben.
Resilient sein heißt handlungsfähig bleiben. Im Verteidigungsfall ist medizinische Versorgung eine gesamtstaatliche Aufgabe und nur in enger zivil-militärischer Zusammenarbeit zu leisten. Dafür sind verbindliche Strukturen, ein gesamtstaatliches Gesundheitslagebild und gemeinsame Übungen unverzichtbar.
Das Gesundheitssicherstellungsgesetz
Die Bundesregierung hat für Sommer 2026 den Entwurf für ein Gesundheitssicherstellungsgesetz (GSG) angekündigt. Auf der Fachtagung erläuterte Ines Perea, Leiterin der Unterabteilung Gesundheitssicherheit und Resilienz im Bundesgesundheitsministerium, die Kernpunkte des Entwurfs. Das Gesetz soll klare Krisenszenarien mit definierten Zuständigkeiten schaffen, Produktionskapazitäten und Bestände in Deutschland erfassen sowie Daten aus dem Robert-Koch-Institut, geopolitische Lageeinschätzungen und Versorgungsregister erstmals systematisch zusammenführen. Ein zentrales Problem dabei: Bislang sei schlicht unklar, wie viele Medizinprodukte überhaupt in Deutschland vorrätig sind.
Was das Gesetz nach aktuellem Stand nicht leisten wird, ist, die ambulante Versorgung rechtlich zu erfassen. Niedergelassene Ärzt:innen sind bisher beispielsweise nur verpflichtet, einen Notfallplan für die eigenen Räumlichkeiten vorzuhalten. Gemessen an der Rolle, die sie im Ernstfall übernehmen müssen, ist das wenig. Triage-Regelungen bleiben ebenfalls ausgeklammert.
Berliner Debatte
Die Tagung bestätigte eine Debatte, die die Delegiertenversammlung der Ärztekammer Berlin bereits am 17. Dezember 2025 geführt hatte. Auslöser war der Rahmenplan „Zivile Verteidigung Krankenhäuser“ (ZVKH): Berlin ist das erste Bundesland, das unter Federführung der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege gemeinsam mit der Berliner Krankenhausgesellschaft, zwölf ausgewählten Krankenhäusern und der Bundeswehr einen Rahmenplan für eine krisenresiliente Krankenhausversorgung erarbeitet hat. Das zunächst nicht öffentlich verfügbare Dokument wurde schließlich über die Plattform „Frag den Staat” bekannt. Nach einer intensiven Diskussion des Papiers forderte die Delegiertenversammlung die personelle Einbindung der Ärztekammer Berlin in dessen Fortentwicklung. Die ethischen Kernfragen der Krisenplanung liegen damit längst auf dem Tisch – die KRITIS-Tagung hat sie erneut bestätigt und verschärft.
Fehlerkultur und psychische Belastung: das stille Versagen
Zwei Dimensionen wurden jedoch nur am Rande angesprochen, obwohl sie eine zentrale Rolle spielen sollten. Erstens die Fehlerkultur: In Krisen wird gehandelt, im Frieden wird geurteilt. Karrieren werden für Fehler zerstört, die im entschlossenen Handeln unvermeidlich entstehen. Eine Kultur, die Improvisation unter Druck nicht akzeptiert, lähmt die nächste Krisenreaktion, bevor sie beginnt.
Zweitens ist die psychische Belastung durch Massenanfallslagen, Dauerbetrieb und moralische Dilemmata bei knappen Ressourcen in den meisten Curricula nach wie vor unterrepräsentiert. Dabei beeinflusst sie die Teamstabilität und Resilienz – und damit direkt die Patientensicherheit. Mehrere Referent:innen, darunter Hauth und Major, betonten ausdrücklich, dass die psychiatrische und psychologische Versorgung im Krisenfall eine ebenso hohe Priorität haben muss wie die somatische.
Wir brauchen eine Gesamtstrategie, einen Resilienzplan für unser Gesundheitswesen in der Gesamtverteidigung. Gesundheitssicherheit und Resilienz müssen jetzt politisch priorisiert, gesetzlich verbindlich geregelt und finanziell abgesichert werden.
Acht Forderungen an die Politik
Im Rahmen der Tagung wurde ein Acht-Punkte-Forderungskatalog an die Politik übergeben. Im Kern geht es dabei um Folgendes:
- Ein Gesundheitssicherstellungsgesetz soll in Notlagen für eine verbindliche Koordination und durchsetzbare Regelungen sorgen.
- Begleitend wird ein bundesweites, transparentes Lagebild gefordert, das belastbare Daten zu Vorräten, Produktionskapazitäten und verfügbaren Medizinprodukten liefert.
- Für pragmatisches Handeln in einer Krise braucht es zudem Rechtssicherheit. Das bedeutet, dass diejenigen, die in der Not improvisieren, danach nicht bestraft werden dürfen.
- Zudem sollen zukünftige Investitionen nationale Infrastrukturstandards für Krisenfestigkeit berücksichtigen, vor allem eine autarke Energieversorgung bei Neubauten.
- Apotheken sollen als flächendeckende Akteure stärker in die Krisenreaktion eingebunden werden.
- Die Reaktionsfähigkeit soll durch sektorenübergreifende Gemeinschaftsübungen mit der Bundeswehr, Kliniken und der ambulanten Versorgung gestärkt werden.
- Ebenso müssen IT-Infrastrukturen krisenfest werden, inklusive analoger Fallback-Lösungen.
- Außerdem müssen strategische Abhängigkeiten, insbesondere bei asiatischen Pharma-Vorprodukten, durch die Förderung nationaler und europäischer Produktion reduziert werden.
Immer auf dem Laufenden bleiben. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.
Was die Tagung offengelassen hat – und was das für Ärzt:innen bedeutet
Konkrete Ableitungen für den ärztlichen Alltag hat die Tagung nicht vorgelegt. Krisenplanung ist bislang vor allem ein Thema für Institutionen und Politik, jedoch nicht für die einzelne Ärztin oder den einzelnen Arzt in der Praxis oder auf der Station. Das muss sich ändern. Hausärzt:innen, die im Krisenfall das Rückgrat der Versorgung bilden würden, sind gesetzlich kaum einbezogen. Klinikärzt:innen sind teils mehrfach in Krisenstrukturen eingeplant, ohne davon zu wissen. Zwar taucht Krisenmanagement zunehmend in der Weiterbildung auf, jedoch werden psychische Belastbarkeit, Triage-Kompetenz und Improvisieren unter Ressourcenknappheit kaum ernsthaft trainiert.
Was Mediziner:innen heute tun können, ist, einen eigenen Notfallplan für die Praxis oder Abteilung nicht als bürokratische Pflicht, sondern als Ausgangspunkt zu begreifen. Zudem sollten sie das Gespräch mit Kolleg:innen suchen, denn Vernetzung ist die günstigste und wirksamste Krisenressource, die wir haben – das hat der Tag gezeigt. Am Ende benötigen wir Orientierung, Finanzierung und einen rechtlichen Rahmen. Alle Beteiligten müssen zudem offenlegen, welche Kompetenzen, Grenzen und Zuständigkeiten sie einbringen können.