Brustkrebs-Symptom-App gewinnt Health-i Award 2026

Digitale Entlastung im Visier: Beim diesjährigen Health-i Award von Handelsblatt und Techniker Krankenkasse wurden wegweisende Konzepte für die medizinische Praxis ausgezeichnet. Den ersten Platz sicherte sich das Start-up „ida”. Die Ausgründung der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat eine App für digitales Symptommonitoring entwickelt, mit der die Versorgung bei metastasiertem Brustkrebs proaktiver gestaltet werden kann. 

Health-i Award Preisverleihung 2026 von Handelsblatt und Techniker Krankenkasse TK

In Deutschland leben schätzungsweise 68.000 Frauen mit metastasiertem Brustkrebs. Zwischen zwei Klinikterminen können bis zu sechs Wochen und mehr liegen. In dieser Zeit bleiben Fatigue, Schmerzen oder neue Nebenwirkungen häufig unbemerkt. Hier setzt die App „ida” an, die am 15. Oktober 2026 in Hamburg den ersten Platz beim Health-i Award erhielt. Sie wurde vom Team um Prof. Dr. med. Maria Margarete Karsten und Dr. med. Therese Pross im Digital Health Accelerator des Berlin Institute of Health an der Charité (BIH) entwickelt.

Digitale Begleitung für bessere onkologische Versorgung 

Die Patientinnen beantworten einmal pro Woche auf ihrem Smartphone validierte Fragebögen zu Symptomen, Alltag und Befinden. Verschlechtern sich die Werte, wird automatisch ein Alarm an geschulte Pflegekräfte oder Ärzt:innen im Zentrum gesendet. Diese melden sich dann innerhalb von 48 Stunden telefonisch.

Das Konzept wurde in der Charité-Studie PRO B geprüft, die mit rund 4,8 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds gefördert wurde. An 52 Brustkrebszentren wurden 924 Patientinnen randomisiert. Nach sechs Monaten litten die Frauen der Interventionsgruppe spürbar weniger unter Fatigue und waren körperlich leistungsfähiger, beides in klinisch relevantem Ausmaß. Die allgemeine Lebensqualität verbesserte sich dagegen kaum (JAMA Oncology, 2026). Mehr als 90 Prozent der Teilnehmerinnen wünschen sich das Konzept dauerhaft. Der Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) empfiehlt die Übernahme in die Regelversorgung, die beteiligten Krankenkassen wollen Ida jedoch schon vorher anbieten.

Grenzen hat der Ansatz dennoch. Das Alarmsystem funktioniert nur, wenn im Zentrum verlässlich jemand reagiert. Zudem schloss die Studie Patientinnen ohne Smartphone oder Deutschkenntnisse aus. Das ändert jedoch wenig am Potenzial: Ida zeigt, wie digitale Begleitung die Versorgung in der Onkologie messbar verbessern kann.

Arztbriefe auf Knopfdruck

Während sich das Mainzer Medtech-Start-up mit seinem innovativen Hardware-Produkt „Seal & Protect” zur optimierten Schlaganfallbehandlung den zweiten Platz sicherte, stand der Drittplatzierte ganz im Zeichen der künstlichen Intelligenz: Die Gründerin Dr. med. Ira Stoll entwickelte die Idee, als sie als Assistenzärztin an der Uniklinik Heidelberg arbeitete und ihr Alltag von Dokumentation dominiert wurde. 

Ihre KI-gestützte „myScribe“-App führt Daten aus verschiedenen Krankenhaussystemen zusammen und erstellt daraus fachrichtungsspezifische Entlassbriefe. Die Anbindung erfolgt über den Standard HL7 FHIR direkt an das Krankenhausinformationssystem oder auf Wunsch auf klinikeigenen Servern. Nach Unternehmensangaben spart das zwei bis drei Stunden Schreibarbeit pro Tag. Die Lösung ist bereits in 16 deutschen Kliniken im Einsatz.

Damit greift myScribe ein altbekanntes Thema auf. Vor einigen Monaten berichteten wir in Post für die Kolleg:innen darüber, dass viele Klinikärzt:innen bis zu drei Stunden täglich für das Verfassen von Briefen aufwenden. Gleichzeitig liest ein Viertel der Hausärzt:innen mehr als zehn Entlassbriefe am Tag. 88 Prozent von ihnen halten Fehler durch widersprüchliche Angaben für möglich. Ob eine KI hier nur Zeit spart oder die Qualität der Briefe verbessert, ist bislang nicht belegt. Studien zu myScribe liegen nicht vor. Haftungsrechtlich ändert sich nichts: Wer unterschreibt, verantwortet den Inhalt.

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„Evidenz ist sexy“

Der Health-i Award ist eine gemeinsame Initiative des Handelsblatts und der Techniker Krankenkasse. Seit 2016 werden damit innovative Start-ups im Gesundheitsbereich ausgezeichnet.

In diesem Jahr haben sich mehr als 110 Start-ups um den Preis beworben. Das Team von Prof. Dr. Ariel Dora Stern, Gesundheitsökonomin am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam, sichtete die Einreichungen, bevor eine zehnköpfige Jury die Entscheidung traf. Bewertet wurden unter anderem die Neuartigkeit, die Skalierbarkeit, der Nutzen für Patientinnen und Patienten sowie das Potenzial für ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Dass ein vergleichsweise einfaches Monitoring gewonnen hat, ist ein Signal: Der belegte Nutzen habe den Ausschlag gegeben, nicht die technische Komplexität. Stern fasste es bei der Preisverleihung in drei Worten zusammen: „Evidenz ist sexy.” Damit setzt „ida” einen Maßstab für digitale Anwendungen, die mit Pilotdaten in den Markt drängen.

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