Verdiente Sichtbarkeit

Eine Ausstellung der Charité – Universitätsmedizin Berlin rückt derzeit exzellente Forscherinnen und Ärztinnen ins Rampenlicht, die zumeist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an der Charité tätig waren. Die bisher „Versäumten Bilder“ sind mithilfe von KI entstanden.

Neue Sehgewohnheiten

Wenn wir von den Porträts berühmter Wissenschaftler und Ärzte in den Gängen und Fluren von Universitätskliniken und anderen medizinischen Einrichtungen sprechen, dann ist Gendern überflüssig.  Von den Fotografien und Gemälden blicken uns Herren im mittleren oder höheren Lebensalter an. Die Reihe der ehrwürdigen Ahnen ist durchweg dem männlichen Geschlecht zugehörig. Eine kleine, aber feine Ausstellung an der Charité – Universitätsmedizin Berlin rüttelt nun an diesen Sehgewohnheiten: Noch bis zum 26. März werden Porträts von acht Pionierinnen verschiedener Fachgebiete im Rahel Hirsch Center und anschließend für vier Wochen im Foyer des CharitéCrossOver auf dem Campus Mitte zu sehen sein. Anschließend sollen sie in verschiedene Fachbereiche wandern. 

Alle Porträtierten sind noch im Kaiserreich geboren. Die meisten von ihnen mussten kämpfen oder ins benachbarte Ausland ziehen, um überhaupt studieren und ihre Prüfungen ablegen zu dürfen. Ob sie sich habilitieren, lehren und einen einträglichen Job bekommen konnten, war eine weitere Frage. Die Dermatologin Marie-Caroline Kaufmann-Ott etwa, die von 1877 bis 1922 lebte und nach der eine Mykose benannt wurde, der „Morbus Kaufmannii“ (heute Trichophyton interdigitale), musste darum kämpfen und starb kurz vor Vollendung der Habilitationsschrift. Die Internistin Annelise Wittgenstein (1890–1946) wiederum schaffte diesen Schritt, durfte aber trotz Habilitation nicht Professorin werden. 

Wie Anerkennung aussehen kann

Von keiner der acht Frauen existiert ein Porträtfoto als „Halbgöttin in Weiß“ oder als Gebieterin über ein gut ausgestattetes Labor. Das Gemeinschaftsprojekt „Versäumte Bilder – Missed Images“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, dies zu ändern.  Es gehe ihnen nicht um dekorativen Schmuck für die Wände von Kliniken und Instituten, betonte Kristina Pavićević bei der Eröffnung der Ausstellung. Sie kuratierte das Projekt zusammen mit Karin Höhne. „Unsere Ausstellung ist vielmehr eine Einladung, sich vorzustellen, wie Anerkennung ausgesehen haben könnte.“ Es soll sichtbar werden. Das sei auch als Ermutigung und Inspiration für junge Wissenschaftlerinnen von heute zu verstehen, betonte Carla Eysel, Vorstand Personal und Pflege der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Die Bildgestaltung mit dem Hilfsmittel der künstlichen Intelligenz soll die reale Intelligenz, Power und Begeisterung für die Wissenschaft, die den Dargestellten eigen war, strahlen lassen.  Als Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit verleiht sie ihnen den Erfolg, der ihnen zu Lebzeiten verwehrt blieb. So tritt uns etwa Anneliese Wittgenstein, der dies im wahren Leben nicht vergönnt war, nun auf dem Foto als stolze Professorin entgegen. Und Helenefriederike Stelzner (1861–1937), die als erste Ärztin der Charité in der Klinik für Psychiatrie tätig war und von der sich kein Foto fand, steht nun sichtbar selbstbewusst vor uns. „Visibility matters“, kommentierte Christopher Baum, der Vorsitzende des Direktoriums des Berlin Institute of Health (BIH), in dem die Bilder zeitweilig zu sehen sind, bei der Eröffnung der Ausstellung. 

KI hat „eigene“ Vorstellungen 

Es sind Kunstwerke, deren Gestaltung der Wissenschaftskommunikatorin Gesine Born, der Leiterin und Gründerin eines Bilderinstituts,  folgenschwere Entscheidungen abverlangte:  In welchen Posen, in welchem Alter, in welcher Umgebung und mit welcher Ausstrahlung sollen die Pionierinnen zu sehen sein? Wie ist dabei mit bestehenden Normen von Weiblichkeit (damals und heute) umzugehen? Sollte man die acht Frauen einfach im Stil der Bilder porträtieren, die von Männern heute in den Fluren zu sehen sind? Durch die Veröffentlichung aller Eingaben für die KI soll der Entstehungsprozess transparent werden. Erwähnenswert ist, dass Born dabei nicht zuletzt gegen die Weiblichkeitsbilder und „Vorurteile“ der KI ankämpfen musste. 

Das Ergebnis sind starke und deshalb schöne Bilder. Lydia Rabinowitch-Kempner (1871–1935), Mikrobiologin und ehemalige Assistentin von Robert Koch, blickt den Besuchern der Ausstellung sogar von einem Bild entgegen, das den Eindruck eines alten Ölgemäldes erweckt. Ganz wie es für exzellente männliche Wissenschaftler zu Beginn des 20. Jahrhunderts üblich war.

Alles auf einen Blick

Versäumte Bilder – Missed Images

Die Ausstellung „Versäumte Bilder“ ist noch bis zum 26. März 2026 im Rahel Hirsch Center (BIH) in der Luisenstraße 65 in 10117 Berlin zu sehen. Anschließend werden die Bilder für weitere vier Wochen im Foyer des CharitéCrossOver, Virchowweg 6, 10117 Berlin, gezeigt.

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