Bevölkerungsmedizin & Öffentliche Gesundheit

Dieses Buch kommt leise und unspektakulär als „Geschichte des Frankfurter Gesundheitsamts“ daher, so zumindest der Untertitel. Eine Lokalchronik ist diese Lektüre allerdings mitnichten, denn hier wird die Entwicklung der Bevölkerungsmedizin und öffentlichen Gesundheit in Deutschland nachgezeichnet – vom obrigkeitlich geprägten „Medizinalwesen“ hin zur demokratischen Gesundheitsfürsorge – am Beispiel Frankfurts. 

Sozialmedizin als demokratisches Projekt

Mit ihrer detailliert referenzierten und mit Fußnoten gespickten Darstellung der Geschichte des Frankfurter Gesundheitsamts legen die Autor:innen Gine Elsner, Ordinaria für Arbeitsmedizin i. R. der Universität Frankfurt a. M., und Peter Tinnemann, Amtsleiter des Gesundheitsamts Frankfurt a. M., zugleich eine Studie über die Entstehung der deutschen Sozialhygiene und ihre politischen Implikationen vor. Anhand der Geschichte des Frankfurter Gesundheitsamts entfaltet sich ein Panorama, das die Entwicklung dieses Teils der Medizin vor allem als Spiegel gesellschaftlicher Herrschaft sichtbar macht.

Bemerkenswert ist allein schon der Zeitpunkt der Gründung des Gesundheitsamts Frankfurt im Jahr 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Die Autor:innen verknüpfen geschichtlichen Hintergrund, institutionelle Entwicklung, sozialhistorische Analyse und medizinethische Reflexion. So machen sie die heutige Bevölkerungsmedizin und öffentliche Gesundheit als Spiegel gesellschaftlicher Ordnungen sichtbar. Die These des Buches lautet: Die Geschichte der Bevölkerungsgesundheit ist „untrennbar mit der Gestaltung allgemeiner Lebensverhältnisse verbunden“. Damit positionieren Elsner und Tinnemann das Gesundheitsamt nicht als bürokratische Nebenstelle, sondern als genuin politische Institution, die im Spannungsfeld zwischen Fürsorge, politischer Einflussnahme und ärztlicher Legitimation oszilliert.

Sozialhygiene als emanzipatorisches Projekt – und ihre Zerstörung

Das Buch zeigt eindrücklich, wie die Sozialhygiene-Bewegung um 1900 als Antwort auf die neuen gesundheitlichen Herausforderungen durch Industrialisierung und städtische Armut entstand. Sie verstand Gesundheit als Ergebnis sozialer Verhältnisse und „orientierte sich an unterprivilegierten Bevölkerungsschichten“. Elsner und Tinnemann bezeichnen diese Phase, in der Ärzte wie Alfred Grotjahn oder Wilhelm Hagen eine sozialpolitisch engagierte Medizin entwarfen, als „Projekt der Krankheitsprävention auf Bevölkerungsebene“.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten vollzog sich der radikalste Bruch: Sozialmediziner:innen verschwanden und mit ihnen die Sozialmedizin. Der Frankfurter Stadtarzt Wilhelm Hagen (1893–1982) formulierte es rückblickend wie folgt: „Im Rahmen dieser Gesundheitsämter wurde […] ein Stab von Kommunalärzten herangebildet, die ihre Lebensaufgabe in der Gesundheitspolitik und der prophylaktischen Medizin sahen. Das alles nahm im Jahr 1933 ein jähes Ende.“ Aus der Sozialhygiene wurde „Rassenhygiene“ und aus sozial orientierter Prävention wurde eine rassenpolitische Selektionspraxis.

Elsner und Tinnemann analysieren diesen Übergang nicht als moralische Singularität, sondern als Kontinuitätsproblem: Verwaltungsstrukturen, die ursprünglich zur gesundheitlichen Vorsorge und Fürsorge geschaffen wurden, wurden nun durch minimale ideologische Umlenkung zu Instrumenten der Vernichtung. Der Nationalsozialismus wird somit nicht nur als Zäsur, sondern auch als Pervertierung eines wissenschaftlich begründeten Präventionsdiskurses interpretiert. Die Autoren knüpfen damit an die Analysen von Alfons Labisch und Florian Tennstedt aus dem Jahr 1985 an. In ihrem Beitrag im Kontext des „Gesetzes über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens“ hatten Labisch und Tennstedt bereits die enge Verschränkung von Verwaltung und Ideologie herausgearbeitet.

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Frankfurter öffentliche Gesundheit nach 1945

Die Nachkriegszeit beschreiben Elsner und Tinnemann dann als „Unfähigkeit der frühen Bundesrepublik, an das sozialhygienische Engagement der Weimarer Zeit anzuknüpfen“. Stattdessen habe sich eine verwaltungslogische, technokratische „Gesundheitspolizei“ durchgesetzt, in der die soziale Dimension des Krankheitsbegriffs marginalisiert worden sei.

Diese Diagnose ist nicht neu, gewinnt durch die mikrohistorische Perspektive – Frankfurt als städtischer Erfahrungsraum – jedoch an empirischer Dichte. In dieser Perspektive erscheint die bundesdeutsche Sozialmedizin als projektiv beschädigt – eine Disziplin, die ihre demokratischen Ursprünge nie vollständig rehabilitiert hat. Und hier liegt die größte Stärke des Buches: Elsner und Tinnemann schreiben Geschichte, um die Gegenwart zu verstehen. Ihre Darstellung impliziert eine klare Warnung: Gefährdungen der Bevölkerungsgesundheit entstehen nicht nur durch Epidemien, sondern auch durch politische Deformationen des Gesundheitsbegriffs.

Vor dem Hintergrund wachsender politischer Polarisierung liest sich das Buch Anfang 2026 wie eine Mahnung, dass die Bevölkerungsmedizin – oftmals auch als Public Health bezeichnet – nur in einem demokratisch verankerten, solidarischen Gemeinwesen Bestand haben kann. Wenn die Bevölkerungsmedizin wieder zur „Moralhygiene“ oder „Ordnungspolitik“ degradiert wird und Migration, Armut oder Geschlecht als Risikokategorien statt als soziale Determinanten erscheinen, dann wiederholen sich die Mechanismen, die schon im 20. Jahrhundert zur „Entgleisung der Fürsorge“ führten (vgl. Deppe/Regus 1975). Elsner und Tinnemann schreiben dazu programmatisch: „Die öffentliche Gesundheitspflege steht auch im Spannungsfeld zwischen medizinischer Expertise und politischer Steuerung. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Öffentliche Gesundheitsdienst als Instrument staatlicher Willkür und Ausgrenzung missbraucht.“

Bevölkerungsmedizin erfordert Fachwissen und eine Haltung

Das Buch überzeugt durch die Verbindung von archivarischer Dichte – beispielsweise durch die Verwendung von Akten des Frankfurter Stadtarchivs und des Fritz-Bauer-Instituts – und systematischer Kontextualisierung.

Die Autor:innen nutzen eine präzise Sprache ohne moralische Wertung, die den analytischen Anspruch der Medizingeschichte mit der Reflexivität der Sozialwissenschaft verbindet. Hervorzuheben ist insbesondere die Integration biografischer und institutioneller Zugänge: vom Physikus Joachim Struppius über den Hygieniker Georg Varrentrapp bis hin zu den Amtsärztinnen und Amtsärzten der Weimarer Republik. Damit entsteht ein Längsschnitt-Narrativ öffentlicher Gesundheit, das die Entwicklung des bevölkerungsmedizinischen Verständnisses auch im deutschsprachigen Raum anschaulich verortet.

Elsner und Tinnemann präsentieren ein detailliertes Werk über die heutige Bevölkerungsmedizin und öffentliche Gesundheit in Frankfurt, das als Fortsetzung der Geschichte der Sozialhygiene und Sozialmedizin verstanden werden kann. Die Verbindung aus historischer Forschung mit normativer Relevanz hilft bei der Einordnung von Fakten. Die Genese des öffentlichen Gesundheitsdienstes erklärt gleichzeitig die Fragilität seiner ethischen Basis durch politische Ideologien und formuliert implizit ein Plädoyer für eine evidenzbasierte und demokratisch verankerte Bevölkerungsmedizin. Das Buch erinnert daran, dass der öffentliche Gesundheitsdienst kein neutrales Verwaltungsinstrument ist, sondern eine ethisch-politische Institution – verwundbar gegenüber gesellschaftlichen Strömungen, aber zugleich unverzichtbar für die Versorgung der Bevölkerung. Die historische Erkenntnis dieses Buches ist aktueller denn je: Bevölkerungsmedizin erfordert von ihren Akteur:innen nicht nur Fachwissen, sondern auch eine entsprechende Haltung.

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