
Heft 5/1996, Seite 32: 90 Jahre Kaiserin-Friedrich-Haus
Heft 5/1996, Seite 32: 90 Jahre Kaiserin-Friedrich-Haus
Die Kaiserin-Friedrich-Stiftung ist „ärztliche Fortbildung“
Als „Berliner Ärzte“ 1996 über die Kaiserin-Friedrich-Stiftung (KFS) in Berlin-Mitte berichteten, hatte diese ihre Arbeit als neutraler und unabhängiger Ort für medizinische Fortbildungen gerade erst wieder aufgenommen. Nach dem 2. Weltkrieg hatte die DDR-Regierung die KFS enteignet und das Gebäude 47 Jahre lang für nichtmedizinische Zwecke genutzt.
Der Name der Stiftung geht auf die Mutter von Wilhelm II., Prinzessin Victoria Adelaide Mary Louisa, zurück. Nach dem Tod ihres Mannes nannte sie sich „Kaiserin Friedrich“ und setzte sich leidenschaftlich für die unabhängige medizinische Fortbildung ein. Motor dafür waren wohl Trauer und Verbitterung über zwei medizinische Vorfälle, die ihr Leben geprägt hatten: Ihr erstgeborener Sohn kam wegen eines Geburtstraumas mit gelähmtem linkem Arm zur Welt und ihr geliebter Mann verstarb nach nur 99 Tagen Regentschaft an Kehlkopfkrebs, obwohl die Kehlkopfschwellung frühzeitig erkannt worden war. Im Sinne von Kaiserin Friedrich bot die KFS von ihrer Gründung im Jahr 1903 bis 1933 unabhängige und praxisnahe Fortbildungen für Ärzte an. Da Ärztinnen damals nur vereinzelt zum Medizinstudium zugelassen wurden, gab es so gut wie keine Fortbildungsmöglichkeiten für sie.
Heute richtet sich das Fortbildungsangebot der Stiftung an Ärztinnen und Ärzte. In den vergangenen Jahren hat sich die Stiftung personell neu aufgestellt. „Berliner Ärzt:innen“ hat mit dem Schatzmeister der Stiftung, Prof. Dr. med. Thomas Kersting, über die Veränderungen seit dem Erscheinen des Artikels im Jahr 1996, die Zukunftspläne der Stiftung und deren Umsetzung durch Vorstand und Kuratorium gesprochen.
Heike Grosse: Herr Professor Kersting, Sie haben sich vor vier Jahren als Schatzmeister in den Vorstand der KFS wählen lassen und sich zum Ziel gesetzt, frischen Wind in die Stiftung zu bringen. Was haben Sie konkret verändert?
Prof. Dr. med. Thomas Kersting: In erster Linie haben meine Vorstandskollegen und ich angeregt, dass sich unser Aufsichtsgremium, das Kuratorium, verjüngt und mehr Frauen im Team vertreten sind. Zweitens haben wir in Vorstand und Kuratorium den Fokus auf aktuelle Themen gelegt, die nicht nur Menschen im medizinischen Umfeld bewegen, sondern die gesamte Gesellschaft bewegen. Drittens haben wir den Zustand und die Sicherheitstechnik des Gebäudes verändert: Die Räume sind jetzt technisch so aufgerüstet, dass wir alle Fortbildungen auch als Hybrid-Veranstaltungen anbieten können. Dabei haben wir auch die Akustik im Hörsaal grundlegend verbessert – jetzt kann man die Vortragenden aus jeder Ecke des Saals hervorragend verstehen.
Fangen wir bei den Veränderungen in Kuratorium und Vorstand an: Inwiefern hat sich die Stiftung personell verjüngt und wie haben Sie das geschafft?
Wir haben beispielsweise unsere Satzung schon vor einiger Zeit so verändert, dass Mitglieder nicht mehr auf Lebenszeit in Kuratorium und Vorstand gewählt werden können. Außerdem haben wir uns dafür eingesetzt, dass neue Mitglieder nach Möglichkeit noch berufstätig sind. Auch das hat zu entsprechend jüngeren Kuratoriumsmitgliedern geführt.
Wer ist unter diesen Bedingungen neu ins Kuratorium gekommen und welche Frauen haben Sie hinzugewonnen?
Zu den neuen Kolleginnen unseres zwölfköpfigen Kuratoriums gehören Dr. med. Marina Heise, als benanntes Mitglied des Vorstandes der Ärztekammer Berlin, Dr. med. Nicole Schweitzer sowie Dr. med. Anke Kleine-Tebbe, Chefärztin des DRK-Brustzentrums in Köpenick, und Prof. Dr. med. Irit Nachtigall, die als Direktorin das Institut für Hygiene und Umweltmedizin im Vivantes-Konzern leitet. Außerdem konnten wir Norman Johannes Schuster, Geschäftsführer des Deutschen Krankenhaustages und Verbandes der leitenden Krankenhausärzte, hinzugewinnen. Mit ihm sind jetzt neben Prof. Dr. jur. Martin Stellpflug zwei Juristen im Kuratorium. Unter den weiteren Mitgliedern möchte ich auch den Präsidenten der Bundesärztekammer, Dr. med.(I) Klaus Reinhardt, hervorheben, der uns seit Jahren fachlich und inhaltlich unterstützt.
Was bringen diese neuen Personen für einen „Spirit“ in die Stiftung?
Ganz viele neue Ideen, die wir jetzt Schritt für Schritt umsetzen. Herr Schuster ist zum Beispiel sehr erfahren im Eventbereich – mit seiner Hilfe können wir unsere Veranstaltungen besser planen und neue Partner gewinnen. Professor Nachtigall kennt sich gut in der Unternehmensentwicklung aus und ist zudem Expertin im Umgang mit den neuen Medien. Sie wirkt an Podcasts mit zu Themen wie „Infektiologie“, „Antibiotic Stewardship“ und „Studienkompetenz“ mit. Deshalb nützt uns ihre Erfahrung in beiden Bereichen. Wir entwickeln eine neue digitale Strategie und richten die KFS insgesamt auf die aktuellen Erfordernisse aus. Dr. Schweitzer hat mit der Charité eine Fortbildung zu Gesundheit und gesunder Ernährung konzipiert und Dr. Heise sorgt für einen guten Austausch mit der Ärztekammer Berlin. Dr. Kleine-Tebbe verstärkt zudem die enge Verbindung zur Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Berlin sowie zur Berliner Krebsgesellschaft, die ja bei uns im Haus sitzt.
Mit diesem Team wollen wir auch die schwierige Gesamtsituation der KFS verbessern, denn seit der Pandemie ist die Konkurrenz durch kommerzielle Fortbildungsanbieter viel größer geworden. Vor allem hat sich aber die Bedeutung von Präsenzveranstaltungen enorm verändert: Viele Menschen wollen sich lieber online als persönlich im Hörsaal fortbilden. Darauf haben wir reagiert.
Daneben haben wir in unserem Symposium für Ärzt:innen und Jurist:innen weitere aktuelle Themen für unsere eigenen Fortbildungen aufgegriffen, beispielsweise „Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in Krankenhaus und Praxis“ sowie „Veränderungen im Zusammenhang mit der Krankenhaus-Reform“ wie Insolvenzen und deren Auswirkungen auf das Arbeitsrecht, die Weiterbildung und die Haftpflichtversicherungen von Ärzt:innen.
Welche Mittel haben Ihnen bei der Umsetzung geholfen?
Wir haben für Renovierungsmaßnahmen des Kaiserin-Friedrich-Hauses in Bezug auf Sicherheitstechnik und Brandschutz sehr viel Hilfe von der LOTTO-Stiftung Berlin bekommen und hoffen, diese auch in Zukunft zu erhalten. Hätte sie unsere Anträge nicht so kontinuierlich finanziert, wäre unsere technische Ausstattung heute nicht so gut.
Erzählen Sie uns bitte von den thematischen Schwerpunkten der KFS. Was hat sich daran in den letzten 30 Jahren verändert?
Zwischen 1990 und Anfang der 2010er-Jahre hatten wir Fortbildungen zum Wiedereinstieg für ausländische Ärzt:innen im Angebot und haben eine starke Kooperation mit China gepflegt. Regelmäßig waren chinesische Ärzt:innen und auch andere internationale Stipendiat:innen der Charité zu Gast, die sich hier über das deutsche Gesundheitssystem informiert haben. Diese Schwerpunkte sind weggefallen, wir haben andere Kooperationspartner: Die Ärztekammer Berlin ist natürlich weiterhin dabei, genauso wie die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Neu hinzugekommen ist beispielsweise das „Forum für medizinische Fortbildung“ (FomF). Mit dessen technischen Möglichkeiten testen wir, ob wir ein breiteres Angebot an zertifizierten CME-Fortbildungen vorhalten und so mehr Fortzubildende erreichen können.
Anders als vor 30 Jahren wendet sich unsere „Fortbildung zum Wiedereinstieg in die ärztliche Tätigkeit“ heute nicht mehr ausschließlich an ausländische Ärzt:innen, sondern auch an (Allgemein-)Mediziner:innen, die nach einer Pause in den Beruf zurückkehren wollen. Daneben haben wir in unserem Symposium für Ärzt:innen und Jurist:innen weitere aktuelle Themen für unsere eigenen Fortbildungen aufgegriffen, beispielsweise „Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in Krankenhaus und Praxis“ sowie „Veränderungen im Zusammenhang mit der Krankenhaus-Reform“ wie Insolvenzen und deren Auswirkungen auf das Arbeitsrecht, die Weiterbildung und die Haftpflichtversicherungen von Ärzt:innen.
Im vergangenen Jahr ist auf Initiative der Vorstandsmitglieder Dr. med. Karen Hemmrich und Prof. Dr. med. Walter Schaffartzik außerdem eine Seminarreihe zur Einführung in die medizinische Begutachtung entstanden, die wir bereits zum neunten Mal anbieten. Besonders attraktiv sind dabei die kurzen Veranstaltungszeiten am späten Nachmittag und das reine Online-Format.
Können Sie uns ein Beispiel zum Thema „Digitalisierung in Krankenhaus und Praxis“ nennen?
Beispielsweise hat uns die Firma „Caire Health AI GmbH“ im vergangenen Jahr ein Programm vorgestellt, das durch das Abscannen des Gesichts Werte wie Herz- und Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und HRV berechnet und diese ins KIS weiterleitet. Ich habe als Versuchskaninchen 30 Sekunden in ein Laptop-Display geblickt, dann hat das Programm meine Messwerte ausgespuckt – das war schon sehr beeindruckend. Der Krankenhausinformationssystem-Hersteller „Dedalus Healthcare“ hat uns zudem gezeigt, wie KI-Prädiktoren-Tools anhand von Routinedaten bestimmte Krankheitsbilder bei Patient:innen vorhersagen, um rechtzeitig medizinisch-pflegerische Maßnahmen einzuleiten.
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Was hat sich im Programm der Stiftung im Vergleich zu vor 30 Jahren nicht verändert?
Die Grundidee, dass es mit der Kaiserin-Friedrich-Stiftung einen angenehmen Ort geben soll, an dem man sich geistig austauscht und persönlich vernetzt. Durch die verbesserten digitalen Möglichkeiten sind wir diesem Ziel zwar nicht nähergekommen, haben aber andere Ideen entwickelt, um es zu erreichen.
Welche Ideen sind das genau?
Wir haben uns gefragt, mit welcher Art von Angeboten wir erreichen können, dass Ärzt:innen außerhalb unserer Fortbildungsveranstaltungen wieder persönlich zu uns in die Stiftung kommen? Unsere Antworten darauf sind zum Beispiel Ausstellungen und Lesungen, damit die Begegnungen auch im sozialen Leben stattfinden. Im Moment sehen Sie hier diese riesigen, bunten Porträts wichtiger Jazz-Musiker, die der estnische Künstler Arvo Wichmann gemalt hat – das verändert die Atmosphäre. Viele Menschen bleiben deshalb nach Veranstaltungen oder nach dem Essen in unserer Kantine „KFS-Casino Royal“ ein bisschen länger und schauen sich die Ausstellungen an.
Auch gutes Essen ist aus unserer Sicht ein wichtiger Punkt, damit sich Menschen für eine Fortbildung in Präsenz entscheiden. Deshalb haben wir seit 2022 einen neuen Caterer und bieten unter der Woche auch einen Mittagstisch an. Die Kantine ist sehr gut besucht und ein Magnet für das Personal aus der ganzen Nachbarschaft. So kommen beispielsweise Mitarbeitende aus der Charité hierher, treffen sich vor Ort und tauschen sich beim Essen aus. Besonders beliebt ist dabei unser Schnitzeltag am Mittwoch.
Das wichtigste Argument für eine Fortbildung bei uns sind jedoch die Referent:innen und Themen. In unserem Wiedereinstiegsseminar erhalten Ärzt:innen beispielsweise in vier Tagen einen Überblick über die aktuellsten medizinischen Themen von anerkannten Referent:innen. Das entspricht fast 30 Fortbildungsstunden à 45 Minuten mit 28 bis 30 Fortbildungspunkten. Und auch, wenn das Beteiligungsniveau vor der Pandemie bei uns in Bezug auf die Besucherzahlen noch nicht vollständig erreicht ist: Insgesamt sehen wir anhand der Zahlen der Teilnehmenden der Präsenzseminare, dass das Interesse an persönlicher Begegnung wieder wächst.
Wie stellen Sie sicher, dass die Fortbildungen den neuesten Kriterien entsprechen, also evidenzbasiert und neutral sind?
Dabei hilft uns ein wissenschaftlicher Beirat mit zwölf Mitgliedern, die uns bei der Organisation und Durchführung beraten. Sie sind gut vernetzt und können uns so gut bei der Auswahl von Vortragenden anhand von Veröffentlichungen und deren wissenschaftlichem Ruf unterstützen. Die Referent:innen müssen aber auch bereit sein, für ein eher geringes Honorar an der Grundidee der Stiftung mitzuwirken und evidenzbasierte, medizinische Fortbildungen auf dem neuesten Stand der Forschung für Ärzt:innen und teilweise für Jurist:innen mitzugestalten.
Was plant die KFS für die Zukunft?
Wir wollen mehr Fortbildungen zum Thema Medizintechnik anbieten und werden nach Möglichkeit die Rolle der KFS in der NS-Zeit erforschen lassen. Um eine größere Reichweite zu erzielen, testen wir, wie bereits erwähnt, die Zusammenarbeit mit technisch versierten Anbietern, die Veranstaltungen aufzeichnen und als CME-Fortbildung anbieten können. Zudem nehmen wir den Begriff der „Verjüngung“ wörtlich und wollen zukünftig nicht nur den Anteil von Studierenden in den Veranstaltungen erhöhen, sondern auch eine Kinderbetreuung während der Fortbildungen in unseren Räumen anbieten, damit die Eltern unbesorgt im Hörsaal sitzen können. Am wichtigsten ist es uns aber, digital noch sichtbarer zu werden und uns als „Fortbildungsinstitution für die Berliner Ärzteschaft“ weiterzuentwickeln und zu etablieren.
Die Kaiserin-Friedrich-Stiftung
Die Kaiserin-Friedrich-Stiftung wurde im Jahr 1903 auf Initiative von Ernst von Bergmann, Robert Kutner und Friedrich Althoff in Berlin gegründet. Sie wurde zur Trägerin des zwischen 1904 und 1906 aus privaten Spenden errichteten Kaiserin-Friedrich-Hauses bestimmt.
Weitere Informationen: Ärztliche Fortbildung | Kaiserin-Friedrich-Stiftung
