Ortsbezogene Installationen, Lichtarbeiten und Kunst-am-Bau-Projekte
„Esperance“ – Hoffnung – heißt das Ensemble verschieden großer, transparenter Kugeln. Die Skulptur von Monika Goetz (*1968) besteht aus Gläsern und Flaschen, die mit UV-Kleber zusammengehalten werden. Die filigranen Gebilde stimmen heiter und fast zuversichtlich. Doch sie sind zugleich fragil, zerbrechlich. „Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass man sich daran auch verletzen könnte“, kommentiert Anne Schwarz von der Galerie Schwarz Contemporary beim Presse-Rundgang Anfang Juni.
Ambivalenzen dieser Art gehören zu den bleibenden Eindrücken von Ausstellungen moderner Kunst. Doch wenn es auch einen Moment so scheinen mag: Wir sind hier nicht im Arsenale, dem großen Ausstellungsraum der Biennale von Venedig. „Esperance“ ist auf dem Boden des „Kochhauses“ auf dem Gelände der DRK Kliniken Berlin Westend ausgestellt, einem Raum, in dem früher die Mahlzeiten für Patientinnen und Patienten zubereitet wurden.
Dort ist auch „Shaping Berlin“ zu sehen, das Einblick in die Arbeit von acht Bildhauerinnen gibt, die aktuell in Berlin arbeiten. Das Konzept dafür wurde in einem Wettbewerb des Berliner Senats prämiert. Dass diese „weiblichen Positionen“ nun im Gebäude eines Berliner DRK-Klinikums zu sehen sind, passt besonders gut, denn die DRK-Schwesternschaft Berlin e. V. ist alleiniger Gesellschafter des Unternehmensverbundes.
Neue Ausstellungen und ortsbezogene Projekte
Museale Präsentation
Der Förderverein „Kunst im Westend e. V. – Eine Initiative der DRK Kliniken Westend“ organisiert bereits seit über zwei Jahrzehnten Ausstellungen und Installationen namhafter Künstlerinnen und Künstler in den Innenbereichen der zahlreichen Klinikgebäude. Dabei geht es keinesfalls um nettes, schmückendes Beiwerk oder um Dekoration an als zu kahl empfundenen Wänden. „Wir haben uns für eine Form der Präsentation entschieden, die wirklich museal sein will und diesem Anspruch gerecht wird“, erklärt Dr. Eva Morawietz, Kunsthistorikerin und Leiterin „Kunst und Kultur“ an den DRK Kliniken Berlin. Kurze schriftliche Einführungen in die Werke der Künstler:innen sowie Kunstführungen bringen Patient:innen und deren Angehörigen, aber auch den Menschen, die in den verschiedenen Bereichen des Klinikums arbeiten, die Werke näher. Auch Kunstinteressierte, die nicht zu einer dieser Kategorien gehören, sind – zu den Besuchszeiten der Kliniken – willkommen.
Es gibt einiges zu entdecken. Auf den chirurgischen Stationenin einem der Altbauten hängen zum Beispiel Werke der ZERO-Künstler Heinz Mack (*1931) und Otto Piene (1928–2014). Die prominenten Vertreter der deutschen Nachkriegs-Avantgarde widmen sich den vier Elementen oder in Pienes Serigraphie „Regenbogen“ einem Naturschauspiel, für das unsere Erde die verschiedensten Schauplätze bietet. Farbe, Licht und Schönheit, die auch tröstlich sein können. Mag sein, dass das Bild „Veuve Clicquot“ manchen auch an den Tag der Entlassung nach einer gelungenen Operation denken lässt, und an die Flasche Schaumwein, die zu Hause für besondere Anlässe bereitsteht.
Wer in die Notaufnahme muss, hat wahrscheinlich nicht die Ruhe, um die vor dem Eingang platzierten Plastiken des Bildhauers Rolf Szymanski (1928–2013) zu betrachten. Ihre Kraft und Würde teilen sich vielleicht aber auch unterschwellig mit. Für die Skulpturen im Außenbereich ist die 2009 gegründete Stiftung „Figuren im Park“ von Heidi und Dieter Brusberg mit den DRK Kliniken Berlin Westend zuständig.
„Alle sehen, dass hier etwas Eigenes, Geschaffenes ist“
Ein Gespräch mit PD Dr. med. Bernd Frericks (BF), Chefarzt des Instituts für diagnostische und interventionelle Radiologie, Ärztlicher Leiter des Klinikums und Vorsitzender des Fördervereins Kunst im Westend e. V.
Adelheid Müller-Lissner: Herr Dr. Frericks, wie verändert es den Aufenthalt von Patient:innen, wenn sie an vielen Orten des Klinikums Kunstwerken begegnen?
Natürlich sind viele Patient:innen, die hierherkommen, zunächst einmal mit ihrer schweren Krankheit beschäftigt. Sie bemerken aber, dass sie in ein gepflegteres Haus kommen, in dem man sich Mühe gibt, das Umfeld zu gestalten. In der Phase der Rekonvaleszenz nehmen viele die Kunst dann wirklich wahr. Ein klassischer Fall ist der unfallchirurgische oder orthopädische Patient, der mit dem Physiotherapeuten auf den Gängen auf und ab geht.
Die Kunstwerke haben aber auch Einfluss auf Patient:innen mit einer schweren Krebserkrankung, die nach der Operation ins Leben zurück müssen und wollen. Praktisch alle interessieren sich dafür, vielen bieten sie ein wenig Ablenkung. So kommt man ins Gespräch: Wir werden sowohl darauf angesprochen, wenn jemandem etwas gar nicht gefällt, als auch auf die schöne Ausdruckskraft der Werke. Alle sehen, dass hier etwas Eigenes, Geschaffenes zu sehen ist, etwas Kuratiertes. Sie merken, dass sich jemand Gedanken gemacht hat.
Was kann Kunst zur Heilung und zum Wohlbefinden beitragen?
Ich glaube, ein entscheidender Faktor ist, dass Patient:innen von ihren Sorgen und Nöten abgelenkt werden. Sie kommen in andere, neue Gedankenwelten und heraus aus dem engen Korridor. Im besten Fall entsteht eine Art Dialog mit einem Kunstwerk, und das bietet die Chance, neue Möglichkeiten für sich selbst zu entwickeln.
Passt Kunst also in das aktuelle Konzept des „Social Prescribing“, als „Kunst auf Rezept“?
Aus meiner Sicht ja. Allerdings muss man gut überlegen, für welche Menschen welche Form der Kunst eine positive Rolle spielen könnte. Das ist sehr individuell. Wir beobachten, dass sich Patient:innen das aussuchen, was sie persönlich anspricht.
Wie reagieren die Mitarbeitenden der Kliniken auf die Kunst?
Da gibt es natürlich unterschiedliche Meinungen. Bis hin zu Bemerkungen wie: „Was soll das, wo wir doch sparen müssen?“ Oder: „Das hätte auch mein Hund malen können.“ Durch gute, informative Gespräche und kleine Kunstführungen ändert sich das jedoch. Im Großen und Ganzen stößt das Projekt auf große Zustimmung. Die meisten finden es gut, dass hier Bilder hängen, die nicht wie aus dem Katalog wirken. Allgemein spürt man: Das hier ist ein Mehr.
Und noch eine persönlichere Frage: Als Radiologe arbeiten Sie mit „Bildgebung“. Hat Ihr Fachgebiet einen besonderen Blick auf Bilder?
Es stimmt, dass wir grundsätzlich eine große Affinität zu Bildern haben. Wir sind von Berufs wegen nah am Bild und achten auf Details. Wir sind darauf trainiert, kleinste Veränderungen zu erkennen. Auch wenn es sich bei den radiologischen Bildern natürlich um technische Bilder handelt, die in der Regel schwarz-weiß und in abgestuften Grautönen sind.
Vielen Dank für das Gespräch.
„Ach, wie schön, da muss man ja gesund werden“
Mitten auf der Aue, dem Herzstück der Krankenhausanlage, haben Flanierende mehr Muße und sehen sich vielleicht eine der neueren Skulptur an: Ein Mädchen? Ein Hase? Etwas dazwischen? Als „ein Mischwesen des Schutzes und des Trostes“ empfindet Felix Brusberg, Sohn des Gründer-Ehepaars der Stiftung, das Werk der japanisch-schweizerischen Bildhauerin Leiko Ikemura (*1951). Morawietz berichtet ergänzend von einer Patientin, die beim Gang durch den Garten nur staunend sagte: „Ach, wie schön, da muss man ja gesund werden!“
Doch vor vielen Patient:innen, die stationär ins Krankenhaus aufgenommen werden, liegt ein weiter, von starker Ungewissheit und zahlreichen medizinischen Etappen geprägter Weg. Den Gang zum MRT im Hochhaus E1 des Klinikums hat die Künstlerin Johanna Jaeger (*1985) mit der eigens für diesen „MRT-Tunnel“ entwickelten großformatigen Wandarbeit „Turning Corners“ zu einem optischen Erlebnis gemacht: Bildgebung auf dem Gang zur Bildgebung.
Auch wer den Eingangsbereich zum Kreißsaal betritt, mag bei aller freudigen Erwartung ein Gefühl der Ungewissheit zunächst einmal das Triptychon mit dem schönen Titel „Lebenskraft“, das der kürzlich verstorbene Georg Baselitz (1938–2026) 1970/71 als „Kunst am Bau“ für die Kliniken gestaltete und das im Eingangsbereich des Bettenhochhauses zu bewundern ist. Für Morawietz ist es das „Herzstück“ des gesamten Projekts. Zudem ist es eines der frühesten Werke, in denen der Künstler mit der Umkehrung der Motive experimentierte.
Besondere Anerkennung
In diesem Jahr gibt es neben der Vielzahl hier vertretener Künstler:innen einen zweiten Beleg für die besondere Bedeutung des gesamten Projekts: Die DRK Kliniken Berlin Westend wurden für den renommierten Deutschen Kulturförderpreis 2026 nominiert. In die engere Auswahl zu kommen, gilt in der Szene als Auszeichnung.
Kunst im Westend
Die Kunstwerke in den Innenräumen der verschiedenen Kliniken können nachmittags zwischen 15 und 18 Uhr besichtigt werden. Für die Kunstwerke im Außenbereich gibt es einen von Schauspieler Hanns Zischler eingesprochenen Audioguide, der über die QR-Codes an den Skulpturen abgerufen werden kann.
Weitere Informationen unter: Kunst im Westend