Historische Momente erkennt man selten, während man in ihnen steht. Man hält einen Haken, ärgert sich über die Hitze unter der Maske und ahnt nicht, dass man gerade Zeuge eines Übergangs wird. Erst vierzig Jahre später, beim Ordnen alter Papiere, fügt sich das Bild.
Erinnerungen eines Schülers
Am 27. Oktober 2026 wäre Kurt Franke hundert Jahre alt geworden – der Chirurg, den man in Pankow den „Knie-Franke“ nannte und den wir in meiner Familie respektlos zärtlich den „Frankyboy des Ostens“ tauften. Was folgt, ist keine Biografie; die ist andernorts nachzulesen. Es ist eine subjektive Erinnerung – die eines Schülers, der mit seinen Zufällen viel Glück hatte.
Ich lernte ihn 1983 während der Famulatur kennen und kam nach der Approbation im Jahr 1985 als Assistenzarzt an seine Pankower Klinik. Der eigentliche Umbruch jener Jahre spielte sich an einem unscheinbaren Gerät ab. Der Operateur legte das Auge unmittelbar an das Okular des Arthroskops; es gab keinen Monitor, kein Team, das mitsah. Einer sah. Alle anderen mussten glauben, was sie hörten. Wer heute im Operationssaal auf einen Bildschirm blickt, kann sich kaum vorstellen, wie einsam und wie voraussetzungsvoll dieses Sehen war – und wie viel Vertrauen es verlangte.
Für mich hatte das eine besondere Pointe: In meiner Doktorarbeit ging es um offene Arthrotomien am kindlichen Kniegelenk, also genau um das Verfahren, das gerade abgelöst wurde. Ich schrieb über das Ende einer Ära und lernte gleichzeitig ihren Nachfolger kennen.
Moderne Optiken und Kaltlichtquellen aus dem Westen waren Devisenware und kaum zu bekommen. Also behalf man sich mit modifizierten Optiken von Carl Zeiss Jena, baute um, lieh aus und teilte. Das klingt nach Mangel, und es war Mangel. Aber es erzeugte auch etwas, das ich später in weit besser ausgestatteten Häusern vermisste: einen Zusammenhalt, der aus dem Improvisieren entstand. Wer ein Instrument dringend brauchte, bekam es von der Nachbarklinik – nicht, weil ein Vertrag es vorsah, sondern weil man sich kannte. Not macht erfinderisch und unter Umständen auch kollegial.

Prof. Dr. med. Kurt Franke (1926–2008), Chefarzt der Chirurgischen Klinik des Städtischen Krankenhauses Berlin-Pankow 1964–1991
Foto: Privataufnahme / Privatarchiv Dr. med. h.c. univ. Bucovina, DDr. Hans Christian Rehak-Isenring
Prof. Dr. med. Kurt Franke (1926–2008), Chefarzt der Chirurgischen Klinik des Städtischen Krankenhauses Berlin-Pankow 1964–1991
Von Eitelkeiten
Man soll Verstorbene nicht zu Heiligen machen. Franke wusste sehr genau, wer er war. Ein Chefarzt, auf dessen Tisch Olympiasieger, Tänzer des Friedrichstadt-Palastes und gelegentlich Politiker lagen, trägt das nicht ganz ohne Eitelkeit – und wir Jüngeren waren keinen Deut besser. Als ich am 7. Dezember 1988 unter seiner Leitung meine Promotion verteidigte, wurde auf der Feier „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?“ gespielt. Ich hielt mich damals für bedeutend. Im Rückblick war das genau die richtige Tonlage: Die Pankower Chirurgie nahm ihre Arbeit sehr ernst und sich selbst gerade so ernst, wie es gut tat.
Wie gut er die Eitelkeit seiner Schüler kannte, zeigt ein Schreiben, das er mir 1991 mit auf den Weg gab. Er bescheinigte mir darin ein „Interesse an der Verbindung medizinischer Analysen mit der EDV-Technik“ – gemeint war die mathematische Mustererkennung, mit der ich Knieverletzungen bei Kindern und Jugendlichen ausgewertet hatte. Damals klang das nach Spielerei. Heute, im Zeitalter datengestützter Diagnostik, lese ich den Satz mit einer Mischung aus Rührung und Verlegenheit. Offensichtlich hatte der alte Herr besser verstanden, wohin die Reise ging, als sein strebsamer Assistent.
Eine Mitgliedschaft über die Mauer
Das Bemerkenswerteste an Franke war für mich am Ende jedoch nicht die Technik, sondern eine Mitgliedschaft. Als 1982 in Berlin die „European Society of Knee Surgery and Arthroscopy (ESKA)“ auf Initiative des Stockholmers Ejnar Eriksson gegründet wurde – mit dem Basler Werner Müller als erstem Präsidenten und dem West-Berliner Peter Hertel als Präsidenten des ersten Kongresses –, gehörte Franke als Vertreter der DDR ihrem Vorstand an, bis 1990. Ein Ostberliner Chefarzt im Leitungsgremium einer im Westen registrierten Fachgesellschaft, mitten im Kalten Krieg.
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Das funktionierte nicht wegen, sondern trotz der Politik: weil Kollegen einander fachlich brauchten und, was schwerer wog, schätzten. Zu den unterschätzten Wahrheiten dieser Jahre gehört, dass die Medizin an vielen Stellen menschlicher war als die Verhältnisse, unter denen sie stattfand.
Wie weit Frankes Wirkung reichte, begriff ich erst in Weißensee. Zur arthroskopischen Ausbildung hospitierte ich an der dortigen Chirurgischen Klinik bei Chefarzt Dr. sc. med. Heinz Wuschech; Oberärzte waren Dr. sc. med. Gerhard Heller und Dr. sc. med. Ralf Kündiger. Alle drei hatten ihre Promotion bei Kurt Franke geschrieben. Das steht in keiner Chronik, beschreibt aber genauer als jede Ehrung, was eine Schule ist: nicht ein Haus, sondern ein Kreis von Leuten, die dieselbe Handschrift weitertragen, jeder auf seine Weise.
Zufälle, aus denen Geschichte wird
Im Jahr 1990 lernte ich Dr. med. Franz-Heinrich Schain aus Hannover kennen. Aus dieser Begegnung wurde eine Idee, aus der Idee das Deutsche Arthroskopie-Symposium, das vom 15. bis 16. März 1991 im Palasthotel an der Karl-Liebknecht-Straße stattfand – das erste gesamtdeutsche Treffen des Fachs. Ich war damals im dritten Ausbildungsjahr und weit davon entfernt, zu ahnen, dass dies ein zeithistorischer Meilenstein werden würde. Wir wollten schlicht erreichen, dass die Kollegen aus Ost und West endlich am selben Tisch sitzen.
Frankes Leitgedanke, die Arthroskopie als gelenkschonende Alternative zum offenen Eingriff, hat mich nicht mehr losgelassen. Später konnten wir ihn gemeinsam mit Chefarzt Heller und mit Unterstützung der AGA – Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie weitertragen: nach Kiew und Tschernowitz, wo die Methode mit dem ukrainischen Kollegen Dr. med. Stepan Spizhavka Fuß fasste. Es war das erste Mal, dass die AGA in der Ukraine tagte; über hundert Kolleginnen und Kollegen kamen.
Anstelle von Blumen
In meinem Privatarchiv liegt ein Schreiben aus Frankes 75. Lebensjahr. Seinen runden Geburtstag beging er im Festsaal des Pankower Rathauses – nicht mit einer Festveranstaltung, sondern mit einer Matinee, die von acht- bis vierzehnjährigen Kindern einer Musikakademie zur Förderung Hochbegabter gestaltet wurde. „Anstelle von Blumen“ hatte er um Spenden für Ärztehäuser in Kuba gebeten. Es kamen 2.270 Mark zusammen. Davon zweigte er kurzerhand tausend Mark ab und überwies sie „zur Hilfe für die zivilen Opfer des Krieges in Afghanistan“ – wenige Wochen, nachdem dieser begonnen hatte. Man muss diese Geste nicht überhöhen. Sie sagt nur, woran ihm gelegen war.
Kurt Franke starb im Mai 2008 in Berlin. Was ich ihm verdanke, ist weniger eine Technik als eine Haltung: dass man unter den gegebenen Bedingungen – mit Ideologie, mit staatlicher Begünstigung und der dazugehörenden Portion Gehorsam – seinen eigenen Weg sucht und mitunter findet. Die DDR-Medizin war darin einzigartig und zugleich ein Sinnbild: Aus Not entstand Erfindergeist, und aus dem Improvisieren entstand Zusammenhalt. Wer daran zurückdenkt, sollte weder verklären noch abrechnen. Es genügt, sich zu erinnern.