Die MFA-Ausbildung wird männlich

Immer mehr Männer entscheiden sich für den Beruf des Medizinischen Fachangestellten. Mit einem Männeranteil von 9,5 Prozent unter den Auszubildenden liegt die Ärztekammer Berlin 2025 bundesweit vorn – und setzt damit eine langjährige Tradition fort: Bereits vor 40 Jahren wurde hier der erste Mann zum Arzthelfer ausgebildet.

Veli Çagılligeçit war der erste Mann in Berlin, der eine Ausbildung zum Arzthelfer absolvierte.

Der wachsende Männeranteil

Als die Absolvent:innen des letzten Ausbildungsjahrgangs Medizinischer Fachangestellter (MFA) von der Ärztekammer Berlin ins Berufsleben verabschiedet wurden, war es etwas anders als in den Jahren zuvor: Der Anteil der männlichen Absolventen war so hoch wie nie zuvor.

Von den 578 Absolvent:innen waren 55 Männer, was einem Anteil von 9,5 Prozent entspricht. Damit hat die Ärztekammer Berlin prozentual die meisten Männer in diesem Beruf ausgebildet, dicht gefolgt von den Ärztekammern Brandenburg, mit 9,49 Prozent und Hamburg  mit 9,1 Prozent. Dies geht aus einer von der Ärztekammer Berlin unter den 17 deutschen Ärztekammern veranlassten Umfrage zur Anzahl der männlichen MFA-Absolventen der vergangenen 16 Jahre hervor.

Die Zahlen des Berufsinformationszentrums (BIZ) des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), die bis ins Jahr 1993 zurückreichen, beweisen, dass es sich bei dem zunehmenden Männeranteil der MFA-Absolventen in Deutschland um einen Trend handelt. Während imJahr 2012 noch 132 Männer (1,1 Prozent) die MFA-Ausbildung absolvierten, waren es im Jahr 2024 deutschlandweit schon 507, knapp 4 Prozent. In den Jahren 2022 bis 2024 wuchs der Männeranteil der MFA-Absolventen stärker als in den Jahren davor. von 2,7 Prozent im Jahr 2022 über 3,3 Prozent im Jahr 2023 bis auf 4 Prozent im Jahr 2024.

Auch die oben genannte Umfrage unter den Ärztekammern in Deutschland bestätigt diesen Trend: Seit 2021 haben deutlich mehr Männer den MFA-Beruf für sich entdeckt als zuvor. Und auch wenn die Ausbildungszahlen in fast allen Bundesländern schwanken und sich in einigen Jahren insgesamt weniger Auszubildende für die MFA-Ausbildung entscheiden als in anderen, wächst der Männeranteil unter den MFA-Absolventen in den meisten Fällen.

Arzthelferin: jahrzehntelang ein Frauenberuf – im Westen wie im Osten

Bis in die 1980er Jahre kam es praktisch nicht vor, dass Männer sich hinter die Anmeldung eines Empfangstresens in einer Arztpraxis stellten, Blut abnahmen oder die Abrechnung machten. Wenn es einen Mann in einer Praxis gab, dann war dieser in den meisten Fällen der Arzt, denn der Beruf der MFA oder der Arzthelferin, wie er bis 2006 hieß, war damals ein reiner Frauenberuf. Bis er 1965 in Westdeutschland zu einem Lehrberuf wurde, halfen in den Arztpraxen entweder Sekretärinnen, medizinisch-technische Assistentinnen oder Krankenschwestern. Da es keine geregelte Ausbildung gab, waren die Frauen immer nur in Teilen des Arzthelferinnenberufs ausgebildet – den Rest lernten sie irgendwie dazu. Um das zu ändern, führte die Bundesrepublik 1965 den Ausbildungsberuf „Arzthelferin“ ein.

Im Ostteil der Republik gab es in den 1950er Jahren ein einjähriges Studium für den Beruf des „Arzthelfers“. Dieser wandelte sich 1961 zu einem zweijährigen Ausbildungsberuf, in dem nun „Sprechstundenassistentinnen“ ausgebildet wurden, die umgangssprachlich als „Sprechstundenschwestern“ bezeichnet wurden. Auch in der ehemaligen DDR erlernten diesen Beruf, der zwischen Medizin und Pflege angesiedelt ist und heute am ehesten mit dem Beruf der Pflegefachpersonen oder den „Physician Assistants“ vergleichbar ist, vor allem Frauen.

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Erster Arzthelfer in Berlin schon 1986

Im Jahr 1986 wurde die Ausbildung zur „Arzthelferin“ ein staatlich anerkannter dualer Ausbildungsgang. Bereits zwei Jahre zuvor hatte Veli Çagılligeçit aus der Türkei in Berlin als erster Mann seine Ausbildung zum Arzthelfer begonnen. Als einziger Mann unter 200 weiblichen Auszubildenden mit einem auffälligen „Maxim-Gorki-Schnurrbart“ und dunklen Locken besuchte er an zwei Tagen die Woche die Schule und arbeitete an den anderen drei Tagen in einer Kreuzberger Kollektivpraxis (dem heutigen praxiskollektiv). Dazu lernte er jeden Abend in einem Abendkurs Deutsch.

Im Jahr zuvor hatten bereits zwei deutsche Männer die Ausbildung begonnen – und sie nach wenigen Monaten wieder abgebrochen. Auch Veli Çagılligeçit hatte sich gründlich darüber Gedanken gemacht, ob er sich der Lernatmosphäre als einziger Mann unter Frauen gewachsen fühlte. Da er sich in der Türkei aber vorwiegend in weiblicher Gesellschaft aufhielt, hatte er keinen Zweifel daran, dass er diese Herausforderung meistern würde.

Vorurteile gegen Männer in einem reinen Frauenberuf

Bevor Veli Çagılligeçit die Ausbildung antreten konnte, musste er sich jedoch erst gegen die Vorurteile in der Kreuzberger Praxis durchsetzen. Eine weibliche Mitarbeiterin zweifelte nach dem Bewerbungsgespräch daran, dass er sich gut in das linke Praxiskollektiv einfügen würde. Sie fürchtete, ein türkischer Mann würde nicht abwaschen und nie kochen, so wie es in der Praxis reihum üblich war. Abum Glück konnten sich die anderen Praxis-Mitarbeiter:innen gegen die Vorurteile durchsetzen: Denn Veli Çagılligeçit war nicht nur ein passionierter Koch, sondern sorgte seit dieser Zeit auch dafür, dass die Küche aufgeräumt und der Tisch gedeckt war – und er liebte seine Arbeit.

Auch wenn heutzutage immer mehr Männer den Beruf des MFA ergreifen, spielen Vorurteile noch immer eine Rolle. Dies zeigen etliche Einträge auf Internet-Plattformen, wie Reddit oder Gutefrage.net etc., in denen Männer beispielsweise skeptisch nach den Erfahrungen fragen, die andere Männer in diesem Beruf gemacht haben, oder wissen wollen, ob sie als Mann in einem reinen Frauenberuf überhaupt ernst genommen werden.

1986 nur Vordrucke für „Arzthelferinnen“

Fragt man Veli Çagılligeçit danach, hat er nur Positives zu berichten. Zwar hielten ihn die meisten Patient:innen anfangs für einen Medizinstudenten oder Arzt, aber seit den 2000er Jahren wunderte sich niemand mehr, wenn er als männlicher MFA die Patient:innen am Tresen begrüßte oder Blut abnahm. Die weiblichen Auszubildenden und die Lehrerinnen gingen respektvoll und höflich mit ihm um. Allerdings konnten sich Lehrerinnen damals nicht daran gewöhnen, dass im Klassenzimmer ein Mann saß, und begrüßten die Klasse immer mit „Guten Morgen, meine Damen“. Und auch die meisten Weiterbildungsinstitute nahmen nicht wahr, dass er sich als Mann weiterbildete. Bis heute erhält er bei Weiterbildungen ein Zeugnis, auf dem „Frau Çagılligeçit steht.

Auch die Ärztekammer Berlin war damals damit überfordert, dass ein Mann die Ausbildung zum Arzthelfer abschloss, denn die Vordrucke für die Zeugnisse der Arzthelferinnen gab es nur in der weiblichen Form. Als Veli Çagılligeçit damals nach einem Zeugnis mit der Aufschrift „Arzthelfer“ fragte, bekam er die Auskunft, er solle sich in sechs Monaten noch einmal melden – eventuell hätten sie dann Zeugnisse mit dem männlichen Aufdruck. Veli Çagılligeçit verzichtete darauf, sich ein neues Zeugnis ausstellen zu lassen, und besitzt bis heute ein Zeugnis als Arzthelferin.

Und nach ein paar Wochen hatte Veli Çagılligeçit nicht nur sein lang ersehntes Arzthelferinnen-Zeugnis in der Hand, sondern auch keinen Schnurrbart mehr: Damit alle sehen konnten, wie ernst er die Prüfung nahm [...].


Seit 2006: Neuer Name und neue Lehrinhalte

Heute ist es selbstverständlich, dass Zeugnisse auch in der männlichen Form ausgestellt werden. Der Beruf heißt aber auch nicht mehr „Arzthelferin“, sondern seit 2006 „Medizinische:r Fachangestellte:r“. Neben der Umbenennung haben sich auch die Lehrinhalte im Jahr 2006 verändert: Im Lehrplan wurden die Schwerpunkte hin zu mehr Schulungen in Bezug auf die Kommunikation mit Patient:innen und im Team sowie hin zu einer stärkeren Ausbildung im Umgang mit Störungen und Konflikten verschoben.

Auch die Themen „Betreuung und Koordinierung von Patient:innen“ und „Beratung, Gesundheitsförderung und Prävention“ nahmen mehr Raum im Lehrplan ein. Natürlich spielen heute bei den Lehrinhalten auch Praxismanagement, Informations- und Kommunikationstechnologien unter Berücksichtigung von Datenschutz und Datensicherheit eine viel größere Rolle. Ganz neu waren ab 2006 Qualitätsmanagement, Zeit- und Selbstmanagement sowie Marketing. Neu war auch die Gewichtung der mündlichen Anteile in der Abschlussprüfung: Ab 2006 ging der mündliche, praktische Teil zu 50 Prozent in die Wertung der Abschlussprüfung ein und nicht, wie zuvor, nur zu 15 Prozent. Die Auszubildenden müssen dazu bis heute in 60 Minuten einen komplexen Behandlungsfall lösen und ihn in einem 15-minütigen Fachgespräch beschreiben.

Die Abschlussprüfung von Veli Çagılligeçit am 30. August 1986 stand unter keinem guten Stern: Zehn Tage zuvor hatte er sich eine Mandelentzündung zugezogen und lag mit Fieber im Bett. Ob er überhaupt zur mündlichen Abschlussprüfung antreten konnte, war am Vortag der Prüfung noch nicht sicher. Nur weil seine Kolleginnen und Kollegen ihn überredeten, es doch zu versuchen, und ihm garantierten, dass sie ihn auch weiterbeschäftigen würden, wenn er die Prüfung nicht beim ersten Mal bestünde, schleppte er sich zur mündlichen Prüfung. Er klärte die vier Prüferinnen über seinen Zustand auf und bat um Nachsicht, falls seine Stimme versagen sollte, da er sehr heiser war. Trotz seiner heiseren Stimme bestand er die Abschlussprüfung beim ersten Mal.

Einige Wochen später hatte er nicht nur sein lang ersehntes Zeugnis für Arzthelferinnen in der Hand, sondern auch keinen Schnurrbart mehr. Um zu zeigen, wie ernst er die Prüfung nahm, hatte er seinen Freunden und Bekannten verkündet, dass er sich bei bestandener Prüfung seinen Bart abrasieren würde. Und genau das setzte er eine Woche nach der Prüfung in die Tat um.

Wahrscheinlich haben etliche der 578 MFA-Absolventen, die am 23. Februar 2026 von der Ärztekammer Berlin freigesprochen werden, ebenso für ihre Abschlussprüfung gekämpft wie Veli Çagılligeçit. Aber eins hat sich im Vergleich zu 1986 definitiv verändert: Die männlichen MFA-Absolventen waren in ihrem Jahrgang nicht mehr allein unter Frauen.

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