#BAE30 – die Clown-Sprechstunde

Was hat die Berliner Ärztinnen und Ärzte vor 30 Jahren bewegt? Um dieser Frage nachzugehen, haben wir unser Archiv durchstöbert und Ausgaben unserer Mitgliederzeitschrift „Berliner Ärzte“ aus dem Jahr 1996 gesichtet. Die interessantesten Fundstücke werden wir im Laufe dieses Jahres veröffentlichen. Diesmal geht es um die Clown-Sprechstunde in der II. Kinderklinik in Berlin-Buch, über die im Frühjahr 1996 erstmals berichtet wurde.

Interview mit
Prof. Dr. med. Patrick Hundsdörfer

Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Helios Klinikum Berlin-Buch

Foto: Thomas Oberländer

Heft 3/1996, Seite 32: Clown-Sprechstunde

Krebsstation und Clowns

Redaktion: Herr Professor Hundsdörfer, Mitte der 1990er Jahre startete in der II. Kinderklinik in Berlin-Buch eine wöchentliche Clown-Sprechstunde. Wie wurde dieses Projekt damals aufgenommen?

Prof. Dr. med. Patrick Hundsdörfer: Das habe ich nicht persönlich miterlebt. Aber Kalle Pawlitschko, einer der Clowns, hat mir berichtet, dass sie anfangs sehr exotisch waren. Es gab wohl skeptische Blicke von allen Seiten. Das ist ja auch irgendwie logisch: Eine Krebsstation und dann Clowns. Die Erfahrungen hätten jedoch allen – auch den Clowns selbst – gezeigt, wie wertvoll es ist, wenn gerade dort, wo Sorgen, Schmerz und Leid herrschen, plötzlich das Gegenteil Einzug hält, also Leichtigkeit, Lebensfreude und Humor.

Was macht in Ihren Augen den Erfolg der Clown-Sprechstunden aus?

Aus meiner Sicht liegt der Erfolg darin, dass es sich nicht um eine Zirkusvorstellung vor einem x-beliebigen Publikum handelt, sondern dass sich professionell geschulte Klinikclowns gezielt mit Patient:innen beschäftigen. Als typisches Beispiel werden immer wieder die angstmindernden Effekte ihrer Arbeit vor oder bei unangenehmen oder schmerzhaften Prozeduren genannt. Das ist zwar richtig, bildet aber nur einen kleinen Teil der Arbeit der Clowns ab. Für die Patient:innen ist es von großer Bedeutung, dass sie die Möglichkeit haben, über ihre Ängste und Sorgen sowie ihr „neues Leben“ als Krebspatient:innen zu sprechen – in einer völlig anderen Situation als mit uns Ärzt:innen oder dem medizinischen Personal.

Die Anfänge der Clown-Sprechstunde: Wenn dort, wo Sorgen und Leid herrschen, plötzlich das Gegenteil Einzug hält – also Leichtigkeit, Lebensfreude und Humor.

Wissen Sie, ob es „Nachahmer“ gibt?

Laut Kalle Pawlitschko gab es, als sie anfingen, bereits seit etwa einem Jahr die „Clownsdoktoren“ in Wiesbaden und einen Verein in Münster. Somit waren wir die Nachahmer. Die Idee stammt aber ursprünglich aus den USA von Dr. Hunter – besser bekannt als „Patch Adams“. Es gibt einen sehr schönen Film mit Robin Williams in der Rolle des Patch Adams. Mittlerweile gibt es wohl deutschlandweit etwa 35 gemeinnützige Klinikclownvereine, davon drei in Berlin.

Welche Erfolge und Herausforderungen gab es in den vergangenen 30 Jahren der Clown-Sprechstunde?

Kalle Pawlitschko hat mir berichtet, dass die Clownsarbeit mittlerweile sehr geschätzt wird – nicht zuletzt dank der Presse und dem Fernsehen sowie durch Dokumentationen und Filme. Gerade am Anfang war es wohl sehr herausfordernd, dass es oft hieß: „in Zimmer xy könnt ihr auch rein und ein bisschen ‚rumspaßen‘.“ Mittlerweile wissen fast alle, dass die Clowns genauso wenig „rumspaßen“, wie wir Ärzt:innen „rumdoktern“.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Effekte dieser Arbeit zukünftig besser wissenschaftlich untersucht werden.

Prof. Dr. med. Patrick Hundsdörfer,
Chefarzt der Klinik für Kinderund Jugendmedizin am Helios Klinikum Berlin-Buch

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, selbst in die Rolle des Clowns zu schlüpfen?

Nein, das ist eine Angelegenheit für Profis. Ich spiele eine andere Rolle im Prozess der Betreuung eines krebskranken Kindes. Hier sollte es aus meiner Sicht nicht zu „Überschneidungen“ kommen. Wenn ich auf der Station bin, mische ich aber immer gerne mit und nehme an den Interaktionen der Clowns mit den Patient:innen und ihren Familien teil.

Wo sehen Sie die Clown-Sprechstunde in 30 Jahren?

Zunächst hoffe ich sehr, dass die Arbeit der Klinikclowns und insbesondere unserer Clown-Sprechstunde in Buch auch in Zukunft weitergehen kann. Aus meiner Sicht sollte die Finanzierung dieser Arbeit aus der Abhängigkeit von Spenden herausgelöst und in die Regelversorgung integriert werden. Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Effekte dieser Arbeit zukünftig besser wissenschaftlich untersucht werden. Eine mögliche Fragestellung wäre: Kann die Begleitung eines Kindes vor einem chirurgischen Eingriff durch die Klinikclowns eine medikamentöse angstlösende Therapie ersetzen, wie sie heutzutage üblich ist?

Lustige Gesellen in der Klinik.

Wohin können sich Ärzt:innen wenden, die auch eine Clown-Sprechstunde anbieten möchten?

Clown-Sprechstunde

Interessierte können gerne eine E-Mail an: info@clownsprechstunde.berlin schicken.

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