Eine ehemalige Olympiasiegerin schwimmt bei einem Veteranenrennen plötzlich Weltrekord. Ein Immobilien-Impressario, der kurz vor dem Freitod steht, entmachtet seine Erben und nimmt alle Fäden wieder selbst in die Hand. Ein erstmals verliebter Jugendlicher verliert seine gerade erst sprießenden Schamhaare. Nach einer erfolglosen In-vitro-Fertilisation wird eine Lehrerin durch einen einzigen Seitensprung mit Kondomversagen schwanger. Doch was verbindet all diese Menschen?
„Plötzliche” Verjüngung
Sie alle wurden anlässlich ihrer Herzinsuffizienz mit einem neuartigen Medikament behandelt, das der autistisch veranlagte und haltungsschwache Wissenschaftler Martin nicht nur entwickelt hat, sondern auch selbst einnimmt und seinem alternden Collie ins Futter mischt – in bester Pioniertradition. Bei allen regenerieren sich die Herzmuskelzellen und die Horvarth-Uhr zeigt eine deutliche Reduktion des biologischen Alters an.
„Ich fühle mich plötzlich zehn Jahre jünger.“ Diesen freudigen Ausruf haben wir alle schon leichtfertig nach einem Entspannungseffekt in den Mund genommen. Maxim Leo nimmt ihn als Ausgangsgedanken für seinen Roman und beleuchtet die Implikationen dieser Verjüngung für seine Hauptfiguren sowie die daraus entstehenden gesellschaftlichen, demokratischen und ethischen Auswirkungen.
Dabei führt er den Hype der Longevity-Bewegung ins Extreme und zeigt auf angenehm dezent humorvolle, gleichzeitig aber auch ernste und wissenschaftlich fundierte Weise, welche Effekte eine Gesellschaft, in der niemand mehr stirbt, auf Klima, Generationengerechtigkeit, Demokratie, Weltordnung und die Freiheit des Einzelnen haben könnte.
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Altruismus oder Kapitalismus
Die ethischen Auswirkungen eines in naher Zukunft gar nicht so abwegigen Verjüngungsmedikaments werden vom Autor klugerweise nur angerissen und nicht ausdiskutiert. Durch diesen gelungenen Schachzug erspart er den Lesenden eine subjektive Lösungstheorie und abstrakte Diskussion, die den Rahmen seines Romans sprengen würden, und regt vielmehr zum Nachdenken an: Sollten revolutionäre neue Therapieformen altruistisch für alle zugänglich sein oder den Gesetzen des Kapitalismus folgen? Ist es die intrinsische Motivation der Wissenschaft, Krankheiten zu besiegen, oder geht es um Ruhm und Reichtum?
Der Roman ist flüssig, unterhaltsam und in Umgangssprache verfasst und trotz wissenschaftlicher und medizinischer Inhalte für jeden verständlich. Bemerkenswert ist, dass die Büchse der Pandora von einem Mann geöffnet wird und von Männern beherrscht werden will, es aber eine Frau, eine Ethik-Professorin, ist, die die freigelassenen Pixies – in schönster Hermine-Granger-/Harry-Potter-Tradition, die der Autor in einer nostalgischen Reminiszenz erwähnt – wieder einfangen soll. Erstaunlich ist dabei, wie der Autor die Strategien beschreibt, die jeder kompetenten Frau bekannt sind und die nötig sind, um sich unter weit weniger mit der Materie vertrauten, aber umso selbstbewussteren Männern durchzusetzen.
„Wir werden jung sein“ ist ein unterhaltsamer und gleichzeitig tiefsinniger Roman, der den Lifestyle und die medizinisch-pharmazeutische „Longevity“-Entwicklung spielerisch diskutiert. Dabei enthält er durchaus Fakten eines Sachbuchs, die ganz nebenbei in Handlung und Gedanken der Geschichte eingewoben werden.
Das Buch
Maxim Leo
Wir werden jung sein
KiWi-Taschenbuch Verlag, 2025
ISBN: 978-3-462-00813-5
304 Seiten
13 Euro (Taschenbuch)
24 Euro (gebundene Ausgabe)
Link zum Buch Wir werden jung sein