Kontinent des Krebses

In seinem Buch „Überlebt“ teilt der Arzt und Wissenschaftsjournalist Hartmut Wewetzer persönliche Erfahrungen und medizinische Informationen mit seinen Leser:innen.

Es ist gut ausgegangen. Doch das war keineswegs selbstverständlich. Beide Informationen sind dem Titel dieses Buches zu entnehmen. Ebenso lakonisch wie bedeutsam steht da nämlich zunächst nur ein Wort: „Überlebt“. Dass es um den erfolgreichen Kampf gegen eine potenziell tödliche Erkrankung geht, wird gleich nachgeschoben: „Was ich von meinem Krebs gelernt habe“.

In seinem zugleich sehr persönlichen und ausgesprochen informativen Buch gibt der Arzt und Wissenschaftsjournalist Hartmut Wewetzer – nicht nur in Berlin bekannt als langjähriger Leiter des Forschungsressorts beim „Tagesspiegel“ – zugleich eigene Erfahrungen und medizinisches Wissen weiter. Beides ist nicht allein für andere Betroffene und ihre Angehörigen, sondern auch für Ärzt:innen von Interesse.

„Was ich von meinem Krebs gelernt habe“

Mediziner und Medizinerinnen können bei der Lektüre zunächst nachvollziehen, wie ein Kollege sich fühlt, wenn er mit einer lebensgefährlichen Krankheit zu kämpfen hat. Der Autor war erst 52 Jahre alt, als ihm ein Oberarzt äußerst lakonisch mitteilte: „Sie haben Krebs. Magenkrebs.“ Nie im Leben wird er vergessen, dass diese „Urteilsverkündung“ an einem „runden, schmucklosen Besprechungstisch“ stattfand. In den nächsten Monaten wird der Kampf gegen den Krebs sein Leben bestimmen. Auch nach der erfolgreichen Behandlung wird ihn die Erinnerung an das nächtliche Blut-Erbrechen, die Fahrt ins nächstgelegene Krankenhaus, die Etappen der Diagnostik, die Chemotherapie und die anschließende Operation nicht loslassen. Wie all das sich anfühlt, hat er von seinem Krebs „gelernt“.

Ein ausführliches, gut verständliches Kapitel widmet sich der Frage, wie man Krebs heute behandelt und was die einzelnen Therapien können. Nicht zuletzt, weil der Autor das alles gut erklären kann, können Ärzt:innen das Buch ihren Patient:innen empfehlen. Was ihn selbst darin bestärkt hat, die Härte der Behandlung auf sich zu nehmen, kann auch anderen Kraft geben. Wissen hilft beim Durchhalten.

„Denken, das sich im Leben bewährt“

Als Kraftquelle sieht Mediziner Wewetzer zudem die vertiefte Beschäftigung mit Texten bedeutender Denker. Von ihnen lernt er Sichtweisen auf das Leben, die ihn angesichts der neuen existenziellen Erfahrung stützen. 

Ein solches „Denken, das sich im Leben bewährt“, findet er beim Wiener Psychiater Viktor Frankl, der in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts Suizidgefährdete betreut hatte, später als Jude deportiert wurde und das Vernichtungslager Auschwitz überlebte, Mitte des 20. Jahrhunderts dann weltweit mit seiner „Logotherapie“ berühmt wurde. Im Zentrum von Frankls Denken steht die Möglichkeit des Menschen, nach Tätigkeiten und persönlichen Bindungen zu suchen, die in seinem Leben Sinn stiften können. Etwas, das bleibt, auch wenn absehbar ist, dass nicht alles gut ausgehen wird. Aber auch den Gleichmut, das Ideal der antiken Stoiker und das Streben nach Seelenruhe, das Epikur empfahl, empfindet er als hilfreich. Philosophische Gedanken, die helfen, in der Krankheit zu bestehen.

Vor allem aber ist es das skeptische Denken, das der Autor sich bewahrt – und das er auch in der Krankheit für sich als hilfreich empfindet. Es ist sein journalistisches Markenzeichen. Schon im Konfirmationsunterricht habe man ihn als „ungläubigen Thomas“ bezeichnet, berichtet Wewetzer.

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„Du hättest mehr Müsli essen sollen“

Als hilfreich für seine Leser:innen erweist sich in diesem Buch vor allem, dass der Arzt und Wissenschaftsjournalist sich auch hinsichtlich einiger gängiger Meinungen zur Krebsentstehung Zweifel erlaubt. Selbstverständlich stellt Wewetzer in gebührender Ausführlichkeit dar, dass es eine gute Idee ist, sich gesund zu ernähren, auf das Körpergewicht zu achten, sich genug zu bewegen, Früherkennungsuntersuchungen wahrzunehmen. Und vor allem: nicht zu rauchen oder mit dem Rauchen lieber heute als morgen aufzuhören.

Nur bietet der gesunde Lebensstil, so wichtig er ist, keinen absoluten Schutz – noch nicht einmal vor Lungenkrebs, dessen Entstehung ja stark mit einem einzelnen Risikofaktor verknüpft ist, dem Rauchen. „Jeder, wirklich jeder, kennt aus seiner Umgebung Fälle von Krebs bei Menschen, die ‚alles richtig gemacht haben‘ und die ‚immer gesund gelebt haben.‘“ 

Gegen Versuche, dann rückwirkend bei Erkrankten doch nach Fehlern im Lebensstil zu suchen, wehrt er sich vehement. Weder in Form der Selbstzerknirschung noch als Kommentar anderer sind sie hilfreich. Der Autor hat das selbst erfahren, als eine – an sich empathische – Kollegin die Information über seine Krebserkrankung mit dem Satz kommentierte: „Du hättest mehr Müsli essen sollen“.

In vielen Fällen steht ohnehin ein „Elefant im Raum“, wenn die Diagnose Krebs gestellt wird: das Alter. Denn genetische Veränderungen im Erbgut sind auch die Hypothek der Jahre, die sich im Erbgut anhäuft. Solange wir nicht alles über die Entstehung onkologischer und hämatologischer Erkrankungen wissen (und werden wir das jemals?), sollten wir wohl auch Begriffe wie Zufall, Glück und Pech bemühen, wenn wir über menschliche Geschicke nachdenken. Auch das kann entlastend wirken.

„Expedition zum Krebskontinent“

Besonders skeptisch zeigt sich der Autor, wenn aus Beobachtungsstudien und epidemiologischen Daten vermeintlich präzise Kausalitäten abgeleitet werden. Wer vegan isst, bekommt seltener Krebs? Mag sein, doch wahrscheinlich unterscheidet sich diese Person noch in anderer Hinsicht von der Mehrheit ihrer Mitmenschen, der Verzicht auf den Konsum tierischer Produkte muss also nicht die Ursache für das verminderte Krebsrisiko sein. Wewetzer, der sich inzwischen bei einem Bundesinstitut dem Thema Gesundheitsrisiken widmet, ist sich in einem sicher: „Skepsis und permanentes Infragestellen sind für den medizinischen Fortschritt mindestens ebenso wichtig wie neue Erkenntnisse.“

Mit dieser Einstellung widmet er sich auch der Frage, ob Stress – oder auch psychische Erkrankungen wie eine Depression – Krebs auslösen können: Dass sie eine maßgebliche Rolle bei der Entstehung von Krebs spielen, ist bisher nicht wissenschaftlich belegt. „Allerdings gibt es eine Art Seiteneingang für den Krebs“, gibt Wewetzer zu bedenken: „Wer unter psychischem Druck steht, riskiert eher seine Gesundheit mit Tabak und Alkohol und ernährt sich schlechter.“ In diesem Fall erhöht die psychische Belastung also indirekt die Gefahr, Krebs zu bekommen. Sie erhöht aber auch das Risiko für eine ganze Reihe anderer Erkrankungen.

Für den Autor enden die Nachkontrollen nach fünf Jahren mit dem „Freispruch“ durch seinen Onkologen. Er bedenkt aber immer wieder, dass es Menschen verändert, wenn sie den „Krebskontinent“ zeitweilig betreten mussten – oder wenn sie erfahren müssen, dass sie ihn nicht lebend werden verlassen können. Er ist einer von vielen „Überlebenden“. Doch zeichnet ihn aus, dass er persönliche Erfahrungen und medizinische Sachverhalte gleichermaßen nachvollziehbar in Worte fassen kann.

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