Im August ist in Berlin die Luft raus
Die Schulen haben Ferien, die Kultur macht Sommerpause und selbst der Ventilator klingt, als wolle er gleich einen Antrag auf Reha stellen.
Wie viele Hitzewellen werden wir wohl ertragen müssen in diesem Sommermonat aller Sommermonate? Die Stadt glüht, die Nerven auch. Dass Hitze aggressiv macht, ist kein Mythos. Wissenschaftlich nachgewiesen steht der Körper unter massivem Stress. Die Organsysteme schlagen Alarm, die Stresshormone explodieren, die erweiterten peripheren Gefäße verhindern eine ausreichende Gehirndurchblutung – und dann übernimmt auch noch der Hypothalamus, was das Ende von Rücksicht, Freundlichkeit und Konzentration bedeutet.
Besonders heikel wird die sich stauende Hitze im Krankenhaus. Hitzeschutz ist hier keine Komfortfrage, sondern eine Frage der Verantwortung. In den Betten liegen vulnerable Patientinnen und Patienten, über die Flure hetzen überlastete Mitarbeitende, und vielerorts stecken alle gemeinsam in Gebäuden, die energetisch so zeitgemäß sind wie ein Faxgerät im Digitalministerium. Kühlung gibt es durchaus – nur nicht dort, wo sie den Menschen zugutekäme. MRT, CT, Serverräume und andere empfindliche, wertvolle technische „Mitarbeitende“ werden zuverlässig temperiert.
Die menschlichen Kostenfaktoren können froh sein, wenn die Verwaltung ein Eis oder neuerdings zuckerachtsam ein Stück Melone spendiert. Die Charité versucht, mit Heatmaps Orte zum Abkühlen aufzuzeigen. Blöd nur, wenn diese Orte nicht aufgesucht werden können. Und auch eigentlich klimatisierte OP-Säle werden oft zur Hitzefalle – nämlich dann, wenn die Klimaanlage in der Hitze selbst kollabiert und sich die Reparatur hinzieht, während im Saal an alle Röntgenschürzen verteilt werden.
Wie schön ist es da, wenn der Dienst ein Ende hat und der See ruft. Leider ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass hier medizinische Notfälle zum Freizeiteinsatz führen. Schon der bisherige Sommerverlauf zeigt eine erschreckend hohe Anzahl von Badetoten. Sprünge aus voller Erhitzung ins kühle Nass können durch die Vagus-Antwort zu einem reflektorischen Abfall der Herzfrequenz bis hin zur Asystolie und zum Ertrinken führen.
Am Schlachtensee laden Zerkarien zudem zur dermatologisch-mikrobiologischen Fortbildung ein. Die Larven von Saugwürmern, deren eigentlicher Wirt Wasservögel sind, bohren sich in die Haut und lösen eine juckende Badedermatitis aus. Vielleicht könnte die Ärztekammer die kollegialen Stunden am See mal mit Fortbildungspunkten vergüten!
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Wenn nicht, dann als Alternative vielleicht klassische Bildung im Museum? Ein angenehmer Nebeneffekt dabei ist, dass viele Häuser aus konservatorischen Gründen aufwendig klimatisiert sind. Das hat bereits dazu geführt, dass Museen während des „Hitzedomes“ ihr Türen gratis für ältere Menschen öffneten. Berlin hat da bisher noch nicht so richtig mitgemacht, lockt aber dafür am 29. August mit der „Langen Nacht der Museen“.
Wer in der Augusthitze einen kühlen Kopf bewahren will, bleibt am besten tagsüber drinnen, schaut in abgedunkelten Altbaudachgeschossen Serien und entwickelt sich zum nachtaktiven Vampir. Abends geht es dann raus, beispielsweise am 12. August zur „Langen Nacht der Astronomie“. Im Zeiss-Großplanetarium tröstet die Tatsache, dass es immerhin im Weltall noch kalt ist.
Auf der Erde finden hingegen Open-Air-Konzerte statt – vermutlich entweder bei glühender Sonne oder bei Blitz und Donner. Von Roland Kaiser bis ZAZ ist kollektives Schwitzen angesagt, was, wenn man den Konzertbesuchern von Bruno Mars neulich bei 41 Grad und Pyrotechnik glauben will, total viel Spaß machen kann. Alkohol ist bei diesen Veranstaltungen nicht nur allgemein, sondern insbesondere bei hitziger Wetterlage keine gute Idee. Bei hohen Temperaturen wirkt Alkohol deutlich heftiger, die Vasodilatation ist potenziert, der Blutdruck sinkt in Grund und Boden und mit ihm der Mensch. Und wieso wird bei Open-Airs die ohnehin heiße Luft eigentlich noch immer mit Rauchwolken verpestet? Wo bleibt das Rauchverbot?
Kulinarisch ist im August das Pistacchio Street Food Festival zu empfehlen, bei dem die Pistazie salzig (Elektrolyte ersetzen) und süß (was kühlt besser als Pistazieneis-Affogato?) zum grünen Gold erklärt wird. Aber bitte nicht den giftigfarbenen Slush-Eis-Maschinen anheimfallen! Das darin enthaltene Glycerin kann schon in üblichen Eismengen vor allem bei Kindern zum Überschreiten der Toleranzdosis und zu Kopfschmerz, Benommenheit oder Durchfall führen.
Auch wenn Glycerin andererseits zur Therapie von Hirnödemen, die auch hitzebedingt sein können, angewendet werden kann, rezeptiere ich Ihnen diesen Monat lieber mittels Eiswürfeln, Coolpacks und Ventilator: einen kühlen Kopf!