Das Rezept

Mal sarkastisch, mal humorvoll, aber immer ehrlich: Unsere Autorin, Frau Dr. Titel, blickt hier regelmäßig hinter die Kulissen und erteilt Ratschläge – quasi auf Rezept. Diesmal rezeptiert sie, nicht im materiellen, sondern im absolut übertragenen Sinne in Ihrer näheren Umgebung ein: Goldstück.

Auf die inneren Werte kommt es an

Der goldene Oktober lässt sich in Berlin bei wunderschöner herbstlicher Kühle, sanftem Sonnenschein und buntgefärbten Blättern vor allem bei einem Spaziergang erleben – egal, ob Sie im botanischen Garten, am Wannsee, im Grunewald oder im Großen Tiergarten im Laub rascheln. In letzterem können Sie dabei auch gleich die Goldelse bewundern, die – 9 Meter hoch und etwa 35 Tonnen schwer – innerlich zwar aus Bronze besteht, den schönen Schein jedoch mit einem Überzug aus echtem Gold wahrt. Von wegen, auf die inneren Werte käme es an!

Beim Erklimmen der 285 Stufen werden nicht nur die Beinmuskeln trainiert, wodurch die Körperform dem goldenen Schnitt der Proportionen nähergebracht wird. Eine perfekte Figur ist schließlich immer noch Voraussetzung, um als weibliche Nebenrolle in einem James-Bond-Film mitspielen zu dürfen – aller Body Positivity zum Trotz. Da diesen Herbst aber kein neuer Bond zu erwarten ist, schauen Sie sich doch mal den guten alten „Goldfinger“ an. Allen Gerüchten zum Trotz, eine Darstellerin sei beim Dreh einer Szene, in der sie mit Gold ganzkörperbemalt war, an goldverstopften Poren gestorben, erfreut sich die heute 83-Jährige bester Gesundheit. 

Dennoch kann eine Ganzkörperbemalung die Wärmeabgabe stören. Eine perkutane Aufnahme von AU79 ist nicht möglich, sodass ein französischer Fußballer, der einst in den Diensten eines bayerischen Vereins stand, die orale Aufnahme bevorzugte. Der Verzehr eines mit Blattgold umhüllten Steaks für 1.200 Euro in Dubai führte jedoch nicht zur Steigerung des eigenen Marktwertes, sondern zu einem veritablen Shitstorm und einer saftigen Geldstrafe. Da oral aufgenommenes Gold gesundheitlich unbedenklich ist und als Lebensmittelzusatzstoff mit der Nummer E175 zugelassen ist, war der Kicker hinterher wenigstens nicht auch noch geistig ärmer als vorher. Er konnte sich allerdings postprandial dem Goldesel aus Grimms „Tischlein deck dich“ verwandt fühlen. Weil reines Gold chemisch inert ist, passiert es den Verdauungstrakt völlig unverändert – man kann also tatsächlich Gold sch… .

Wer es selbst einmal ausprobieren möchte, findet sowohl im Fresstempel am Potsdamer Platz als auch in der Lobby Lounge des Adlon eine mit Gold verzierte Currywurst auf der Speisekarte. Im Adlon ist sie auch in veganer Form erhältlich!

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Früher nutzte man Gold basistherapeutisch bei chronischen/rheumatischen Gelenkerkrankungen, da bestimmte Goldsalze wie z. B. Auranofin eine entzündungshemmende Wirkung besitzen. Diese Therapie wurde heutzutage jedoch von Biologika abgelöst. Dennoch verwendet auch die moderne Medizin noch Gold. Goldene Nanopartikel stecken beispielsweise in Schwangerschaftstests oder den Coronaschnelltests und sorgen für die farbige Indikatorlinie. In der Krebstherapie wird Nanogold getestet, um Krebszellen gezielt zu markieren oder thermisch zu zerstören. Ein Klassiker für den Goldeinsatz ist auch die Zahnmedizin, in der sich Goldlegierungen wegen ihrer Langlebigkeit und Verträglichkeit bei Zahnkronen und Brücken bewährt haben.

Und wer seine alten Zahnfüllungen nicht mehr braucht und knapp bei Kasse ist, kann das Zahngold wieder zu Geld machen – derzeit ist es etwa 15 Euro pro Gramm wert. Goldbarren gelten langfristig als solider Schutz vor Kaufkraftverlust, allerdings schwankt der Goldpreis stark. Es ist daher ratsamer, das Gold im Mund und die Barren unterm Bett zu behalten. 

Mit einem Goldtransport in einem Zug beginnt auch die Serie „Babylon Berlin“, deren letzte Staffel aktuell in der ARD-Mediathek verfügbar ist und die den Untergang der Berliner Goldenen Zwanziger in die faschistische Finsternis zeigt. Über das goldene Zeitalter des Kinos singt wiederum der deutsch-niederländische Entertainer Sven Ratzke in seinem neuen Programm „Kopfkino“, das ab dem 27. Oktober in der Bar jeder Vernunft zu sehen ist. Und für ein goldenes Funkeln in den Augen sorgt ab dem 19. Oktober das Neue Museum mit der Ausstellung der „Krone von Kertsch“ und anderem völkerwanderungszeitlichen Goldschmuck des früheren Mittelalters.

Auch wenn wir an den letzten, goldenen Schätzen des Sommers festhalten wollen wie Gollum, so sollte uns bewusst sein, dass Gold auch gefährlich sein kann. Der antike König Midas wünschte sich, dass alles, was er berührte, zu Gold würde. Dummerweise hatte er nicht bedacht, dass dies auch für Speisen und Getränke galt,  sodass er in ziemlich kachektischem Zustand die Götter um Rückabwicklung der Gabe bat. Aktuell ist ebenso ersichtlich, dass die Sehnsucht nach güldenem Dekor nicht nur ziemlich protzig und peinlich ist, sondern – wie aus Midas‘ und anderen Geschichten eigentlich bekannt sein sollte – nie ein gutes Ende nimmt.

Daher rezeptiere ich Ihnen nicht im materiellen, sondern im absolut übertragenen Sinne in Ihrer näheren Umgebung ein: Goldstück.

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