Das Rezept

Mal sarkastisch, mal humorvoll, aber immer ehrlich: Unsere Autorin, Frau Dr. Titel, blickt hier regelmäßig hinter die Kulissen und erteilt Ratschläge – quasi auf Rezept. Diesmal rezeptiert sie: eine Kerze.

November: eine einzige Anhäufung von Grautönen

Der November in Berlin könnte aus dem Kalender gestrichen werden. Das Licht wird weniger, die Luft wird kälter und die Stimmung mieser – dieser Monat ist eine einzige Anhäufung von Grautönen.

Der Himmel gleicht einer aufgeworfenen Betonfläche, die in puncto Ruppigkeit dem ebenso grauschwarzen Asphalt der A 100 in nichts nachsteht. Die Spree fließt farblos und unmotiviert vorbei, und selbst die knapp 17.000 noch originalen und denkmalgeschützten Gaslaternen mühen sich schwach, den aufkommenden Nebel zu durchdringen.

Hinzu kommt die deprimierende Offizialität des Novembers: Alle Tage sind so bedeutungsschwer und traurig, sei es der Volkstrauertag, der Buß- und Bettag oder der Totensonntag. Letzterer ist übrigens preußischen Ursprungs und wurde auf Betreiben von König Friedrich Wilhelm III. eingeführt, um der Gefallenen der Befreiungskriege zu gedenken. Auf den Friedhöfen werden die Gräber winterfest gemacht und es wird den Verstorbenen mit Kerzen gedacht, die in der Dunkelheit verloren leuchten. An diesem Berliner Totensonntag öffnet der „Tag des Krematoriums” physische und inhaltliche Räume rund um die Themen Trauer, Vergänglichkeit und Tod. Er erinnert daran, dass Wärme nicht nur eine Frage der Raumtemperatur, sondern auch der Nähe und des Erinnerns ist.

Da kann selbst der Heilige Martin mit zu seinen Ehren gebastelten Laternen und aufgeregt durch die Dämmerung laufenden Kindergartenkindern nur neidisch schauen, zudem hier die wärmenden Kerzen sicherheitsbedingt durch kühle LEDs ersetzt wurden.

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Und dann ist da noch der 9. November, der besonders schwer und widersprüchlich im Kalender liegt. Er erinnert unter anderem an die Reichspogromnacht von 1938 und zugleich auch an den Fall der Berliner Mauer 1989. Kaum ein Datum ist aktueller, um über es zu diskutieren, es zu bewahren und auch zu fürchten.

Gegen den aufkommenden Weltschmerz und die Vorboten eines Winters, der je nach Klimaprognose entweder nur zu warm oder bitterkalt werden kann, reagiert Berlin so, wie es schon immer reagiert hat: mit Schulterzucken und ausgelassener Ablenkung. Ob Barocktage in der Staatsoper, bei denen epochengemäß Prunk, reiche Verzierungen und große Gefühle in dramatischen Inszenierungen zelebriert werden oder das Kurzfilmfestival, bei dem experimentelle Ideen und unkonventionelle Filmsprache erfahrbar gemacht werden oder die Märchentage mit vielen kostenfreien Darstellungen und der Verleihung der goldenen Erbse an Held:innen, die wie im Märchen für das Gute in der Welt kämpfen und Hoffnung in den Menschen wecken. Auch wenn es draußen nieselt, funkelt drinnen die Hoffnung auf eine:n Retter:in: „If we can sparkle, he (she…) may land tonight.“

Und wenn der Funke eine Kerze entzündet hat, dann holt Berlin auch all seine anderen Gegenmittel gegen die Düsternis hervor: die ersten Plätzchen, heiße Suppe und die Lange Nacht der Hotelbars – inzwischen auch alkoholfrei!

Katharine Hepburn vermutete, dass das Ausblasen von (Geburtstags-)Kerzen ein getarnter Gesundheitstest für die Versicherung sei und Bob Hope erkannte das Alter daran, dass die Kerzen mehr kosteten als der Kuchen. Im November ist beides nebensächlich. Da zählt nur, dass sie brennen.

Während sich die Grippeviren Jahr für Jahr verändern und die Impfstoffe für die Saison 2026/2027 bereits angepasst sind, bleibt der Berliner November traditionsbewusst: kalt, dunkel und feucht. Lichtmangel bringt den Biorhythmus durcheinander, drückt auf die Energie und die Konzentration und kann eine saisonale Depression begünstigen. Damit ist dieser Monat womöglich die einzige Berliner Institution, die – egal wer regiert und was passiert – zuverlässig stets dieselben Beschwerden produziert.

Darum sollte man im November eine Kerze anzünden. Sie macht den November nicht kürzer. Aber sie macht ihn heller. Und manchmal ist das schon die ganze Kunst.

Daher mein Rezept für Sie am Ende dieser novemberdüsteren Glosse: eine Kerze. 

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