Medical Gaslighting
Ulrikes (Name von der Redaktion geändert) Bauchschmerzen beginnen an Weihnachten 2018: Eine Unverträglichkeit oder einfach zu viele Plätzchen? Von wegen, die Beschwerden werden immer schlimmer. Deshalb führt ihre langjährige Hausärztin ein paar wenige Untersuchungen durch, doch alle Werte sind unauffällig. „Ich habe trotzdem das Gefühl, mit mir stimmt etwas nicht“, sagt Ulrike bei jedem erneuten Arztbesuch. Weil sie nicht lockerlässt, wird sie zur Gastroskopie überwiesen. Ihr Magen ist zwar gereizt, aber es gibt keine Erklärung dafür. Ab da ist die Sache für die Hausärztin klar: Stress, Psyche und mit Anfang 50 bestimmt auch die Wechseljahre. Zu dieser Zeit magert Ulrike bereits extrem ab. Irgendwann fällt sogar das Wort „Essstörung“. Vier Monate später landet sie in der Notaufnahme und erhält die Diagnose Krebs im Endstadium. Ulrike kann nur noch palliativ behandelt werden und stirbt zweieinhalb Jahre später.
Ihre Tochter Simone Veser (Name von der Redaktion geändert) blickt fassungslos auf diese Zeit zurück. Was sie bis heute nicht versteht: Warum hat die Hausärztin aufgrund der positiven Familienanamnese keine weiteren Untersuchungen veranlasst? Bereits ihre Großmutter hatte denselben Krebs, wurde aber damals geheilt, weil er früh erkannt und operiert werden konnte. Ihr ist dabei völlig bewusst, dass die Hausärztin nicht böswillig gehandelt hat. Im Gegenteil: Wahrscheinlich wollte sie ihre Mutter beruhigen. „Es ist ja vor allem ein strukturelles Problem. Hausärzt:innen haben pro Patient:in nur ein paar Minuten Zeit. Aber irgendwann hätte sie trotzdem anders hinschauen und eine andere Bildgebung ansetzen müssen.“ Der Fall ihrer Mutter ist für Veser ein Beispiel für das derzeit häufig diskutierte „Medical Gaslighting“.
Medical Gaslighting – ein umstrittener Begriff
Dass dieser Begriff heute so präsent ist, hängt mit den sozialen Medien zusammen. Dort beschuldigt man sich seit ein paar Jahren gegenseitig, den anderen zu „gaslighten“. Das bedeutet, jemanden durch Manipulation systematisch dazu zu bringen, an sich, seiner Wahrnehmung und Erinnerung zu zweifeln. Der Begriff stammt aus dem Theaterstück „Gaslight“ („Gaslicht“) des britischen Dramatikers Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938, in dem eine Frau von ihrem Ehemann absichtlich in den Wahnsinn getrieben wird. In der Medizin bezeichnet Medical Gaslighting eine Situation, in der die Symptome von Patient:innen abgewertet, bagatellisiert oder psychologisiert werden, ohne dass eine richtige Abklärung erfolgt. Wichtig ist die Abgrenzung zu Fehldiagnosen oder bloßen Missverständnissen.
Durch die sozialen Medien können Betroffene heute Erfahrungen teilen und eine gemeinsame Sprache finden. Per se ist das erst einmal gut. Andererseits würden sich die Fronten so deutlich verhärten, kritisiert PD Dr. phil. habil. Dr. med. habil. Martina King, die an der Universität Fribourg in der Schweiz den Lehrstuhl „Medical Humanities“ leitet. Sie warnt vor Polarisierung: Man könne nicht dem gesamten Medizinsystem böse Absicht unterstellen. Stattdessen wäre es besser, die Kommunikation wieder zu versachlichen, ohne ständige Schuldzuweisungen.
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Besonders Betroffene
In einer YouGov-Umfrage, die 2025 im Auftrag von Doctolib durchgeführt wurde, gab fast jede zweite Frau an, dass ihre Beschwerden schon einmal oder mehrfach als psychosomatisch abgetan wurden. Zum Vergleich: Bei den Männern lag dieser Anteil bei 28 Prozent. Dabei kann die vorschnelle Psychosomatisierung zu zusätzlichem Leid führen. „Die Patient:innen rutschen abrechnungstechnisch in die psychosomatische Grundversorgung und bekommen erst mal keine weitere Abklärung. Das kann richtig gefährlich werden. Darum darf die psychosomatische Diagnose erst ganz am Ende stehen, wenn organische Ursachen wirklich ausgeschlossen sind“, so King.
Ebenso sind übergewichtige Menschen, chronisch Kranke, Migrant:innen, die LGBTQ-Community sowie Kinder und ältere Menschen öfter betroffen. Auch bei Herzinfarkten, deren Symptome sich bei Frauen anders äußern können als bei Männern, oder bei Endometriose werden die Leiden teils bagatellisiert.
Fehleinschätzungen betreffen oft Gesundheitsprobleme, die schwer messbar oder sehr selten sind, etwa rheumatologische Krankheiten, Long COVID und das Chronische Fatigue-Syndrom. „Gerade sehr seltene Erkrankungen aus dem rheumatologischen Formenkreis werden von Hausärzt:innen nur gelegentlich gesehen, sodass sie nicht daran denken", erklärt King. „Darüber hinaus treten die Krankheitsbilder in der Praxis meist nicht lehrbuchartig auf, sondern mit langen Vorlaufzeiten und diffusen Symptomen. Sie sind schwer zuzuordnen, man kann sie leicht mit einer Depression verwechseln. Deshalb ist auch keiner daran schuld.“
Bei Long COVID gibt es zudem noch keine eindeutigen Biomarker, etwa Laborwerte, was eine Diagnose erschwert. „Hausärzt:innen sehen diese Gruppe zwar häufig, statistisch leiden immerhin drei Prozent der Bevölkerung an diesem neuen Krankheitsbild. Doch sie verkennen es oft. Kein Wunder bei 200 möglichen Symptomen“, so King.
Wir Migränepatient:innen hören immer wieder: ‚Das ist nur der Stress.‘ Oder, falls man übergewichtig ist: ‚Nehmen Sie erst mal ab.‘
Wenn Selbstzweifel krank machen
Medical Gaslighting kann langfristig nicht nur den Körper, sondern auch die Seele schädigen. So zeigt eine US-Studie aus dem Jahr 2024, dass Patient:innen, deren Symptome nicht ernst genommen werden, Selbstzweifel, Angst, Scham und einen massiven Vertrauensverlust gegenüber dem Gesundheitssystem entwickeln können. Nicht nur bei Long COVID kann das in eine Depression führen. Miriam Söthe, Fachärztin für Anästhesiologie, kennt dieses Phänomen aus eigener Erfahrung: „Wir Migränepatient:innen hören immer wieder: ‚Das ist nur der Stress.‘ Oder, falls man übergewichtig ist: ‚Nehmen Sie erst mal ab.‘ Irgendwann verzweifelt man.“ Viele ihrer Patient:innen beklagten zudem, dass ihnen beim Arztbesuch nicht zugehört werde. Aus Zeitgründen würden sie unterbrochen oder in eine bestimmte Richtung gelenkt.
Doch auch Ärzt:innen können in diesen Teufelskreis geraten. „Wer sich selbst durch 24-Stunden-Klinik-Schichten, Personalmangel und Zeitdruck permanent übergeht, nimmt auch andere weniger ernst. So stand einmal ein Kollege mit einer Herzmuskelentzündung am OP-Tisch“, erinnert sich Söthe. Sie selbst verließ den Klinikbetrieb nach fast 15 Jahren wegen täglicher Migräneattacken und machte sich mit einer Privatpraxis für sensible Medizin selbstständig.
Macht, Misskommunikation und das Eingeständnis von Fehlbarkeit
Ein weiteres Problem, das zu Medical Gaslighting führen kann, ist das Machtgefälle zwischen Ärzt:innen und Patient:innen. „Medizin ist nach wie vor hierarchisch geprägt: Ärztin oder Arzt wissen Bescheid, Patientin oder Patient haben keine Ahnung. Doch durch Google und KI sind Patient:innen heute viel besser informiert, was viele Mediziner:innen nicht gut finden. Dabei ist es ein Segen, wenn Vorwissen da ist“, findet Söthe.
Viele Ärzt:innen tun sich auch schwer damit, ihre Fehlbarkeit einzugestehen. Unbewusste Vorurteile und Stereotypen beeinflussen die Diagnosestellung. Nach Erfahrung der Anästhesistin sind Fett-, Behinderten- und Krankheitsfeindlichkeit in der Medizin weit verbreitet. Auch nonverbale Signale wie Tonfall, Blickkontakt oder Unterbrechen können zum Medical Gaslighting beitragen. Die strukturellen Probleme der Medizin, wie Zeitdruck oder Profitorientierung, verschärfen das Problem.
Die Lösung: Mehr Zeit und Vertrauen
Ein erster Schritt wäre es, mehr Zeit in Gespräche mit Patient:innen zu investieren, ihnen zuzuhören und ihre Aussagen ernst zu nehmen. Als weiteren Ansatz schlägt Söthe eine Medizin auf Augenhöhe vor, bei der Patient:innen und Ärzt:innen als Team vertrauensvoll zusammenarbeiten. Auch eine frühzeitige Sensibilisierung von Medizinstudierenden bezüglich eigener Vorurteile und Stereotypen, des Gender Health Gaps und seltener Krankheiten findet sie wichtig.
Rheumatologische Fachgesellschaften bieten beispielsweise Fortbildungen zu sehr seltenen Krankheiten an. Im Hinblick auf Long COVID und das Chronische Fatigue-Syndrom, verweist King als Mitautorin auf den deutsch-österreichisch-schweizerischen Konsensus zu Diagnostik und Behandlung. Bei all diesen Krankheitsbildern würden Hausärzt:innen als erste Anlaufstelle für Betroffene besonders von diesen Informationen profitieren.
Wie die Erfahrung von Medical Gaslighting auch das Leben von Angehörigen auf den Kopf stellen kann, zeigt das Beispiel von Veser. Sie wünscht sich, dass Ärztinnen und Ärzte Patient:innen glauben, wenn sie sagen: „Mit mir stimmt etwas nicht.“