Ein Beispiel dafür ist der Titel „Fellow of the European Board of Surgery – Abdominal Wall Surgery“ (FEBS-AWS). Dahinter stehen verbindliche Anforderungen wie dokumentierte operative Fallzahlen, strukturierte Logbücher und eine standardisierte Prüfung. Diese Zertifizierung wird von der Union Européenne des Médecins Spécialistes (UEMS) in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Fachgesellschaften vergeben. Sie ergänzt die nationale Facharztanerkennung und dokumentiert ein europaweit überprüftes Kompetenzniveau.
Supranationale Selbstverwaltung im Spannungsfeld nationaler Zuständigkeit
Gemäß Artikel 168 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) obliegt die Organisation der Gesundheitssysteme den Mitgliedstaaten. Gleichwohl haben sich auf Ebene der professionellen Standards europäische Strukturen etabliert, die die Qualitätsentwicklung faktisch prägen. Die 1958 gegründete UEMS mit Sitz in Brüssel vertritt Fachärztinnen und Fachärzte aus 41 Ländern und agiert als nichtstaatliche Organisation (NGO) mit Beraterstatus bei europäischen Institutionen. Ihr historischer Auftrag war die Sicherung der ärztlichen Freizügigkeit durch vergleichbare Qualifikationen – ein Anliegen, das angesichts zunehmender Mobilität weiterhin aktuell ist.
Derzeit steht Prof. Dr. Vassilios Papalois, Transplantationschirurg am Imperial College London, an der Spitze der UEMS. Er repräsentiert die Organisation gegenüber europäischen Institutionen und koordiniert gemeinsam mit dem Executive Committee die strategische Ausrichtung.
Deutschland wird in der UEMS über den Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands e. V. (SpiFa) repräsentiert. Delegierte werden in der Regel über Berufsverbände und Fachgesellschaften entsandt. Damit erfolgt die Einflussnahme auf europäische Normen häufig unmittelbar aus den jeweiligen Fachdisziplinen heraus.
European Training Requirements: Vom Zeitmodell zur Kompetenzorientierung
Zentrales Instrument der UEMS sind die European Training Requirements (ETR), also europäische Referenzanforderungen an die fachärztliche Weiterbildung. Sie markieren einen Paradigmenwechsel von zeitbasierten zu kompetenzorientierten Modellen, die unter dem Begriff Competency-Based Medical Education (CBME) zusammengefasst werden. Nicht die Dauer der Tätigkeit steht im Vordergrund, sondern nachweisbare Kompetenzen, die teilweise über strukturierte Tätigkeitsprofile und qualifizierende Bewertungen am Arbeitsplatz operationalisiert werden.
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Die ETRs besitzen keine unmittelbare Rechtsverbindlichkeit, wirken jedoch als sogenanntes Soft Law: Nationale Weiterbildungsordnungen orientieren sich zunehmend an diesen europäischen Rahmenvorgaben. Für Weiterbildungsassistent:innen in Berliner Kliniken bedeutet dies perspektivisch eine stärkere Strukturierung, Dokumentation und Vergleichbarkeit ihrer Ausbildung, vor allem im europäischen Kontext.
Europäische Prüfungen und Zusatzqualifikationen
Neben Referenzcurricula organisiert die UEMS europäische Fachprüfungen über ihre Sections (Fachsektionen) und Boards (Prüfungsgremien). Der FEBS-Titel in der Chirurgie verdeutlicht diese Systematik: Neben der Facharztanerkennung werden mehrjährige Spezialisierung, verifizierte Fallzahlen, Empfehlungsschreiben und eine zweistufige Prüfung verlangt, die in der Regel aus einem Multiple-Choice-Test (MCQ) sowie einer strukturierten klinischen Prüfung im Format einer Objective Structured Clinical Examination (OSCE) besteht, also einer standardisierten praktischen Prüfungsstation mit mehreren Fallbeispielen. Ziel ist die Überprüfung von Wissen und Handlungskompetenz unter vergleichbaren Bedingungen.
Solche Qualifikationen ersetzen nationale Titel zwar nicht, können jedoch für mehr Transparenz und Mobilität sorgen. Auch Berliner Fachärzt:innen engagieren sich in europäischen Gremien. So wirken Vertreter:innen aus großen Berliner Kliniken und Fachgesellschaften regelmäßig in UEMS-Sektionen oder europäischen Boards mit und bringen klinische sowie wissenschaftliche Expertise in die Weiterentwicklung der Standards ein. In einem verdichteten Klinikmarkt wie Berlin können diese als zusätzlicher Kompetenznachweis dienen, insbesondere bei international ausgerichteten Einrichtungen.
Digitalisierung und neue Kompetenzanforderungen
In aktuellen Positionspapieren befasst sich die UEMS mit der digitalen Transformation. Digitale Kompetenz und der reflektierte Umgang mit KI-gestützten Systemen werden darin als Bestandteil ärztlicher Professionalität beschrieben. Ärztinnen und Ärzte sollen die Funktionsweise, die Grenzen und die möglichen Verzerrungen algorithmischer Systeme verstehen, um ihre Letztverantwortung im Behandlungsprozess wahrnehmen zu können.
Parallel dazu gewinnt die strukturierte Dokumentation der beruflichen Entwicklung zunehmend an Bedeutung. Elektronische Portfolios sollen langfristig eine transparente Darstellung von Kompetenzen, Fortbildungsaktivitäten und beruflichem Engagement ermöglichen – mit Blick auf Mobilität und Qualitätssicherung im europäischen Raum.
Fazit
Die UEMS ist zwar kein gesetzgebendes Organ, jedoch ein normativer Akteur in der europäischen Facharztlandschaft. Über Referenzcurricula, Prüfungen und Fortbildungsakkreditierung beeinflusst sie nationale Strukturen mittelbar. Für Berliner Ärztinnen und Ärzte bedeutet dies: Europäische Standardsetzung ist kein abstraktes Detail, sondern Teil des professionellen Umfelds. Wer seine Weiterbildung, Zusatzqualifikationen und Fortbildungen strategisch planen möchte, sollte die europäische Ebene kennen – im Sinne einer transparenten, vergleichbaren und qualitätsgesicherten ärztlichen Tätigkeit.
Learning - Networking - Impacting
Vom 27. bis 30. Mai 2026 findet in Löwen, Belgien, der 1. UEMS-Kongress statt. Er soll eine Plattform für die vielen Stimmen sein, die die Zukunft der medizinischen Praxis in Europa prägen. Erwartet werden medizinische Fachkräfte, Lehrkräfte, Auszubildende, politische Entscheidungsträger:innen sowie Partner:innen aus ganz Europa und darüber hinaus. Geplant ist eine Veranstaltung, die als Plattform dient, um die Zusammenarbeit zu stärken, Innovationen zu feiern und sich für die kontinuierliche Weiterentwicklung europäischer medizinischer Standards einzusetzen.
Nähere Informationen: UEMS-Website und zum Kongress: 1st UEMS Congress | UEMS Congress