Redaktion: Herr Dr. Kabisch, wie sind Sie zur klinischen Forschung gekommen?
Dr. med. Stefan Kabisch: Schon während des Medizinstudiums stand für mich fest, dass ich meiner Promotion die Zeit einräumen möchte, die sie verdient. Daher habe ich mich entschlossen, mein Hauptstudium bis zum letzten Staatsexamen abzuschließen und erst danach meine Doktorarbeit anzugehen. So konnte ich sicherstellen, dass Studium und Forschungsprojekt jeweils die volle Aufmerksamkeit erhalten und sich nicht gegenseitig behindern. Ich habe schnell eine inhaltlich und menschlich passende Stelle an meiner Universität in Leipzig gefunden und konnte, vor allem dank eines Stipendiums der Studienstiftung des Deutschen Volkes, dreieinhalb Jahre zu GLP-1 vermittelten Sättigungsmechanismen beim Menschen forschen. Das war ein großartiges Projekt an der Schnittstelle von Endokrinologie und Hirnforschung, eingebettet in das versierte wissenschaftliche Setting am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.
Mir war wichtig, dass es sich um klinische Forschung handelt, dass die Betreuung empathisch verläuft und wissenschaftliche Arbeitstechniken sauber vermittelt werden. Es war genügend Zeit vorhanden, um experimentelle Planung und Ausführung, Datenpublikation und den kritischen Blick auf eigene und andere Paper zu erlernen. Das hat meine Lust auf Forschung weiter geweckt, sodass ich sehr glücklich auf diese Zeit zurückblicke. Dieser Doktorarbeit und meinem damaligen Team verdanke ich den Verbleib in der Forschung.
Bei meinem Wechsel nach Berlin habe ich in meinem neuen Arbeitsbereich ganz ähnliche Bedingungen vorgefunden, nur mit einem inhaltlichen „Update“ von Adipositas zu Diabetes. Diese neue Tätigkeit wird durch das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung (DZD) finanziert, was mir trotz befristeter Verträge eine langfristige Perspektive und Zugang zu einem großen Forschungsnetzwerk verschafft. In den ersten Jahren gehörte mein Team zum Deutschen Institut für Ernährungsforschung, seit 2021 sind wir Charité-Mitarbeitende. Die Vorteile beider Einrichtungen können wir hier bei uns dauerhaft verbinden. Ich würde meinen gesamten bisherigen Karriereweg jederzeit wieder so gehen.
Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?
Da meine Arbeitsstelle eine reine Forschungsstelle ist, leiste ich keinerlei Klinikdienste und habe keine Schichten oder Bereitschaftszeiten. Notfälle sind Raritäten. Häufiger passiert es, dass ein Laborkühlschrank ausfällt und schnell umgeräumt werden muss. Ob nachts oder am Wochenende – mein Team und ich retten dann die wertvollen Proben jahrzehntelanger Forschung.
Mein Arbeitstag beginnt gegen 8:30 Uhr. Am Morgen starten unsere meist mehrstündigen Stoffwechseltests, die das Team unter meiner Supervision durchführt. Wir sehen täglich mehrere Studienproband:innen zu Screenings oder Folgeuntersuchungen. All unsere Testreihen widmen sich den Erkrankungen des metabolischen Formenkreises von Adipositas bis Typ-2-Diabetes mit einem starken Fokus auf Ernährungstherapien. Der weitere Vormittag ist dann für die Auswertung der Befunde, die Gespräche mit den Proband:innen inklusive Aufklärung, die klinische Untersuchung und die weitere Planung der Studienteilnahme reserviert. Die Abstimmung im Team geschieht fließend während der täglichen Abläufe, aber auch in regelmäßigen Besprechungen.
Die zweite Tageshälfte wird dann von Papier- und Computerarbeit bestimmt. Dies beinhaltet die Dokumentation von Studienprozessen, die statistische Auswertung wissenschaftlicher Daten und die Besprechung von Analysen meiner studentischen Mitarbeitenden. Hinzu kommt die Arbeit an eigenen Publikationen, Peer Reviews für verschiedene wissenschaftliche Journale sowie punktuell Pressearbeit zu aktuellen Forschungsthemen. Ein weiterer Baustein sind Anträge für Forschungsgelder, die akribisch geplant, ausformuliert, mit Projektpartnern abgestimmt und eingereicht werden. Im glücklichen Fall einer Zusage folgen dann der Ethikantrag, die Studienregistrierung und die detaillierte Vorbereitung der neuen Studie.
Testreihen zu Erkrankungen des metabolischen Formenkreises
Welche Unterstützung ist für Sie im Alltag unverzichtbar und wo fehlen aktuell Ressourcen oder Strukturen?
Die Arbeit in meiner Forschungsabteilung lebt vom zuverlässigen Miteinander. Study Nurses, Ernährungsberater:innen, Doktorand:innen sowie weiterer akademischer Nachwuchs planen, gestalten und leiten die Studien gemeinsam mit mir. Ohne den Input aus dem gesamten Team wird bei uns keine Studie konzipiert oder gestartet.
In einem exzellenten Klinikum wie der Charité haben wir zudem Zugang zu jeglichem technischen und administrativen Support, den wir benötigen. Schwierig kann es nur sein, immer sofort den richtigen Ansprechpartner zu finden. Unsere Ober- und Chefärzt:innen unterstützen unsere wissenschaftliche Tätigkeit auf vielfältige Weise, etwa durch eingeworbene Drittmittel oder durch ihre wissenschaftliche und administrative Erfahrung – von der Studienplanung bis zur Publikation. Unser Forschungsnetzwerk DZD stellt einige unserer Stellen zur Verfügung, initiiert und koordiniert viele unserer Studien, ermöglicht Konferenzteilnahmen und den wissenschaftlichen Austausch und fördert den akademischen Nachwuchs.
Die kritische Ressource sind jedoch Fördermittel für neue klinische Studien. Viele nationale und internationale Ausschreibungen sind sehr kompetitiv oder liefern von vornherein gar nicht das notwendige Budget für bestimmte Projektgrößen. Klinische Ernährungsstudien werden von Fördermittelgebern leider oftmals nicht mit hoher Priorität bewertet, benötigen aber mit sinnvollen Fallzahlen und Studiendauern dennoch oftmals sechs- bis siebenstellige Fördermittel. Deshalb sind viele Ernährungsstudien industriegefördert. Dafür kann man dankbar sein, denn so gibt es überhaupt eine Reihe von Forschungsprojekten. Andererseits würden mehr öffentliche Fördermittel sicherstellen, dass jede Fragestellung ohne einen möglichen Interessenskonflikt untersucht werden kann.
Gleichzeitig zu dieser finanziellen Hürde ist das gesellschaftliche Interesse an gesunder Ernährung sehr hoch, sodass wichtige Themen auf der Strecke bleiben und bereitwillige Proband:innen keine passende Studie finden. Dabei ist die Datenlage zu den meisten Ernährungsfragen völlig unzureichend und selbst unter Wissenschaftler:innen halten sich zahlreiche Mythen. Hinzu kommt, dass die Erforschung zukunftsgeeigneter Ernährungsformen mit Blick auf steigende Armut (auch in Deutschland), die wachsende Prävalenz metabolischer Erkrankungen und die zunehmende weltweite Lebensmittelknappheit durch globale Krisen (Ressourcenausbeutung, Klimawandel, Kriege) immer drängender wird.
Die Arbeit lebt vom zuverlässigen Miteinander
Wie gewinnen Sie Nachwuchs für die Forschung?
Ich arbeite selbst noch nicht auf der Ebene, in der ich neue Ärzt:innen ins Team einbinden kann. Studierende der Medizin, der Ernährungswissenschaften oder verwandter Fachgebiete sind aber schon immer essenzielle Mitwirkende in meinem Forschungsbereich – sei es mit einem Praktikum oder einem eigenen Projekt für die Abschlussarbeit oder Dissertation. Durch die Partnerschaft mit dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung, der Einbindung ins DZD und durch umfassende Pressearbeit in Printmedien, Podcasts, Fernsehen und Rundfunk sowie durch unsere generelle Präsenz in der Charité erhalten wir viele Anfragen für Doktorarbeiten und Projektbeteiligungen. Studienärztliche Stellen sind ein dankbarer Einstieg in den Berufsalltag, ohne das extrem hohe Stresslevel klassischer Positionen. Zugleich bieten sie einen spannenden inhaltlichen Fokus. Da Forschungsstellen rar gesät sind, kann man mit einer ungewöhnlichen Doktorarbeit schon Eindruck machen. Forschung im regulären klinischen Alltag ist schwer unterzubringen, auch wenn man sie mit Herzblut verfolgt.
Sollten ärztliche Kolleg:innen die Forschung stärker im Blick behalten, um ihren Patient:innen etwa noch nicht zugelassene Therapieoptionen zu ermöglichen?
Unser Forschungsschwerpunkt liegt auf der Ernährungstherapie, wobei wir hin und wieder auch pharmakologische Interventionen testen. Für ärztliche Kolleg:innen sowie deren Patient:innen stellt die Forschung eine attraktive Unterstützung dar. In einer klinischen Studie erfolgen zahlreiche Untersuchungen, Labortests und Therapieangebote für die Teilnehmenden kostenfrei; hinzu kommt eine Aufwandsentschädigung. Speziell bei Ernährungsstudien bieten wir damit etwas, was die ärztlichen Sprechstunden oftmals gar nicht leisten können: viel Zeit für Anamnese und Untersuchung, umfassende Diagnostik und eine engmaschig begleitete, individualisierte Ernährungstherapie.
Es lohnt sich also für Praxen, Kliniken und Patient:innen, die Augen nach Forschungsprojekten offenzuhalten. Gesamtgesellschaftlich wäre ein bundesweites Studien- und Probandenregister wünschenswert. Es würde den Zugang zu Proband:innen erleichtern und gleichzeitig die Sicherheit erhöhen, da sich aktuell nicht ausschließen lässt, dass Menschen (beispielsweise aus Geldgründen) an mehreren Studien gleichzeitig teilnehmen. Gleichzeitig könnten gerade Menschen mit geringem Einkommen von einer Studienteilnahme profitieren, da sie so Zugang zu medizinischen Maßnahmen erhalten, die sie sonst nur mit großen Hürden in Anspruch nehmen können.
Auswertung, Aufklärung und weitere Planung
Parallel zu diesem Interview veröffentlichen wir einen Artikel über den Gender Data Gap im Kontext klinischer Studien. Ist dieser Gap bei Ihren Projekten ein Problem?
Der Gender Data Gap bedeutet in vielen Bereichen der Forschung, dass es mehr Daten zu Männern als zu Frauen gibt. Ernährungsstudien sind hier ein Gegenbeispiel, da sie meist deutlich mehr weibliche als männliche Teilnehmende haben. Das gilt insbesondere bei präventiven Ansätzen. Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich bei MRT-Studien zum Essverhalten häufig erlebt, dass eine attraktive Aufwandsentschädigung die männlichen Teilnehmer weniger gelockt hat als die Aussicht, für die Studie kostenfrei und unbegrenzt Pizza oder von einem kalten Buffet essen zu dürfen. An Stoffwechselstudien nehmen Männer dagegen oft erst teil, wenn metabolische Probleme schon sehr offensichtlich sind.
Wo es notwendig ist, fördern wir deshalb die Teilnahme von Männern, indem wir sie in Inseraten ausdrücklich ansprechen, diese Inserate in besonderen Zeitungsrubriken oder an Werbeplätzen schalten, Infoveranstaltungen an ausgewählten Arbeitsstätten durchführen, zum gemeinsamen Screening mit der oder dem Lebenspartner:in einladen und in Fitnessstudios werben. Für jede Studie ist es sinnvoll, möglichst viele Perspektiven einfließen zu lassen. Diversität im Team ist die beste Grundlage, um die Diversität der Studienproband:innen bestmöglich zu reflektieren.
Klinische Forschung
Die Studienambulanz bietet den Teilnehmenden, was im Praxisalltag oft zu kurz kommt: viel Zeit für Anamnese, umfassende Diagnostik und eine engmaschig begleitete, individualisierte Ernährungstherapie.
Praxen, deren Patient:innen von diesem intensiven Betreuungsangebot profitieren könnten, sind herzlich eingeladen, interessierte Personen an die Studienambulanz zu verweisen – und Patient:innen zu ermutigen, sich aktiv zu melden:
E-Mail: diabetes@charite.de
Telefon: 030 450 51 44 - 39
