Tischgespräch im September 2023

Freitagabend. Ich sitze in der Kneipe und trinke etwas mit meinem Nachbarn. Mein Nachbar ist Lehrer und hat immer frei. Den Witz mache ich jedes Mal. Dafür belächelt er meinen Doktortitel. Wir sind also quitt.

Tischgespräch. Kolumne von Eva Mirasol

„Sag mal, kennst du eine kardiologische Praxis mit freien Kapazitäten?“, fragt mein Nachbar.

„Für dich?“, hake ich nach.

„Nein, für meine Mutter.“

„Ist sie nicht privat versichert? Da dürfte ein Termin doch kein Problem sein.“

„Dachte sie auch, aber es hieß, sie solle im November nochmal anrufen, dann gäbe es vielleicht ab April eine Option.“

„Man hat das Gefühl, die Politik produziert ständig neue Endgegner.“

Mein Nachbar nickt. „Erst ist es der Kitaplatz, dann der Schwimmkurs, und wenn dein Kind überraschenderweise das Erwachsenenalter erreicht, musst du für die Blutdrucktabletten seiner Großeltern ins Ausland fahren. Als wäre der Fachkräftemangel erst seit gestern bekannt.“

„Ich weiß …“, stimme ich ihm zu.

„Gibt es denn Lösungsideen?“

„Natürlich. Mehr Wertschätzung für den Beruf der MFA, bessere Bezahlung, attraktivere Weiterbildungsangebote und auch die Kassen müssten von den Nullrunden weg und die höheren Gehälter zeitnah gegenfinanzieren ...“

 „Vielleicht könnte vorerst der Einzelhandel einspringen“, sagt mein Nachbar.

„Wie meinst du das?“

 Er grinst. „Ich wurde neulich im Supermarkt überraschend kompetent medizinisch beraten. Ich muss wohl einen recht hilflosen Eindruck gemacht haben, jedenfalls hat mich eine Lageristin angesprochen und mir einen engagierten Vortrag zu den unterschiedlichen Rahmstufen gehalten.“

„Da hast du sicher gern zwei Euro mehr für den Frischkäse bezahlt.“

„Nicht nur zwei“, sagt er.

„Interessante Idee – eine Art Gesundheitskiosk, ohne dass man dafür ein neues Parallelsystem aufbauen muss.“

„Man könnte das ärztliche Personal strategisch zwischen den Regalen positionieren, und an der Kasse gibt es Punkte, je nachdem, wie viele Fachrichtungen in den Einkauf involviert waren: ‚Ärgern auch Sie sich über steigende Preise im Supermarkt? Zeitverschwendung! Testen Sie lieber unser neues Gesundheitskonzept – Ärzte in Regalen, weniger bezahlen! Damit sich Einkaufen wieder lohnt!'“

Ich grinse. „Mich hast du bereits überzeugt: Bei der Schokolade sitzt die Diabetologin und berechnet den glykämischen Index von After Eight, nebenan schmuggelt dir der Suchtmediziner heimlich ein Jever Fun in deinen Einkaufskorb, und wenn du den Gang wechselst, steht beim Rotwein schon die Allergologin und tippt auf den Histamingehalt.“

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Mein Nachbar nickt begeistert und zieht einen Stift aus seiner Tasche. „Hast du noch mehr Ideen?“

„Die Chirurgin näht die Schnittwunden, die bei der Schlacht um die Messer im Sonderangebot entstehen, der Pathologe überwacht die Tiefkühlabteilung, und ein emeritierter Professor für plastische Chirurgie supervidiert die Studierenden, wenn sie gemeinsam mit dem Metzger die Schweinehälften zusammennähen.“

„Interessant“, sagt mein Nachbar und kritzelt begeistert vor sich hin.

„An der Kasse steht die Pneumologin und nimmt dir die Zigaretten weg.“

Er lacht. „Und wie regelt man die interdisziplinäre Zusammenarbeit?“

„In den großen Einkaufszentren kein Problem: Konsil DM, Konsil Rossmann … Bearbeitungszeit < 5 Minuten. Die Gynäkologin überwacht die Schwangerschaftstests, der Urologe das Kondomregal. Wenn es Stress gibt, weil die eine Abteilung die Fehler der anderen ausbaden muss, greift das Case-Management. In jedem Fall bliebe wie bei der alten Hausarztpraxis die Betreuung der ganzen Familie in den Händen einer einzigen Institution: die Neonatologin sucht die richtigen Mützchen aus, der Kinderarzt die Breikost, und der Dermatologe berät zu Pubertätsakne. Wer eine Phototherapie braucht, wird in die Passbildabteilung weitergeleitet, das Dialyseteam warnt die Großeltern vor phosphathaltigen Lebensmitteln und in der Getränkeabteilung ist Halligalli, weil dort die Nephrologin mit dem Anästhesisten streitet, ob der Patient zu viel oder zu wenig Flüssigkeit an Bord hat.“

„Mein Zettel ist voll“, sagt mein Nachbar.

„Dafür ist es an der Kasse recht ruhig, denn da sitzt nur der Neurologe und notiert, ob deine Hände zittern, wenn du das Kleingeld aufs Band zählst.“

„Auch die Rückseite ist voll.“

„Der Tierarzt steht bei den Motten, gibt aber auch Auskunft zu Whiskas.“

Er grinst. „Lass morgen gleich bei der TK anrufen.“

Und genauso machen wir das.

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