Spuren der Vergangenheit
Der Marmorboden im Krankenhaus Bethel Berlin erzählt Geschichten. Geschichten, die so alt sind, dass selbst der längste Nachtdienst dagegen kurz erscheint. In den Steinplatten finden sich fossile Einschlüsse aus der Jurazeit, also aus einer Epoche vor rund 200 bis 145 Millionen Jahren, als Berlin noch kein urbaner Raum war, sondern Teil eines warmen Meeres. Zu den häufigsten Begleitern unter unseren Füßen zählen die Belemniten.
Sie sehen unscheinbar aus, oft spindel- oder zigarrenförmig, waren aber einst agile Jäger der Urmeere. Belemniten gehören zur großen Familie der Kopffüßer und sind nahe Verwandte heutiger Kalmare und Sepien. Während wir heute mit Monitoren und Infusionspumpen arbeiten, jagten sie mit Geschwindigkeit und Tinte durch das Meer – lange bevor es Menschen, Krankenhäuser oder Marmorböden gab.

Belemniten
Foto: Mustafa Alparslan Eroglu
Belemniten
Deutlich auffälliger sind die Ammoniten mit ihren elegant gewundenen, spiraligen Gehäusen. Auch sie gehören zu den Kopffüßern und sind entfernte Verwandte des heutigen Nautilus. Ihre Formenvielfalt ist beeindruckend: Kaum eine andere Tiergruppe hat im Laufe der Erdgeschichte so viele Varianten hervorgebracht.
Für Geolog:innen sind Ammoniten eine Art Zeitmesser, für den Krankenhausalltag hingegen eine leise Erinnerung daran, dass Entwicklung und Wandel zum Wesen des Lebens gehören.

Ammoniten
Foto: Mustafa Alparslan Eroglu
Ammoniten
Weniger bekannt, aber nicht minder faszinierend sind die Rudisten. Dabei handelt es sich um ausgestorbene Muscheln, die im warmen Meer der Kreidezeit riesige Rifflandschaften bildeten, die mit den heutigen Korallenriffen vergleichbar sind. Sie waren keine Einzelgänger, sondern Baumeister ganzer Ökosysteme. Dass ihre Überreste heute den Boden eines Krankenhauses schmücken, verleiht dem Gebäude eine unerwartete geologische Tiefe.

Rudisten
Foto: Mustafa Alparslan Eroglu
Rudisten
Ein weiterer fossiler Fund im Marmorboden lässt Raum für Spekulationen. Möglicherweise handelt es sich um einen Trilobiten, einen frühen Gliederfüßer aus einer Zeit, die noch deutlich vor der Jura-Epoche liegt. Eine weitere Möglichkeit wäre ein Nautiloide, ein früher Vertreter der Kopffüßer mit gerader oder leicht gebogener Schale. Sicher ist nur, dass dieses Lebewesen in einer Welt lebte, in der es die Medizin noch nicht gab und dennoch Leben in erstaunlicher Vielfalt entstand.
Diese Fossilien sind keine Ausstellung, kein Museum. Sie drängen sich nicht auf. Und genau darin liegt ihr Reiz. Zwischen OP, Intensivstation und Stationszimmern begegnen uns die Spuren von Lebensformen, die jede menschliche Zeitrechnung relativieren. Während wir täglich mit der Fragilität des menschlichen Körpers konfrontiert sind, erinnern uns diese steinernen Zeugen daran, dass Leben, Wandel und Vergänglichkeit universelle Konstanten sind. Der Marmorboden des Krankenhauses Bethel Berlin ist somit weit mehr als ein funktionales Bauelement – er ist ein stiller Beitrag zur Würde und zur Schönheit dieses Ortes.
Vielleicht liegt genau darin sein besonderer Wert: Er verbindet hochmoderne Medizin mit einer Geschichte, die Millionen von Jahren alt ist – ganz ohne ein einziges erklärendes Schild.
Der Autor
Mustafa Alparslan Eroglu ist Facharzt für Anästhesiologie und arbeitet seit dreieinhalb Jahren im Krankenhaus Bethel Berlin. Sein beruflicher Alltag ist geprägt von hochmoderner Medizin, Zeitdruck und präzisen Entscheidungen. Neben seiner klinischen Arbeit interessieren ihn die weniger beachteten Aspekte des Krankenhausraums: Materialien, Architektur und die Geschichten, die sie erzählen.
Der vorgelegte Text versteht sich als essayistische Annäherung aus der Perspektive des ärztlichen Alltags und erhebt keinen Anspruch auf eine paläontologische Fachpublikation.