Das Rezept

Mal sarkastisch, mal humorvoll, aber immer ehrlich: Unsere Autorin, Frau Dr. Titel, blickt hier regelmäßig hinter die Kulissen und erteilt Ratschläge – quasi auf Rezept. Diesmal: Herausforderungen und Veränderungen.

Die Wahrheiten des Lebens

Schon Heraklit wusste mit „Panta rhei“ von den stetigen Veränderungen der Welt und den herausfordernden, aber nötigen Anpassungen daran. Mit der Einflechtung dieses altgriechischen Aphorismus habe ich nun endlich auch den Weissagungen meines alten Griechischlehrers Genüge getan. Er war überzeugt, dass das Graecum alle Türen des Lebens öffne.

Der Beginn eines neuen Jahres ist ein Zeitpunkt, an dem man den Wahrheiten des Lebens ins Gesicht blickt. „Kairos“ nannten die Altgriechen diesen Zeitpunkt.

Jedes Neujahr versuchen sich unzählige Menschen an den immer gleichen guten Vorsätzen: Mit dem Rauchen aufhören, Geld sparen, keinen Alkohol mehr trinken, täglich Sport machen, abnehmen und sich gesünder ernähren sind die Dauerbrenner, wobei Sparen und eine gesunde Ernährung auf den vorderen Plätzen liegen. Auf den Plätzen drei und vier folgen Sport treiben und Gewichtsreduktion.

Diejenigen mit bewundernswerter Disziplin und einem offensichtlich sehr kleinen inneren Schweinehund (Chihuahua?) waren bereits am ersten Tag des Jahres auf der etwa vier Kilometer langen Strecke vom Brandenburger Tor über Unter den Linden bis zum Berliner Dom unterwegs. Doch es muss nicht immer sportliches Laufen sein, auch ein Spaziergang bietet gesundheitliche Vorteile. Studien haben gezeigt, dass körperliche Bewegung und Tageslicht bei leicht- bis mittelgradigen Depressionen ähnlich wirksam sind wie eine medikamentöse Therapie. Wem bei dem Gedanken an die dreispurigen Autobahn-Zustände rund um den Schlachtensee misanthrop schauert, der kann dieser Routine ja entgehen, indem er neue Wege sucht, beispielsweise in Rudow, Kladow oder gar im Brandenburgischen.

Veränderungen

Eine Ernährungsumstellung kann ebenfalls herausfordernd sein. Auch der Siegeszug von Ozempic®, Wegovy® und Co. wird 2026 nicht den Grundsatz umstoßen, dass eine langfristige Gewichtsreduktion nur mit einer Änderung des Lebenswandels gelingen kann. Das betonte auch die WHO kürzlich noch einmal. Wussten Sie übrigens, dass der Begriff Diät ebenfalls aus dem Altgriechischen stammt und keinesfalls „verzichtvolles FDH-Darben“ bedeutet? Tatsächlich ist δίαιτα (díaita) mit Lebensweise zu übersetzen. Nach Hippokrates beinhaltet er nicht nur die Ernährung, sondern auch den vernünftigen Wechsel von Tätigkeit und Ruhe – Work-Life-Balance –, Körperpflege und geistigem Futter.

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Bezüglich neuen Inputs für die Ernährung findet vom 16. bis 25. Januar 2026 wieder die Grüne Woche statt, auf der sich unterschiedliche Regionen Deutschlands und Länder aus aller Welt kulinarisch vorstellen. Eine Herausforderung werden dabei sicher Insektenburger oder frittierte Heuschrecken sein.

Für das geistige und kulturelle Wohlbefinden haben die Berliner Häuser zwei interessante Premieren im Angebot: Die Staatsoper zeigt „Das kalte Herz“ auf der Basis von Wilhelm Hauffs gleichnamigem Märchen. Wie nicht nur Kardiologen wissen, ist das Herz ein Symbol menschlicher Gefühle, Sehnsüchte und Schmerzen. Der Protagonist der Oper möchte ohne diese schmerzhaften Gefühle leben, was sich als keine gute Idee erweisen soll. 

Um Herz gegen Hirn beziehungsweise Moral gegen Gesetz geht es auch in der zweiten Premiere am Berliner Ensemble. Antigone verstößt gegen das von Kreon – nein, nicht Kreon© – ausgesprochene Bestattungsverbot gegen ihren Bruder, da sie ihn trotz seiner Verfehlungen ehren will. Sophokles' antike Tragödie ist nicht nur eine Tragödie des Rechts, sondern handelt auch von Politik, Herausforderung, Gerechtigkeit sowie Hilflosigkeit und stellt die sehr aktuelle Frage, warum Menschen nicht miteinander auskommen können, aber auch nicht ohne einander.

Wandel

Lange galten Deutschland und seine Bierkultur als untrennbar. Doch nicht nur der „Dry January“ reduziert den Alkoholverbrauch: Der Bierkonsum zeigt generell eine rückläufige Tendenz. Kommt nach dem Craft-Bier-Boom nun der Wandel zu alkoholfreiem Bier? Viele Brauereien haben erkannt, dass selbst in einem traditionsreichen Gewerbe die Zeit kommt, Neues auszuprobieren. Studien zum „trockenen Januar“ haben übrigens gezeigt, dass Menschen, die zuvor wenig bis moderat getrunken haben, den Abstinenzmonat gut durchhalten, anschließend regulierter trinken und eine Verbesserung ihres Wohlbefindens verspüren.

Nachdem diese Kolumne zu Beginn des Jahres 2026 zugegebenermaßen etwas „altgriechischlastig“ ausfiel, verschreibe ich Ihnen für den Rest des Jahres etwas Neues!
Suchen Sie sich nicht nur für den Januar, sondern für jeden Monat des Jahres eine Challenge! Stellen Sie doch jeden Monat unter ein neues Motto: eine Sprache lernen – z. B. Altgriechisch –, schwimmen lernen, ein Ehrenamt suchen. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!

Rp: Eine neue Herausforderung

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