Das Leben auf der Straße macht krank. Die mobilen Sprechstunden des Caritas Arztmobils sind für viele der schätzungsweise mehr als 7.000 Obdachlosen in Berlin und Umgebung oft die einzige Möglichkeit, ärztliche Hilfe zu erhalten.
Medizinische Versorgung für Wohnungslose seit 30 Jahren
Als wir 1996 für unser Titelthema das damals noch neue Projekt begleiteten, war dieses ein Novum. Heute gehört das Arztmobil glücklicherweise fest zum Berliner Stadtbild. Berliner Ärzt:innen hat mit Olaf Schüßler, dem Leiter der Caritas Ambulanz für Wohnungslose, darüber gesprochen, was sich in den vergangenen 30 Jahren bei der Versorgung obdachloser Menschen getan hat.

Mitgliederzeitschrift BERLINER ÄRZTE, Ausgabe 01/1996, Das Thema
Mitgliederzeitschrift BERLINER ÄRZTE vor 30 Jahren. Das Themas der Ausgabe 01/1996: Arztmobil des Caritasverbandes
Redaktion: 2025 feierte das Arztmobil sein 30-jähriges Bestehen. Auf welche Erfolge und Rückschläge blicken Sie zurück?
Olaf Schüßler: Das Arztmobil ist das einzige medizinische Projekt der Wohnungslosenhilfe, das im gesamten Stadtgebiet unterwegs ist. Seit der Gründung steigen jedes Jahr die Zahlen der Patient:innen in den medizinischen Projekten der Wohnungslosenhilfe. Mitte 2010 konnte das Wegbrechen der Finanzierung des Arztmobiles durch Spenden und Mischfinanzierung aufgefangen werden. Seit einigen Jahren ist die Finanzierung des Arztmobiles nun (bedingt) gesichert, obwohl das Projekt von Kürzungen im unteren fünfstelligen Bereich betroffen ist. An dieser Stelle allen Spender:innen sowie allen Unterstützer:innen einen lieben und herzlichen Dank.
Wie hat sich die Versorgung obdachloser Menschen in dieser Zeit verändert?
Das medizinische aber auch das sozialarbeiterische System der Wohnungslosenhilfe in Berlin ist mittlerweile sehr differenziert und gut ausgestattet. Das war vor 30 Jahren noch nicht der Fall. Wir arbeiten mit elf medizinischen Einrichtungen in Berlin zusammen und können so eine dauerhafte pädiatrische, psychiatrische, hausärztliche, allgemeinmedizinische und internistische Versorgung anbieten. Wichtige Kooperationspartner sind das Bundeswehrkrankenhaus, das Jüdische Krankenhaus und Vivantes. Sie sind oft bereit, unsere Patient:innen unentgeltlich zu versorgen. Wir hoffen, dass wir diesen in Deutschland einmaligen Standard weiter halten können.
Wie können die Berliner Ärztinnen und Ärzte Ihre Arbeit unterstützen?
Zum einen ist zu sagen, dass sich das Caritas Arztmobil und alle anderen Einrichtungen wünschen, dass die kontaktierten Ärzt:innen in Hausarztpraxen, Krankenhäusern, Gutachterbüros und Krankenkassen ein offenes Ohr für unsere Anliegen haben und uns ebenfalls als professionelle Kräfte ansehen – auch wenn wir nicht in das reguläre medizinische Versorgungssystem eingebunden sind. Und sie sollten bei unserer Klientel fünf bis neun Augen zudrücken.
Alle zwölf Projekte der Wohnungslosenhilfe sind auf ehrenamtliches ärztliches Personal angewiesen. Wir nehmen jederzeit Anfragen von jungen und älteren Ärzt:innen zu Ausbildungszwecken oder für ehrenamtliche Tätigkeiten entgegen und koordinieren diese zwischen allen Einrichtungen.

Caritas Arztmobil
Foto: Caritas
Krankenschwester Theresa Böhm (2. v.r.) arbeitet seit 2007 ununterbrochen beim Arztmobil und hat dessen Arbeit wesentlich geprägt.
Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie das Arztmobil in 30 Jahren?
Das Arztmobil wird auch in den nächsten 30 Jahren in Berlin unterwegs sein! Auch bei zunehmenden Katastrophenlagen oder in Kriegszuständen bietet es ein kleines Potenzial zur medizinischen Versorgung. Gesundheit ist ein Menschenrecht, das wir auch in solchen Situationen verteidigen werden.
Unsere Idee ist es, das Facharztsystem für wohnungslose und nicht versicherte Menschen in Berlin weiter auszubauen, ohne Parallelstrukturen zu implementieren. Die Verantwortung für nicht versicherte Patient:innen und wohnungslose Menschen sehen wir nach wie vor im medizinischen Regelsystem. Die schwierige Finanzierungssituation, die jetzt durch den aktuellen Haushalt anliegt, werden wir hoffentlich auch weiterhin gut abfedern können.
Vielen Dank für das Gespräch!
