Von Indien nach Deutschland
Nur ein Jahr hat Vidushi Mamgain gebraucht, um Deutsch zu lernen. Und zwar so gut, dass sie im Sommer 2024 die Fachsprachprüfung vor der Ärztekammer Berlin auf Anhieb bestand. Dabei halfen der 29-Jährigen das Alltagsleben in Berlin und ein spezieller berufsorientierter Sprachkurs.
Mamgain ist im Norden Indiens geboren und aufgewachsen. Ihr Medizinstudium absolvierte sie an der Medizinischen Hochschule in Mumbai und schloss es 2020 ab. Praktische Erfahrungen hat sie in Indien und im Ausland gesammelt. Als angehende Ärztin arbeitete sie ein Jahr für Ärzte ohne Grenzen, die UN und andere Hilfsorganisationen im Nahen Osten und Südeuropa. Eine weitere Station fern der Heimat war Boston an der Ostküste der USA, wo sie Traumapsychologie studierte. Der einjährige Diplom-Studiengang befähigte sie, mit krebskranken und traumatisierten Kindern zu arbeiten. „Ich wollte schon immer Kinderonkologin werden“, begründet Mamgain diesen Schritt.
Ich ziehe das durch, auch wenn es Zeit und Nerven kostet.

Vidushi Mamgain
Foto: Birgit Bülow
Bessere Arbeitsbedingungen
Doch ihren Traum von der Kinderonkologie will sie weder in den USA noch in ihrem Heimatland Indien verwirklichen. Wegen der extrem harten und stressigen Arbeitsbedingungen, betont sie. „In Europa ist es zwar auch nicht ganz einfach, aber man bemüht sich doch viel mehr um eine Work-Life-Balance.“ Ein weiterer Grund waren die Studiengebühren und ihr Interesse für das Fach Public Health, das sie ebenfalls erlernen möchte. Ihre Wahl fiel schlussendlich auf Deutschland. Seit April 2023 lebt Mamgain nun in Berlin. Da sie wusste, dass die Berufsanerkennung in Deutschland lange dauern würde, hatte sie ihren Antrag beim Landesamt für Soziales und Gesundheit (Lageso) bereits ein Jahr vor ihrem Umzug nach Berlin gestellt.
Sie wusste auch, dass sie ihr erstes Jahr in Deutschland dafür nutzen würde, um die Sprache zu lernen. Denn gute Deutschkenntnisse werden sowohl für die Approbation als auch für eine Berufserlaubnis zwingend vorausgesetzt. Und sie wusste, dass sie das Anerkennungsverfahren mit einer Kenntnisprüfung beschleunigen kann. Also hat sie sich auch dafür angemeldet.
Ein verlorenes Jahr ohne Berufspraxis
Was sie nicht wusste: Trotz der vom Lageso nach ihrer Fachsprachprüfung erteilten Berufserlaubnis würde sie keine Stelle als Ärztin finden. „Die Nachweise, die Prüfungen, die Sprache, die vielen anderen Formalitäten – ich habe für alles Verständnis, was uns ausländischen Ärztinnen und Ärzten in Deutschland abverlangt wird. Aber dass ich nur Absagen bekommen habe und nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, das verstehe ich nicht“, erzählt sie sichtlich enttäuscht.
Da sie ihre Berufsanerkennung in Berlin beantragt hat, gilt die Berufserlaubnis nur für die Stadt. Folglich konnte sie sich auch nur in Berliner Praxen und Kliniken bewerben. Diese haben aber – trotz gegenteiliger Verlautbarungen ihrer Vertretungsorgane – offenbar keinen Bedarf an ambitioniertem medizinischem Nachwuchs aus dem Ausland. Das Jahr nach ihrer bestandenen Fachsprachprüfung ist für Mamgain deshalb ein verlorenes Jahr. „Ich konnte in dieser Zeit keinerlei Berufserfahrung sammeln“, bedauert sie.
Tatsächlich hatte sie sich die Work-Life-Balance in Deutschland etwas anders vorgestellt. Aufgrund ihrer Erfahrungen rät sie anderen ausländischen Ärztinnen und Ärzten, ihre Anträge auf Berufsanerkennung nicht in Berlin, sondern im Umland zu stellen, „weil dort die Chancen auf eine Stelle deutlich höher sind“.
Statt als Ärztin arbeitete sie zeitweise als Pflegekraft bei einem ambulanten Pflegedienst und in einer Demenz-WG. Die übrige Zeit lebte Mamgain von Erspartem und lernte für die Kenntnisprüfung. Für einen Vorbereitungskurs an der Charité sei die Zeit zu knapp gewesen, erzählt sie. Sie habe alleine gebüffelt und zusätzlich Privatunterricht genommen. Nervig fand sie, dass sie lange nicht wusste, ob und wann sie zur Prüfung zugelassen würde und dass sie beim Lageso immer wieder nachfragen musste.
Approbierte Ärztin
Im August 2025 erfuhr sie schließlich, dass ihre Prüfung am 18. Dezember stattfinden wird. Ehrgeizig, wie sie ist, hat sie die Kenntnisprüfung bestanden und hat seitdem die begehrte Approbationin der Tasche. Eigentlich ein Grund zum Jubeln. Doch Mamgain befürchtet, nicht die gewünschte Weiterbildungsstelle zu finden. „Berlin hat eigentlich keinen Ärztemangel und in der Pädiatrie gibt es kaum Stellenangebote“, lautet ihre ernüchterte Bilanz.
Weil sie gerne in Berlin bleiben möchte – „Ich fühle mich wohl hier, die Leute sind nett“ – würde sie zunächst auch eine Weiterbildung in der Inneren Medizin beginnen, in der Hoffnung, nach einem Jahr in ihr Wunschfach wechseln zu können. Auch eine Stelle in Potsdam käme für sie infrage. Hauptsache, sie schafft es irgendwann in die Kinderonkologie. „Ich ziehe das durch, auch wenn es Zeit und Nerven kostet.“