Das Rezept

Mal sarkastisch, mal humorvoll, aber immer ehrlich: Unsere Autorin, Frau Dr. Titel, blickt hier regelmäßig hinter die Kulissen und erteilt Ratschläge – quasi auf Rezept. Diesmal: ein Kuss

Der erste Griff am Morgen

Wachen Sie auch jeden Morgen auf und greifen als Erstes nicht etwa zum Puls, sondern zum Handy? Ein kurzer Check der Lage: Welche Katastrophe hat sich über Nacht ereignet? Welche demokratischen Grundsätze wurden zerstört? Den Puls müssen Sie anschließend nicht mehr tasten, denn der ist, ebenso wie der Blutdruck, bereits jetzt außer Rand und Band. 

Dieses ritualisierte Absinken ins Nachrichtenlabyrinth kursiert mittlerweile sogar als Diagnose namens „Doomscrolling”: das zwanghafte Lesen schlechter Nachrichten, angereichert mit Desinformation, affektiver Dysregulation und latenter Hoffnungslosigkeit. Es resultiert ein Cortisolspiegel wie nach einem Nachtdienst auf der Intensivstation, gepaart mit dem Gefühl, dass man eigentlich schon vor dem ersten Kaffee therapiebedürftig ist. Das Immunsystem fühlt sich nach dem Winter wie PJler nach ihrer ersten Klinikwoche: grundsätzlich motiviert, aber völlig erschöpft. Und dann kommen wir am 3. März noch nicht einmal in den Genuss einer totalen Mondfinsternis – sie findet samt Blutmond in Asien, Australien und Nordamerika statt. Womit wir wieder beim Doomscrolling wären. 

Dabei ist doch Frühling. Zumindest kalendarisch. Im Frühling flattern bekanntlich Schmetterlinge nicht nur durch die Lüfte, sondern gern auch durch den Bauch – selbst bei Menschen mit langjähriger Erfahrung in der Pathologie der Liebe. Constantin Brâncuși hat den chronischen Zustand des Verliebtseins in eine Skulptur gemeißelt: Sein Kuss – zwei Menschen, untrennbar zu einem Block verschmolzen – gilt als erste abstrakte Skulptur der Moderne. Sie steht für die Reduktion zwischenmenschlicher Beziehungen auf das Wesentliche: Nähe, Verständnis, Respekt. Zu sehen ab sofort in der Neuen Nationalgalerie.

Immer auf dem Laufenden bleiben. Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.

Evolutionsbiologisch sinnvoll und klinisch relevant

Küssen stärkt das Immunsystem. Millionen Bakterien wechseln den Wirt, Antikörper jubeln, Dopamin flutet, das doomgescrollte Cortisol zieht sich zurück. Die Forschung bei Menschenaffen hat gezeigt: Küsse sind die finale Phase intensiven Groomings, evolutionsbiologisch sinnvoll und klinisch relevant. Epidemiologisch allerdings auch … Fragen Sie Epstein-Barr. Die kissing disease ist im englischen Sprachraum schließlich nicht umsonst so benannt. 

Es gibt natürlich auch medizinisch relevante Varianten des Kusses: chromosome kissing in der Genetik oder die „kissing bugs”, jene unromantischen Raubwanzen (Triatominen), deren Speichel vor allem an Schleimhäuten schwere allergische Reaktionen auslösen kann. 

Was hilft dem Immunsystem dieser Tage neben Küssen? Ernährung, sagen die Leitlinien. Zitrusfrüchte zum Beispiel: Vitamin C! Orangen sind kleine, runde Antidepressiva mit hoher Bioverfügbarkeit für die Aufnahme von Ballaststoffen, eine verbesserte Wundheilung und effektivere Eisenaufnahme. Clementinen schälen statt Kommentare lesen. Mandarinen mampfen statt Meinungen konsumieren. Oder, angesichts des im März nicht unüblichen erneuten Wintereinbruchs: Aufwärmen. Die Nil-Buntbarsche machen es uns vor. Sie suchen gezielt wärmeres Wasser auf, um bakterielle Infektionen abzuwehren – eine Art extern induziertes Fieber. Passend dazu steht der März ja vorwiegend im Zeichen der Fische.

Wohin im März?

Zwischen Holi am 4. März, dem St. Patrick’s Day am 17. März und den übrigen Berliner Märztagen mit dem Finale der Berlin-Brandenburgischen Poetry-Slam-Meisterschaft in der Columbiahalle steht am 8. März der Frauentag an. Um der neiderfüllten Frage der ungeküssten XY-Träger, warum wir keinen Männertag hätten, zuvorzukommen, kann die Antwort nur lauten: Weil Männer ohnehin schon dafür sorgen, dass sie jeden Tag im Vordergrund stehen, siehe Mansplaining und Manspreading. 

Gleichzeitig wird beim Public-Health-Kongress „Armut und Gesundheit“ am 16. und 17. März darüber diskutiert, ob wir im Nanny-Staat oder im „Wünsch-dir-was-System“ leben, mit Primärarztsystem oder mit mehr Eigenverantwortung. Bevor der Cortisolspiegel wieder ansteigt, empfehle ich einen Abstecher zum Berlin Chocolate Festival oder einen Blick auf die Darts-Premier-League, die 2026 erneut in Berlin Station macht. 

Doch mein eigentlicher Therapievorschlag gegen die Herausforderungen des dritten Monats des Jahres ist leitlinienfern, aber evidenzbasiert: Reduzieren Sie das Doomscrolling. Essen Sie eine Orange. Und vor allem: Küssen Sie jemanden (in beiderseitigem Einverständnis!!!).

In diesem Sinne mein Rezept: ein Kuss. 

 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Wir freuen uns über Ihr Feedback!

Ja
Nein

Vielen Dank!

Zur Ärztekammer Berlin