Das Rezept

Mal sarkastisch, mal humorvoll, aber immer ehrlich: Unsere Autorin, Frau Dr. Titel, blickt hier regelmäßig hinter die Kulissen und erteilt Ratschläge – quasi auf Rezept. Diesmal: Ein Blick aus dem Fenster.

Achtsam durch die Welt

Kennen Sie diese alten Filme, die oft in dörflicher Umgebung spielen? In denen die Menschen mit den Ellbogen auf dem Fenstersims und dem Kinn in der Hand einfach nur aus dem Fenster schauen?

In unseren Gefilden ist dieses Bild eher negativ behaftet: Dabei kommen Assoziationen von Faulenzertum, nachbarlicher Überwachung und „Gaffen“ im Sinne von Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ auf. Dabei beschreibt „aus dem Fenster schauen“ nichts anderes als das einfache Betrachten der Außenwelt. Und damit wird eine Verbindung zur Welt hergestellt! Während der Betrachter nach außen schaut, ergibt sich zudem ein scheinbar unproduktives Phänomen: das Tagträumen. Abschweifen in Gedanken kann entspannen – aber auch das bewusste Hinschauen ist kostbar! Und wird dies nicht bisweilen unter dem Begriff Achtsamkeit als eine Form der Meditation betrachtet und in verhaltenstherapeutischen Settings sogar empfohlen?

Früher saßen ältere Menschen oft am Fenster, um mit Vorbeigehenden zu plaudern – diese Form des „Fenstertratsches“ war ein fester Bestandteil der sozialen Kultur und diente dem Austausch und der Unterhaltung. Und tatsächlich: Auch Tratsch und Klatsch fördern die Gesundheit.

Zu viel Voyeurismus für Sie? Dann lassen Sie Ihre Blicke doch wenigstens auf die Leinwand schweifen! Die Berlinale bietet vom 12. bis 22. Februar 2026 Gelegenheit, über 440 Filme zu sehen, zu träumen, sich zum Nachdenken anregen zu lassen, verstört aus dem Kinosaal zu stolpern oder einfach fremde Welten zu genießen.

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Zwischen Hara hachi bu und Ikigai

Eine für Europäer recht fremde Welt ist Japan. Wer kennt ihn nicht, den bei der Berlinale 2008 nominierten, wunderbaren Doris-Dörrie-Film „Kirschblüten – Hanami“? Der Japanmarkt im Festsaal Kreuzberg bietet am 22. Februar 2026 die Möglichkeit, Einblicke in japanische Kunst, Design und Kulinarik zu gewinnen. Letztere spielt – so wird vermutet – einen entscheidenden Faktor bei der Langlebigkeit der japanischen Bevölkerung. Die Zahl der über Hundertjährigen ist im vergangenen Jahr auf einen Rekordwert von über 100.000 gestiegen.

Verantwortlich dafür gemacht werden – vor allem in der Region Okinawa, die zu den „blauen Zonen“ gehört – eine Ernährung mit wenig Fleisch, viel Fisch und Süßkartoff eln; eine starke Gemeinschaft, Achtsamkeit sowie ein stressfreier Lebensstil und ein hoher Sinn für einen erstrebenswerten Lebenszweck. Während hierzulande im Sinne der „Longevity“ vor allem Nahrungsergänzungsmittel, Cremes, mehr oder weniger invasive „medizinische“ Maßnahmen und andere kostenpflichtige Mittel propagiert werden, sind Clean Eating (im weitesten Sinne), Hara hachi bu (noch leicht hungrig vom Tisch aufstehen) und Ikigai (das Finden von Tätigkeiten und Dingen, für die es sich zu leben lohnt) gratis zu haben.

In der japanischen Leistungsgesellschaftist es aber auch üblich, früh aufzustehen und tagsüber kurze Schlafphasen einzulegen. Zudem sind die Arbeitstage lang. Bereits in der Schule widersprechen Mobbing, Leistungsdruck und die Angst vorm Scheitern diesen positiven Lebensstrategien. In Japan gibt es daher an jeder Schule Sozialarbeiter:innen, die diesen Entwicklungen durch Beratung und Unterstützung entgegenwirken sollen.

Fängt der frühe Vogel wirklich den Wurm?

Im Sinne einer ausgeglichenen Work-Life-Balance könnten wir also einen Longevity-Vorsprung haben. Das hiesige Sprichwort „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ wird allerdings durch diverse Forschungsergebnisse infrage gestellt, da wohl mehr Menschen dem Chronotyp der Eule als dem der Lerche zuzuordnen sind. Studien haben gezeigt, dass der Chronotyp immerhin keinen Einfluss auf das Krebsrisiko hat, aber dass Eulen aufgrund ihres späten Rhythmus und der eher späteren Einnahme von Mahlzeiten ein etwas höheres metabolisches Risiko für Übergewicht haben.

Auch wenn bis zur – auch dieses Jahr sicher wieder viel diskutierten – Zeitumstellung am 29. März noch einige Tage vergehen werden, können Sie Ihre innere Uhr vielleicht schon jetzt schrittweise daran gewöhnen. Denn neben den Genen ist das Licht der wichtigste Faktor für unseren Biorhythmus. Es beeinflusst Aktivität und Müdigkeit.

Und damit sind wir wieder bei der Berlinale, deren Präsident Wim Wenders mit seinen 80 Jahren bei bester Gesundheit durchaus als „Longevity“-Vorbild zu sehen ist. Und ist es Zufall, dass seine Beziehung zu Japan tief ist und sich in Filmen wie dem gefeierten Tokio-Porträt „Perfect Days“ (2023) manifestiert? Er hat es geschafft , seine innere Uhr vom Spätaufsteher zum Frühaufsteher umzustellen. Warum er das getan hat? Weil er den morgendlichen Blick aus dem Fenster liebt!

In diesem Sinne hier mein Rezept für Sie: Einen Blick aus dem Fenster werfen – am besten mit der Beobachtung eines schönen Sonnenaufgangs!

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