„Haben Sie schon einmal überlegt, den Beruf zu wechseln?“
Diese Frage stellte der Hartmannbund im Jahr 2024 fast 500 Assistenzärzt:innen. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) antwortete: „Ja.“ Bereits zwei Jahre zuvor war der Marburger Bund auf dieses Problem gestoßen, als er seine Mitglieder fragte, ob sie schon einmal erwogen hätten, ihre ärztliche Tätigkeit aufzugeben. 8.500 Ärzt:innen – davon die Hälfte jünger als 40 Jahre und vorwiegend in Akutkrankenhäusern angestellt – antworteten. Ein Viertel bejahte, fast 20 Prozent waren unentschlossen.

Ergebnisgrafik "Erwägen Sie, Ihre ärztliche Tätigkeit ganz aufzugeben?"
Quelle: MB-Monitor 2022
Frage aus MB-Monitor 2022 des Marburger Bundes
Diese Ergebnisse zeigen, dass ein beträchtlicher Teil junger Ärzt:innen an seiner Berufswahl zweifelt. Nicht wenige von ihnen verlassen das Gesundheitswesen irgendwann und gehen in die Pharma- oder Verlagsbranche, in den öffentlichen Dienst oder sie erfinden ein eigenes Berufsbild als Medfluencer:in, Gesundheitscoach:in oder Cannabis-Ärzt:in. Auch Elternzeit oder die Pflege von Angehörigen können Gründe für einen (vorübergehenden) Ausstieg sein. Diese Entwicklung kann für den Staat teuer werden, denn die Ausbildung von Mediziner:innen kostet circa 200.000 Euro pro Kopf.
Zweifel an der Berufswahl machen einen Wechsel wahrscheinlicher. Würden alle jungen Ärzt:innen, die Zweifel haben, den Arztberuf tatsächlich aufgeben, wäre eine ausreichende Patientenversorgung nicht mehr gewährleistet. Ärzt:innen in Weiterbildung leisten einen bedeutenden Teil der Arbeit in den Krankenhäusern. Schon jetzt bereitet der Ärztemangel nicht nur Fachleuten Sorgen, sondern ist auch deutlich zu spüren.
Zwar wächst die Zahl der Ärzt:innen, wie die Ärztestatistik der Bundesärztekammer für das Jahr 2024 zeigt – zuletzt um gut zwei Prozent. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich der schon länger bestehende Ärztemangel nennenswert abschwächt. Denn immer mehr Ärzt:innen arbeiten angestellt und in Teilzeit, sodass inzwischen 120 ausgebildete Ärzt:innen für 100 Vollzeitäquivalente benötigt werden. Zuwanderung hilft, und mehr Medizinstudienplätze wären ein wichtiger Baustein, um die Lage zu entspannen. Den Trend umzukehren wird trotzdem schwer, denn der demografische Wandel mit hohen Zahlen an Ärzt:innen, die in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen, und der steigende Bedarf einer älter werdenden Gesellschaft setzen das Gesundheitswesen unter großen Druck.
Warum zweifeln junge Ärzt:innen?
Aus vielen Gründen kann es sich das Gesundheitssystem nicht leisten, fertig ausgebildete Mediziner:innen in andere Branchen ziehen zu lassen. Die Zweifel der jungen Ärzt:innen sollten daher ein großes Thema sein. Überraschenderweise wird jedoch wenig darüber gesprochen und kaum dazu geforscht. Paula Matcau will das ändern. Für ihre bald erscheinende Dissertation führte sie mit 18 Mediziner:innen im Praktischen Jahr (PJ) und in der Facharztweiterbildung Leitfadeninterviews. Dabei fand sie heraus, dass es drei Typen charakteristischer Zweifel gibt: am System, am Selbst und an der Zugehörigkeit zum Arztberuf.
Zweifel am System speisen sich oft aus Strukturen, die als belastend empfunden werden: rigide Hierarchien, lange Arbeitszeiten, zu viele Dienste, schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Diskriminierung, unangemessene Bezahlung und fehlende Wertschätzung. Zweifel am Selbst beziehen sich häufig auf die eigenen fachlichen Kompetenzen, aber auch auf die Frage, ob die eigene Resilienz ausreicht und ob man gut mit der Verantwortung umgehen kann, die der Arbeitsalltag mit sich bringt. Zweifel an der Zugehörigkeit drehen sich eher um die eigenen Werte und Bedürfnisse. Passen sie zum Arztberuf? Finde ich Erfüllung in diesem Beruf? Interessieren mich die Inhalte ausreichend?
Zweifel können sehr produktiv wirken.

Paula Matcau
Foto: Korbinian Perl
Diese Zweifel-Typen treten nicht in Reinform auf, sondern hängen eng miteinander zusammen. Es gibt Überschneidungen und die Charakteristika sind nicht gleichmäßig verteilt, betont Paula Matcau. „In fast allen Interviews spielten Zweifel am System eine große Rolle“, sagt sie. Belastende Strukturen können jedoch auch ein Motiv für Selbst- und Zugehörigkeitszweifel sein. „Inhaltlich gibt es zwischen den System- und Selbstzweiflern große Überschneidungen, sie unterscheiden sich aber im Adressaten. Die Selbstzweifler sehen die Verantwortung weniger beim System als bei der eigenen Person“, erzählt Matcau. „Und wer den Eindruck hat, weder Einfluss auf systemische Probleme nehmen zu können noch die auf das Selbst bezogenen Zweifel zu überwinden, stellt auch eher die Frage, ob der Beruf wirklich passt.“
Oft tauchen Zweifel vor allem am Übergang zwischen Studium und Berufseinstieg auf oder nehmen in dieser Phase stark zu. Paula Matcau findet das wenig überraschend. „Wenn man sich in einer neuen Situation wiederfindet und das Gelernte anwenden soll, bietet das jede Menge Anlässe, sich selbst und das eigene Handeln zu reflektieren. Das ist auch wichtig für die Entwicklung der eigenen Arztidentität und nicht per se ein Problem.“
Fragen wie „Welche Ärztin oder welcher Arzt will ich sein?” oder „Wie bringe ich meine Persönlichkeit mit der Arztrolle in Einklang?” können dann sehr präsent werden. „Aus einer Reflexion können aber auch Zweifel entstehen“, erklärt Matcau. „In der Assistenzzeit fühlt man vielleicht ziemlich plötzlich und ziemlich deutlich, was es heißt, Ärztin oder Arzt zu sein. Die Verantwortung, die damit einhergeht, kann sehr belastend sein – auch wenn man gut eingearbeitet wird und sich im Team wohlfühlt“, so die junge Ärztin. „Dann ist es sehr wichtig, wie man mit diesen Zweifeln umgeht. Kann ich offen darüber sprechen? Oder muss ich alles mit mir selbst ausmachen?“
Was bewirken Zweifel?
Wer Zweifel an seiner Berufswahl hat, dem kommt möglicherweise auch die Arbeitsmotivation abhanden. Dieses Phänomen wird oft unter dem Stichwort „Quiet Quitting” diskutiert, also die innere Kündigung. Das gefährdet nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch die seelische Gesundheit. Dann steigt das Risiko eines Drop-outs, also eines Berufswechsels.
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Doch Zweifel führen nicht automatisch zum Drop-out – im Gegenteil. Matcau sieht in ihnen großes Potenzial. „Zweifel können sehr produktiv wirken“, sagt sie. Sich und das System zu hinterfragen hilft dabei, Dinge zu entdecken, die sich ändern lassen. „Wie möchte ich arbeiten? Und wie soll meine professionelle Identität aussehen? Solche Fragen stellt man sich vielleicht gar nicht, wenn man nie an Grenzen stößt“, sagt sie und fügt hinzu: „Das kann letztendlich auch Risiken reduzieren, weil man seine eigenen Grenzen erkennt und lernt, sie zu akzeptieren. Zweifeln hilft auch dabei, behebbare Mängel im System zu finden und zu verbessern.“
Welche Lösungen finden Zweifler:innen?
Viele, die an einen Punkt kommen, an dem sie darüber nachdenken, den Arztberuf aufzugeben, machen sich die Entscheidung nicht leicht. Oft entscheiden sie sich jedoch dafür, erst einmal weiterzumachen und die Durststrecke durchzustehen. Das kann laut Matcau unter anderem daran liegen, dass sich viele trotz Gedanken an einen Berufswechsel sehr mit dem Berufsbild verbunden fühlen.
Häufig können Hospitationen in anderen Fachbereichen, der Austausch mit Mentor:innen sowie die Möglichkeit, an positiven Vorbildern zu lernen und offen über eigene Zweifel zu sprechen, einen wichtigen Unterschied machen. Viele Medizin-Unis bieten zudem begleitete Reflexionen an, die die Entwicklung einer professionellen Arztidentität fördern sollen. Dabei geht es nicht nur um den Austausch über Zweifel. Im Rahmen solcher Angebote lassen sich auch viele Fragen bearbeiten, die langfristig zu mehr Zufriedenheit bei der Arbeit führen können: Was macht mir wirklich Freude? Welche Aufgaben geben mir Energie? Was kann ich besonders gut? Bin ich Teamplayer:in oder Einzelkämpfer:in? Reizt mich die Forschung, die Lehre oder der direkte Kontakt mit Patient:innen? Möchte ich angestellt oder lieber selbstständig arbeiten?
Wenn junge Ärzt:innen die Möglichkeit bekommen, über diese Fragen nachzudenken und sich darüber auszutauschen, entdecken sie eher die Nische im Gesundheitswesen, die zu ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen passt. Sie wählen dann seltener den„Notausgang“.