Der Natur verbunden
„Als ich 2020 meine gut gehende Gynäkologie-Praxis verkaufte, hatte ich das Gefühl, etwas nachholen zu wollen.“ Annette Mährlein lacht laut und herzlich, wenn sie von den Plänen erzählt, die sie damals hatte. Vielleicht noch mal ein Jahr im Ausland arbeiten? Oder in die Entwicklungshilfe einsteigen? Dinge, die in all den Jahren, in denen sie berufliche und familiäre Aufgaben unter einen Hut bringen musste, zu kurz gekommen waren.
Doch als es damit losgehen sollte, war die Pandemie in vollem Gange. Und Mährlein merkte, dass es noch etwas anderes gab, das ihr gefehlt hatte: Zeit für politisches Engagement. Anfang der 1980er-Jahre hatte sie sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung engagiert und organisierte Proteste gegen das Zwischenlager für Atommüll in Gorleben mit. Dass sich diese Arbeit erst vier Jahrzehnte später mit dem Atomausstieg Deutschlands auszahlen würde, ahnte damals niemand. Heute ist sie mehr denn je davon überzeugt, dass es sich lohnt, für etwas zu kämpfen, das man für richtig hält.
„Auch meine Enkel brachten mich zum Nachdenken“, sagt sie, wenn sie an den Beginn ihres Ruhestands denkt. „Mir wurde wieder bewusster, welche Verantwortung wir Älteren haben – gegenüber den Jüngeren und gegenüber dem Lebensraum, den wir ihnen hinterlassen. Also beschloss ich, mich den ‚Omas for Future‘ anzuschließen.“ Ein naheliegender Schritt für sie – auch mit Blick auf ihre eigene Kindheit. 1954 geboren und in der Nähe von Würzburg sehr ländlich aufgewachsen, fühlte sie sich immer mit der Natur verbunden. „Umweltschutz ist bei mir keine Kopfgeburt, ich bin darin verwurzelt.“
Mitbestimmung über die eigene Gesundheit ermöglichen
Nach dem Abitur ging sie nach Berlin, um dort Hebamme zu werden. „Damals fand ich es hier furchtbar grau“, erinnert sie sich. Und die Erlebnisse in der Geburtshilfe weckten in ihr den Wunsch, Frauen eine andere Erfahrung mit der Medizin zu ermöglichen. „Die Geburtshilfe war damals noch sehr paternalistisch. Männliche Ärzte trafen Entscheidungen über die Frauen. Damit war ich nicht einverstanden.“ Also begann sie, Medizin zu studieren. Während des Studiums wurde sie bereits Mutter und machte sich nach der Facharztausbildung auch schnell mit einer eigenen Praxis in Lankwitz selbstständig. „Da blieb nicht viel Zeit für anderes“, sagt sie.
Für ihre Patientinnen nahm sie sich aber so viel Zeit, wie sie es für nötig hielt. „Ich wollte, dass sie über ihre Gesundheit mitbestimmen. Ich habe immer versucht, gut zuzuhören und zu einer gemeinsamen Entscheidung mit der Frau zu kommen, die für sie richtig und gut ist.“ Mährlein ist überzeugt: „Gesundheit ist von so vielen Faktoren abhängig, auch von psychischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen. Dafür braucht es den ganzheitlichen Ansatz.“
Der emanzipatorische Gedanke zieht sich durch ihr Leben. Die Freiheit zu haben, sich für das Richtige zu entscheiden, ist für sie elementar. Also schloss Mährlein sich im Jahr 2020 der Berliner Regionalgruppe von „Omas für Future“ an. Schnell stellte sie fest: „Wir sind ein lustiger Haufen interessanter Frauen aus den unterschiedlichsten Bereichen.“ Sie alle verbindet der Wunsch nach einer gesunden Erde und einer guten Zukunft für die nächsten Generationen. „Wir Omas sind stark vernetzt mit vielen Organisationen. Wir gehen auch mal zusammen mit den ,Omas gegen Rechts’ auf Demos, überlegen uns mit anderen Umweltgruppen Aktionen und organisieren gemeinsam Veranstaltungen.“
Mit dem Zukunftsquiz die Selbstwirksamkeit stärken
Damit das gelingt, haben sie sich ein niedrigschwelliges, von der Bundesregierung gefördertes Angebot ausgedacht: das Zukunftsquiz. „Mit über 200 Fragen wollen wir die Selbstwirksamkeit stärken und zum Umdenken und Handeln motivieren.“
Das Quiz ist online, sodass es jede und jeder spielen kann. Mit dem Mitmach-Quiz gehen die Omas aber auch direkt zu den Menschen, beispielsweise in Kitas, Schulen, Nachbarschaftsräumen, auf Märkten und in Pflegeheimen, und stoßen dabei auf großen Zuspruch.
Zum Quiz: quiz.omasforfuture.de
Mährlein und ihre Mitstreiterinnen machen so auf vielfältige Weise auf die ökologische Krise aufmerksam und wollen auch Druck auf die Politik ausüben, damit dort die richtigen Weichen gestellt werden. Besonders im Blick haben sie dabei die Älteren. „Unsere Generation hat schließlich den größten Einfluss auf Politik und Wirtschaft, einfach, weil wir so viele sind.“ Die Berliner „Omas for Future“ wollen möglichst viele Menschen erreichen, um aufzuklären, Wissen zu vermitteln und zu guten Entscheidungen in Sachen Klima, Umwelt und Demokratie zu motivieren.
Mährlein bedeutet die Arbeit und der gemeinsame Austausch in der Gruppe – auch mit den anderen Ärztinnen – enorm viel: „Uns verbindet nicht nur die Medizin, sondern auch, dass wir die Menschen motivieren, sich für das Richtige zu entscheiden – richtig im Sinne der eigenen Gesundheit und der von allen anderen.“
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