„Klingelangst“ oder englisch „Ringxiety“
Vor vielen Jahren hatte ich als Unterassistentin in der Schweiz meine allerersten Rufdienste. Nachts konnte der Pieper jederzeit losgehen, um mich in die Notaufnahme oder den OP zu rufen. Das führte dazu, dass ich beim kleinsten Geräusch hochschreckte, weil ich mir einbildete, der Alarm sei losgegangen. 20 Jahre später, als ich dann als Oberärztin im Hintergrunddienst arbeitete, wachte ich nachts häufig tachykard und arrhythmisch auf, weil ich geträumt hatte, mein Diensthandy hätte geklingelt, obwohl tatsächlich weder Anruf noch Nachricht eingegangen waren.
Dieses Halluzinieren eines Signals ist als Phantomklingeln bekannt. Gleiches gilt auch für Vibrationsalarme. Die Prämisse, jederzeit erreichbar zu sein, jederzeit einen Anruf verpassen zu können, sowie die Erwartungshaltung, dass jederzeit jemand anrufen könnte, führen zu einer eigentlich harmlosen akustischen oder sensorischen Täuschung. Diese kann allerdings zu pathologischen Stresssymptomen führen. Oder zur „Klingelangst“, englisch „Ringxiety“. Dabei steht nicht die akustische Halluzination im Vordergrund, sondern die Furcht, einen wichtigen Anruf oder eine Nachricht zu verpassen.
Das Smartphone wird Teil des Körpers, da es ständig und oft direkt am Körper mitgeführt wird. Dr. BJ Fogg wertet es einem „Phantomglied“ gleich und erklärt Pseudovibration und „Klingelangst“ wie folgt: Menschen seien sehr empfänglich für soziale Bindungen und die Bedrohung durch Isolation. Daher suche das Gehirn ständig nach möglicher Kommunikation. Es mache lieber einen „Fehler“ (eine Phantomwahrnehmung), als einen echten Anruf zu verpassen.
Tägliche Smartphonenutzung und ständige Erreichbarkeit
Betroffen sind häufig Menschen, die beruflich einer ständigen Erreichbarkeit unterliegen, wie Personen im Bereitschaftsdienst oder in Berufen, in denen die Grenzen zur Freizeit aufgeweicht sind. Vermutlich werden deshalb die meisten Studien zu diesem Thema an Medizinstudent:innen während ihrer Praxisphasen (Internships) durchgeführt. Bei diesem Kollektiv handelt es sich um junge Menschen mit täglicher Smartphonenutzung und ständiger Erreichbarkeit – nicht nur privat, sondern im Praktikum auch beruflich – die im Rahmen eines universitären Settings gut zugänglich und untersuchbar sind.
Bei diesen Interns zeigte sich, dass das Auftreten von Phantomvibrationen und Klingelangst vor dem Praktikum niedrig war, im Verlauf anstieg und 2 Wochen nach Abschluss des Praktikums einen Peak erreichte. Im Vergleich zu Probanden mit eher subklinischem Phantomklingeln und -vibrationen wiesen die Studierenden mit starken Phantomvibrationen und -klingeln während ihres Praktikums zu jedem Zeitpunkt höhere Werte subjektiver und somatischer Angst sowie somatischer Depressionswerte auf. Personen mit stark ausgeprägtem Phantomklingeln wiesen eine stärkere kognitive/affektive Depression auf.
Eine andere Studie zeigte, dass 13 Prozent der medizinischen Studienteilnehmer täglich Phantomvibrationen verspürten. 39 Prozent von ihnen vermieden allerdings Strategien, um diese Phänomene zu stoppen, wie den Klingelmodus zu ändern, den Ort des Tragens zu verändern oder ein anderes Gerät zu benutzen. In einer Kohorte iranischer Medizinstudenten lag die Prävalenz der Phänomene bei 54,3 Prozent beziehungsweise 49,3 Prozent. Während Phantomvibrationen bei weiblichen Studentinnen häufiger auftraten, war das Phantomklingeln bei männlichen Studenten häufiger vertreten. Es zeigte sich eine signifikante Beziehung zwischen der Häufigkeit der fehlempfundenen Vibrationen und der Intensität der Nutzung sozialer Netzwerke.
Und was ist, wenn das Telefon dann tatsächlich klingelt?
Moderne Kommunikationsphänome
Auch wenn „Ringxiety“ („Klingelangst") oder „Fauxcellarm“ („falscher Handyalarm“) bisher nur als auffällige Phänomene ohne eigentlichen pathologischen Krankheitswert beschrieben werden und als Phänomen moderner Kommunikation, deutet sich aber an, dass sie Vorboten von psychischen Stresserkrankungen oder ein Bestandteil des klinischen Burn-out-Syndroms sein könnten, eventuell sogar ein Prädiktor für ein berufliches Burn out. Studien zeigen eine hohe Prävalenz und untersuchen weitere Korrelationen zwischen Angststörungen, Depressionen, Stress-Fehlverarbeitung sowie Phantomklingeln, Klingelangst und Lebensqualität. Bereits der Begriff „Technopathologie” wurde geprägt. Da immer jüngere Menschen in die Smartphonenutzung einsteigen und sich dadurch in eine Erreichbarkeits-Verpassens-Spirale begeben, wird befürchtet, dass sich aus einem rein psychologischen Phänomen relevante Krankheitsbilder entwickeln könnten. Die Auswirkungen auf die emotionale und stressbedingte Gesundheit von Kindern und Jugendlichen müssen weiter untersucht werden.
Abhilfe könnte unter anderem Sport bieten. Während immer mehr technische Gadgets (z. B. Fitnesstracker) neben dem Smartphone ihr Feedback mit Vibrationsalarm geben, hat sich gezeigt, dass unser Gehirn diese Vibrationsalarme bei Ablenkungen gerne vernachlässigt. Unter kognitiven Stressoren (Gedächtnistest) und während körperlicher Aktivitäten (tempoarmes Gehen) ist die Wahrnehmung dieser Vibrationen beeinträchtigt.
Und was passiert, wenn das Telefon tatsächlich klingelt? Dann tritt ein weiteres modernes Kommunikationsphänomen in Kraft, das als Telefonangst bezeichnet wird. Die junge Generation, die sich vorwiegend per WhatsApp und anderen Nachrichtendiensten austauscht, ist es gewohnt, Zeit zum Formulieren zu haben und nonverbale Signale oder Emojis zur Unterstützung zu nutzen. Ein Telefongespräch erfordert jedoch eine schnelle Reaktion und rein verbale Kommunikation. Junge Leute fürchten, auf unvorhergesehene Fragen oder den Gesprächsverlauf nicht angemessen reagieren zu können. Es besteht das Dilemma zwischen ständiger Erreichbarkeit und Verbundenheit bei größtmöglicher Distanz. Viele junge Menschen wünschen sich inzwischen sogar eine schriftliche Ankündigung, bevor sie angerufen werden. Spontane Telefonate empfinden sie als stressig, aufdringlich, übergriffig oder unangenehm, verbunden mit Kontrollverlust.
Vielleicht sollten wir einfach wieder mehr miteinander reden …