Was wünschen sich junge Ärzt:innen in Weiterbildung?

Und wie realistisch ist es, dass sich ihre Wünsche etwa zu Weiterbildungsregelzeiten oder zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf erfüllen? Darüber wurde im Dialogforum der Bundesärztekammer im Rahmen des 128. Ärztetages 2024 in Mainz diskutiert – und zwar erfreulich aufrichtig.

Dialogforum "Ärztliche Weiterbildung – Wunsch und Wirklichkeit"

Im Vorfeld des 128. Deutschen Ärztetages in Mainz fand am 6. Mai 2024 ein Dialogforum mit jungen Ärztinnen und Ärzten statt. In diesem Jahr stand die Veranstaltung unter dem Motto „Ärztliche Weiterbildung – Wunsch und Wirklichkeit“.

Beginnt man mit diesem Bericht da, wo die ärztliche Weiterbildung landen sollte, klingt alles sehr vielversprechend. Zum Ende der Veranstaltung zeichnete Prof. Dr. med. Henrik Herrmann ein Idealbild der Weiterbildung im Jahr 2027, das wie ein Fazit der vorausgegangenen Gespräche wirkte. Seiner Einschätzung nach sollten die kommenden drei Jahre ausreichen, um es Wirklichkeit werden zu lassen, denn ein Großteil der Voraussetzungen läge im Handlungsbereich von Ärztekammern, Fachgesellschaften und Berufsverbänden. Politik und Krankenkassen seien zwar auch gefragt, aber man müsse nicht auf sie warten.

Dieses Fazit dürften alle, die am 6. Mai 2024, einen Tag vor Beginn des 128. Deutschen Ärztetages in Mainz, am Dialogforum mit jungen Ärztinnen und Ärzten „Ärztliche Weiterbildung – Wunsch und Wirklichkeit“ teilnahmen, mehr als begrüßt haben. Dem Ausblicksvortrag am Ende der dreistündigen Veranstaltung waren lebhafte Gespräche vorausgegangen, in denen junge Ärzt:innen mit Weiterbildungsbefugten aus dem stationären und ambulanten Bereich sowie weiteren Ärzt:innen darüber diskutiert hatten, was sie sich wünschen und wie im Gegensatz dazu die Realität aussieht.

Lebenswirklichkeiten der Weiterzubildenden berücksichtigen

Den Dialog eröffneten O-Töne von Ärzt:innen, die sich derzeit in Weiterbildung befinden. Sie waren im Vorfeld gesammelt worden und wurden per Videobotschaft eingespielt:

  • „Wir wünschen uns Unterstützung durch Weiterbilder, gute Betreuung, Coaching und Feedback.“
  • „Wir wünschen uns genug Zeit und Verlässlichkeit bei den Dienstplänen.“
  • „Wir wünschen uns bessere Vereinbarkeit von klinischer Arbeit, Forschung, Familie, Privatleben und Lehre.“

Im Verlauf der anschließenden Diskussion kristallisierte sich schnell ein Schwerpunktthema heraus: Wie können die Rahmenbedingungen für die ärztliche Weiterbildung so gestaltet werden, dass sie zur Lebenswirklichkeit von jungen Ärzt:innen passen? Ein großes Thema, das sich weit auffächert – angefangen bei Missständen, die in unterschiedlichen Settings unterschiedlich stark ausgeprägt sind, wie zum Beispiel fehlende Kinderbetreuung, starke Arbeitsverdichtung und rückständige IT-Ausstattung, bis hin zu strukturellen Problemen, etwa Zeitvorgaben für den Abschluss der Weiterbildung, die nicht zuletzt aufgrund der vorhandenen Missstände unrealistisch sind.

Es ging aber auch darum, wie partnerschaftlich das Verhältnis zwischen Weiterbildungsbefugten und jungen Ärzt:innen ist. Das Gefühl, das sich bei jungen Ärzt:innen häufig einstellt, wenn sie im Krankenhaus zu arbeiten beginnen, fasste eine Diskussionsteilnehmerin so zusammen:

Wir betreten einen anderen Planeten. Ich habe das Faxen gelernt, aber auch, dass der normale Umgangston im Krankenhaus feindseliger ist. Es ist schon ein Kulturschock, den man erst mal verkraften muss.

Ärztin in Weiterbildung

Was das Diskussionsformat anbot

Die Veranstaltung begann mit Impulsvorträgen, gefolgt von zwei weiteren Vorträgen, die für die nachfolgenden Diskussionen eine Grundlage schaffen sollten.

Der Vortrag von Dr. med. Hans-Albert Gehle beschäftigte sich mit der (Muster-)Weiterbildungsordnung (MWBO) und anderen rechtlichen Rahmenvorgaben. Dabei wurde klar, wie komplex diese sind, weil die Heilberufekammergesetze in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich ausgestaltet sind, zusätzlich zur verbindlichen MWBO der Bundesärztekammer und den europäischen Vorgaben zur ärztlichen Weiterbildung. Besonders relevant sind dabei die Regelungen zu Weiterbildungsregelzeiten, -inhalten sowie zur Weiterbildung in Teilzeit. Sie spielten im Hauptteil der Veranstaltung eine große Rolle, vor allem bei der Frage, wie viel Spielraum es für individuell passende Vereinbarungen gibt.

Prof. Dr. med. habil. Uwe Köhler widmete sich im zweiten Vortrag der Frage, ob die Generation der Nachwuchsärzt:innen höhere Ansprüche stellt als vorhergehende Generationen. Ausgehend von soziologischen Erkenntnissen über die derzeit im Arztberuf tätigen Generationen X (geboren zwischen 1965 und 1980) und Y (geboren zwischen 1981 und 1996) und der sich überwiegend noch im Studium befindlichen Generation Z (geboren zwischen 1997 und 2010) arbeitete der Referent heraus, wie wichtig ein Kulturwandel erscheint hin zu Kooperation und partnerschaftlich geteilter Verantwortung für die Gestaltung der ärztlichen Weiterbildung. Das bedeute aber auch: Junge Ärzt:innen müssten lernen, klar zu formulieren, was sie möchten und dies auch einfordern.

Im Anschluss wurde fast zwei Stunden zum Thema „Status quo und Zukunft der Weiterbildung – Was muss sich ändern? Was können die Ärztekammern beitragen?“ diskutiert, und zwar im Fishbowl-Format. Bei diesem Format bezieht eine Runde von geladenen Teilnehmenden Menschen aus dem Publikum mit ein. Wer mitreden wollte, stellte sich dafür am Rand der Bühne auf und wartete, bis einer von zwei für das Publikum vorgesehenen Plätzen frei wurde. Zu den festen Teilnehmenden gehörten zwei Ärztinnen in Weiterbildung sowie je ein Weiterbildungsbefugter aus dem stationären und ambulanten Sektor.

Der Moderator, Dr. med. Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg, leitete die Debatte mit der Feststellung ein, dass sich die gegenwärtigen Analysen in Bezug auf die Situation von Ärzt:innen in Weiterbildung in Teilen sehr denjenigen ähnelten, die es bereits vor 25 Jahren gab und stellte die provokante Frage:

„Warum reden wir immer noch über Weiterbildung? Hat die Jugend wirklich zu hohe Ansprüche oder haben wir strukturelle Probleme, die sich im Kern seit Jahrzehnten nicht wesentlich geändert haben?“.

Fishbowl-Diskussion „Status quo und Zukunft der Weiterbildung“

Im Anschluss wurde fast zwei Stunden im Fishbowl-Format über das Thema „Status quo und Zukunft der Weiterbildung – Was muss sich ändern? Was können die Ärztekammern beitragen?“ diskutiert.

Weiterbildung in Regelzeit ist für viele Ärzt:innen kaum zu schaffen

Eines dieser strukturellen Kernthemen ist der Diskussion zufolge die Frage, wie sich Schwangerschaften und Kindererziehungszeiten mit einer Weiterbildung in Einklang bringen lassen. Weder gebe es genügend zum Schichtdienst passende Kinderbetreuungsmöglichkeiten, noch ausreichende Flexibilität der Arbeitgebende, um eine Weiterbildung in Teilzeit in der Regelzeit zu ermöglichen. Das habe viel damit zu tun, dass die rechtlichen Vorgaben Mindestzeiten definieren, die zu oft als Regelzeiten ausgelegt werden. Eine Unterbrechung wegen Schwangerschaft und Elternzeit sei zwar rechtlich möglich, aber in der Praxis auch deshalb schwierig, weil manche Inhalte in einer zeitlich vordefinierten Reihenfolge vermittelt werden sollen. Inhalte nachzuholen, die man verpasst hat, sei deshalb oft nur schwer möglich.

Da der Frauenanteil in den Arztberufen immer mehr steigt (inzwischen liegt ihr Anteil bei approbierten Ärzt:innen zwischen 60 und 70 Prozent) seien diese Probleme kein Privatproblem, sie gefährdeten vielmehr die flächendeckende medizinische Versorgung. Denn ohne genügend Ärzt:innen in Weiterbildung seien die Dienstpläne voller Lücken. Auch durch die gestiegene Teilzeitquote unter jungen Ärzt:innen steige die Wahrscheinlichkeit für Dienstlücken. Arbeitgebende müssten sich jedoch auf die demografischen Entwicklungen besser einstellen, so der Tenor der Diskussion. Dafür wäre es beispielsweise hilfreich, stärker zu definieren, was ärztliche Kernkompetenzen sind, damit Weiterzubildende nicht durch Aufgaben gebunden sind, die eigentlich delegiert werden könnten. Wie wichtig diese Fragen sind, zeigt auch die Tatsache, dass sich die erste Dreiviertelstunde der Diskussion allein um diesen Themenkomplex drehte.

Weiterbildungsverbünde könnten viele Probleme lösen

Der Weiterbildungsbefugte Lenhard berichtete aus Rheinland-Pfalz, dass die dort bestehenden Weiterbildungsverbünde bereits viele praktische Probleme für junge Ärzt:innen und Arbeitgebende lösten. Dabei kooperieren einzelne Krankenhäuser, Klinikunternehmen mit mehreren Standorten und Arztpraxen. Das ermöglicht es jungen Ärzt:innen, leichter an unterschiedlichen Stellen relevante Inhalte zu erlernen. Über diese Verbünde sei es möglich, zwischen größeren und kleineren Häusern zu wechseln und Arztpraxen oder Medizinische Versorgungszentren einzubeziehen. Gleichzeitig könne flexibler auf individuelle Lebenssituationen, wie zum Beispiel Kindererziehung, oder Wünsche, zum Beispiel für eine frühe Spezialisierung, eingegangen werden. Allerdings sei dann darauf zu achten, dass der Fokus für junge Ärzt:innen nicht zu eng werde, denn Weiterbildung solle auch möglichst breit Kompetenzen vermitteln, so der Hinweis eines Weiterbildungsbefugten.

Neben solchen Kooperationen fehle es aber auch an gesicherter Finanzierung, die sowohl die inhaltliche als auch die partnerschaftliche Qualität der Weiterbildung verbessern würde. Zur Qualitätssicherung gehöre auch ein geeignetes Monitoring der Weiterbildungsbefugten, damit sie sowohl fachlich als auch menschlich ärztliche Kernkompetenzen vermitteln könnten. Weiterhin seien bessere Strukturen nötig, die regelmäßige Feedbackgespräche zwischen Befugten und jungen Ärzt:innen ermöglichten sowie Intervisionen, eine Abwandlung des Supervisionsformats, bei dem sich Gleichgestellte gegenseitig beraten. Viele Weiterbildende wünschen sich zudem eine Evaluation der Weiterbildung insgesamt. Das eLogbuch biete dafür schon eine gute Grundlage, so die Meinung aller, müsse aber stärker genutzt werden, meinte der Moderator Pedram Emami.

Es wäre gut, wenn es zusätzliche Weiterbildungsbeauftragte gäbe, die Weiterbildungsbefugte bei der Betreuung von Assistenzärzt:innen entlasten könnten.

Ärztin in Weiterbildung

Konzepte, die die partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Beteiligten stärken, wurden von allen Anwesenden begrüßt. Denn: Medizin werde immer komplexer, die Evidenz nähme zu, junge Ärzt:innen seien heute in vielen Bereichen kompetenter, zum Beispiel im Umgang mit digitalen Tools. Dieses Potenzial zu nutzen, hielten alle Beteiligten für sinnvoll – vorausgesetzt daraus entstehe keine neue Überforderung.

Blick in die Zukunft: Was ist nötig?

Das Idealbild der Weiterbildung, das der Referent Henrik Hermann als Fazit des Dialogforums zeichnete, beinhaltete die meisten der zuvor diskutierten Punkte und stellte heraus, was passieren müsste, um die notwendigen Veränderungen zu erreichen. Für die Landesärztekammern ergebe sich daraus der Auftrag, die Weiterbildungsordnungen zu schärfen, zu entschlacken und vor allem auch an Vereinheitlichungen zu arbeiten, damit junge Ärzt:innen zum Beispiel bei einem Wechsel zwischen den Bundesländern nicht auf Probleme stoßen.

Bei der Schärfung der Weiterbildungsordnungen solle man sich zudem auf das Wesentliche konzentrieren, denn es sei möglich, einige der speziellen Inhalte auf einen späteren Zeitpunkt der fachärztlichen Karriere zu verlegen. Hier seien auch die Fachgesellschaften und die Berufsverbände gefragt, so Herrmann. 

Last but not least lautete der Wunsch aus der Diskussionsrunde an die Politik, Weiterbildungen finanziell anders und besser abzusichern, damit es Freiräume für mehr Partnerschaftlichkeit gibt – sowohl zwischen den Ausbildungsstätten als auch zwischen Weiterbildungsbefugten und jungen Ärzt:innen.

Der vielleicht wichtigste Wunsch richtete sich jedoch an die jungen Ärzt:innen selbst und wurde von Weiterbildungsbefugten und anderen Kammermitgliedern geäußert: „Bringen Sie sich mit Ihren Wünschen ein – sowohl in der Weiterbildung als auch in den Kammern!“

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Dialogforum mit jungen Ärzt:innen

Im Anschluss an die Veranstaltung haben wir Vertreterinnen der Ärztekammer Berlin gefragt, was aus ihrer Sicht der wichtigste Punkt ist, der sich in der ärztlichen Weiterbildung ändern müsste:

  • Kahina Toutaoui, Hausärztinnen und Hausärzte in Berlin
  • Jana Reichardt, FrAktion Gesundheit
  • Jasmin Rudolph, Allianz Berliner Ärztinnen und Ärzte – MEDI Berlin – Virchowbund

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